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So hilft Hannover am Telefon

60 Jahre Telefonseelsorge So hilft Hannover am Telefon

Es gibt sie noch, die Seelsorge am Telefon. In Hannover existiert sie seit 60 Jahren. Jedes Jahr rufen mehr als 20.000 Menschen in der Dachgeschosswohnung in Hannovers Stadtmitte an, um über ihre Probleme zu sprechen.

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Eine ehrenamtliche Helferin der Telefonseelsorge.

Quelle: von Ditfurth

Hannover. Eine Dachgeschosswohnung in Hannovers Stadtmitte, das Klingelbrett verrät nicht, wen man oben trifft. Unter Schrägen stehen in zwei Räumen Telefone und Computer, das Besprechungszimmer ist voll mit Stühlen. Aktenordner, Karteikästen, Kalender mit Dienstplänen. Ein Plakat zeigt ein Ohr, hinter das Haare zurückgesteckt sind. „24 Stunden am Tag geöffnet“, heißt der Slogan zum Foto, und er meint: das offene Ohr.

Hier ist die hannoversche Telefonseelsorge zu Hause. Eine jener Institutionen, die manche Zeitgenossen verschwunden wähnten, im digitalen Zeitalter, untergegangen mit Schwarz-Weiß-Fernsehen, Toast Hawaii und postgelben Kabinenfernsprechern mit Münzschlitz. Aber was Menschen im Innersten berührt, was ihnen Sorgen bereitet, das hat nichts mit dem Stand der Technik zu tun, das ist zu allen Zeiten gleich. In den schlimmsten Fällen sind es Depressionen, Einsamkeit, psychische Störungen, Krankheit, Sucht, Probleme in der Familie, Gedanken an Selbstmord, und sehr oft hat eines mit dem anderen zu tun.

Die Telefonseelsorge in Hannover hat etwa 100 ehrenamtliche Helfer und zwei hauptberufliche Beschäftigte, angestellt bei der evangelischen Landeskirche: Christian Voigtmann und Anke Meyer-Wenzel. Heute ist auch Anna Krüger gekommen, sie ist Krankenschwester und eine der vielen Helferinnen. Ihren richtigen Namen nennt sie nicht, weil alle Ehrenamtlichen anonym bleiben sollen.

Zehntausende wählen die 0800 111-01-11

Die dreistellige Zahl an Mitarbeitern ist notwendig, weil hier in der umfunktionierten Dachgeschosswohnung im vergangenen Jahr 21.000 Gespräche geführt wurden mit Menschen, die die Nummer der Seelsorge gewählt haben, 0800- 111-01-11. Wegen des von Telefongesellschaften eingerichteten Verteilers landen Anrufer aus der Region automatisch bei Voigtmann und seinen Helfern und nicht etwa in Bayern. Anrufer bleiben dennoch anonym, weil ihre Nummern unterdrückt werden. Zwei Drittel der Gespräche führten zu echten Beratungsgesprächen. Das Telefon ist 24 Stunden besetzt, jeden Tag, das ganze Jahr über. Voigtmann sagt: „Länger als fünf Minuten steht es nie still.“ Die Bitte, bei Gesprächen zuzuhören, um einen Eindruck zu bekommen, lehnt er ab, freundlich, aber entschieden. Anonymität ist der höchste Grundsatz bei der Seelsorge.

Es bleiben die erzählten Geschichten von Menschen, die sich unbekannten Zuhörern anvertrauten. Eine Fremdheit, die oft ein Grund ist, sich zu melden. Unter Mitarbeitern gibt es die These, dass jeder Seelsorger die Anrufe bekommt, die zu ihm passen. Anke Meyer-Wenzel hat das auf eine etwas unheimliche Art erfahren. Nachdem eine Freundin an Krebs erkrankt war und einen Embryo abtreiben musste, rief bald darauf eine Frau an. Sie erzählte von einem Kind im Bauch, das nicht leben durfte, weil die Mutter krank war. Der Seelsorgerin, die anderen helfen soll, kamen die Tränen. „Das war mir völlig unangenehm. Es war dieses Kind, das mich so erwischte. Ich glaube, ich habe für diese Mutter geweint“, sagt Meyer-Wenzel heute. Am Ende versicherte ihr die Anruferin, dass diese Tränen nichts Schlimmes wären.

Als eines Abends Voigtmann den Hörer abnahm, begann ein Gespräch mit einem bettlägerigen alten Mann, einem Wohnungslosen. Er kam bei Verwandten unter, er war abhängig von ihnen, fühlte sich aber auch schlecht gepflegt. Voigtmann erinnert sich an ein schwieriges Gespräch, manchmal schleppt es sich ja, nicht mit jedem Anrufer stimmt die Chemie. Dann kam die Rede auf Literatur, und es stellte sich heraus, dass zwei Kenner von Bertolt Brecht miteinander sprachen. „Die Stimmung schlug um, es wurde fröhlich und entspannt.“ Hilfe für den Moment, der Mann bedankte sich, dass ihm dieses Gespräch möglich war. Anna Krüger, selbst Mutter, erzählt vom Anruf eines Mädchens, das nicht wusste, wie sie mit dem schweren Krebsleiden ihrer Mutter fertig werden sollte.

