Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Hannovers Bulli-Bauer kommen ins Museum

60 Jahre VW-Werk Stöcken Hannovers Bulli-Bauer kommen ins Museum

Diese Fabrik hat Hannover verändert. In Spitzenzeiten haben fast 30.000 Menschen im Transporterwerk Stöcken gearbeitet. Am Dienstag vor genau 60 Jahren lief die Produktion in Hannover an – passend dazu eröffnet das Historische Museum eine Sonderausstellung, die sich bis zum 26. Juni der „automobilen Legende“ widmet.

Pferdestrasse 6, 30159 Hannover 52.3716 9.7319
Pferdestrasse 6, 30159 Hannover Mehr Infos
Nächster Artikel
Angeklagter muss nicht vermessen werden

Großer Auftrieb in Stöcken: Werksleitung, Mitarbeiter und Gäste feiern den millionsten Bulli, der 1962 in Hannover vom Band läuft.

Quelle: HAZ Archiv

Hannover. Mit dem Transporterwerk wurde das einstige Dorf Stöcken zum Stadtteil – und zu einer regelrechten VW-Familie. 9,5 Millionen Transporter sind hier vom Band gerollt, vom ursprünglichen Modell T1 bis zum aktuellen T6, und die Entwickler tüfteln schon wieder am Nachfolgemodell. 

Auch wenn man heute die rundlichen Samba-Modelle des T1 so niedlich findet und sich auf den Tafeln der Ausstellung an den Sepia-Bildern aus der Anfangszeit des Werks erfreut – „es war ein anderes Arbeiten damals in der Fabrik“, erinnerte sich am Montag Gerhard Mogwitz, einer der Facharbeiter der ersten Stunde. Die Hallen ölverschmiert, die Maschinen lärmend, die Fließbänder weit entfernt von der heutigen Ergonomie: „Ich war froh, als ich im Werk den Job wechseln konnte und vom Band wegkam“, gesteht Mogwitz, der später 20 Jahre lang Betriebsratsvorsitzender war.

Das älteste Modell: der Bulli-Prototyp von 1949.

Zur Bildergalerie

So wie er kamen am Montag 22 Mitarbeiter aus der Anfangszeit des Transporterwerks zur Ausstellungseröffnung. Sie applaudierten spontan, als der Name des Volkswagenwerk-Generaldirektors Heinrich Nordhoff (1899–1968) fiel, von dem der Ausspruch stammt: „Den Wert eines Unternehmens machen nicht Gebäude und Maschinen und auch nicht seine Banknoten aus. Wertvoll an einem Unternehmen sind nur die Menschen, die dafür arbeiten, und der Geist, in dem sie es tun.“ Solche Sätze wärmen die Seele der großen VW-Familie, auch in schwierigen Zeiten.

Dass Hannover den Zuschlag für das Werk bekam, war 1954 ein Glücksfall für die Stadt. Die Kapazitäten im Wolfsburger Stammwerk, wo der Bulli seit 1950 parallel zum Käfer gebaut wurde, reichten nicht aus. In der Wirtschaftswunderzeit war der „Jedermann-Kleinbus“ das gefragte Transportmittel schlechthin auch für den Mittelstand. „Brot, Bier und Bohnen brachte er zum Verbraucher, aber auch Waschmaschinen, Kühlschränke und Fernseher“, sagte am Montag VWN-Vorstandschef Eckhard Scholz. 330 Fahrzeuge hätte VW pro Tag absetzen können, doch das Stammwerk schaffte nur 80 – also musste schnell eine neue Fabrik her.

Baubeginn 1955 des Werks Hannover-Stöcken: Bagger schaufeln Sand auf einen LKW.

Zur Bildergalerie

200 Städte hatten sich beworben, Generaldirektor Nordhoff gab Hannover den Zuschlag. Die optimale Lage an der Kreuzung von Mittellandkanal und Autobahn 2 war entscheidend – und die Verfügbarkeit von Arbeitskräften, wie ehemalige Mitarbeiter am Montag erinnerten. Ein Jahr lang, während das Werk gebaut wurde, pendelten Hunderte Hannoveraner nach Wolfsburg, um dort die Bulli-Produktion zu lernen. Und es wäre irgendwie nicht VW, wenn die hannoverschen Mitarbeiter nicht bereits in der Wolfsburger Diaspora den ersten Streik vom Zaun gebrochen hätten. Weil VW nicht wie versprochen Fahrtgeld zahlte, legten die Bulli-Pendler ihre Arbeit nieder – natürlich erst nach der Frühstückspause. VW lenkte ein. Die starke Mitbestimmung präge den Autobauer bis heute, betonte Betriebsrätin Bettina Murkovic am Montag: „Die Kollegen haben in jeder Generation mit Überzeugung und Leidenschaft zum Erfolg des Werks beigetragen.“

Auf Schautafeln zeigt die Ausstellung Bilder von Höhepunkten der Werksgeschichte. Der einmillionste Transporter 1962, der zweimillionste 1968, der Werksbesuch von Bundespräsident Gustav Heinemann 1968, der Höchststand 1971 mit fast 30.000 Beschäftigten (1975 sind es nur noch knapp 16.900, nach Ölkrise und Verlagerung der Motorenfertigung nach Salzgitter