Hilfe auch im Chat

Neues Angebot: Noch anonymer als am Telefon verläuft die Seelsorge im Chat am Computer, hier hören Hilfesuchende nicht einmal mehr eine Stimme am Telefon. Es ist ein recht neues Angebot der Landeskirche, um auch jüngere Menschen zu erreichen. „Die Leute stehen Schlange“, sagt Christian Voigtmann über Seelsorge per Chat. Er ist nicht ständig zu erreichen, weil das Angebot noch im Aufbau ist, bislang von 20 Uhr an für jeweils zwei Stunden. Ohnehin wird in der Seelsorge diskutiert, in welcher Form es sinnvoll sein kann, Medien wie Twitter und Whats-app in die Beratung mit aufzunehmen.
Nach ersten Erfahrungen der Ehrenamtlichen sind die Themen bei Chatgesprächen anders gewichtet als in Beratungsgesprächen am Telefon. Es geht häufiger um sexuellen Missbrauch und Selbstverletzungen. Die Adresse der Computerseelsorge lautet: chatseelsorge.de

Ein Gespräch ist aber nicht einfach ein Gespräch. In der langen Geschichte der Telefonseelsorge gab es immer wieder unterschiedliche Ansichten darüber, Moden sogar, wie anonyme Hilfe aussehen sollte. Wäre es nicht am besten, einfach nur zuzuhören, jeden Rat zu vermeiden und Anrufern nur ein Spiegel zu sein? Oder wäre es nicht angemessen, unbedingt seine eigene Haltung und vermeintliches Wissen weiterzugeben? Reichte es, zu drei Vierteln mit einem guten Herzen zu sprechen und nur einem Viertel Anteil Ausbildung? In einer Rückschau auf 60 Jahre Telefonseelsorge sind diese Ansätze beschrieben.

Anke Meyer-Wenzel glaubt nicht, dass Leute richtig sind am Telefon, die scharf darauf sind, ihre Lebenserfahrung weiterzugeben. „Wir sind keine Pädagogen, wir geben keine Ratschläge. Wichtig ist, dass man einfühlsam ist und zuhören kann.“ Keine Hilfe seien Seelsorger, die guten Willens sind, vom Schicksal ihres Gegenübers aber so ergriffen, dass sie am Telefon regelmäßig zu weinen beginnen. Das Ziel aller Gespräche beschreibt Voigtmann so: „Gemeinsam mit dem Anrufer sehen, was ein guter Weg sein könnte für seine Zukunft. Wir können ja nicht wissen, was gut für ihn ist.“ Aber wie ist es, mit unbekannten Menschen über existenzielle Themen zu sprechen? Kann nicht jedes Wort das falsche sein, wenn Menschen anrufen, die Suizidgedanken schildern? Anna Krüger, seit zwei Jahren dabei und schon als Jugendliche an Seelsorge am Telefon interessiert, sagt, mit welcher Haltung sie Gespräche führt. „Es ist wichtig, keine Angst zu haben. Wenn einer anruft, dann will der noch reden, der steht nicht auf dem Dach und springt. Ich höre zu, was da los ist im Leben, und es ist schön, wenn dieser Gedanke während des Gesprächs in den Hintergrund tritt.“

Seelsorge sucht Helfer

Unterstützung benötigt: Die Telefonseelsorge Hannover sucht weiter ehrenamtliche Mitarbeiter, insbesondere, um ausscheidende Helfer zu ersetzen. Die nächste Gelegenheit ergibt sich Anfang 2017. Interessenten sollten sich jedoch bereits jetzt melden. Voraussetzung: Sie sollten mindestens 25 Jahre alt sein und bereit, eine 150 Stunden umfassende Ausbildung zu den psychologischen Aspekten einer Gesprächsführung zu absolvieren. Sie ist kostenlos, Teilnehmer verpflichten sich jedoch, die nächsten zwei Jahre im regulären Dienst der Telefonseelsorge mitzuarbeiten.

Das bedeutet, mindestens an zwei Tagen im Monat eine Vier-Stunden-Schicht zu übernehmen und an fünf Tagen im Jahr einen Nachtdienst, er dauert acht Stunden. In regelmäßigen Runden wird über die aktuelle Arbeit gesprochen. Es gibt keine Aufwandsentschädigung, lediglich einen Ausgleich für Fahrtkosten. Übrigens sind Frauen unter den Ehrenamtlichen deutlich in der Mehrheit, sie stellen etwa 80 Prozent der Helfer. Die Telefonseelsorge legt Wert auf Vertrauen. Ehrenamtliche sollen anonym bleiben, sie sind gehalten, keinen privaten Kontakt mit Anrufern aufzunehmen. Wer Interesse hat, meldet sich vormittags unter der Telefonnummer 05 11/70 08 80.

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Sophie Mühlmann hat 13 Jahre lang als Asienkorrespondentin in Singapur verbracht. Von dort aus bereiste und beschrieb sie die riesige Region zwischen Afghanistan, Ozeanien und Nordkorea. Zuvor war sie für den ARD-Hörfunk mehrmals als Korrespondentenvertretung und „Feuerwehr-Reporterin“ in China im Einsatz. Seit dem vergangenen Sommer ist sie nun Neu-Hannoveranerin.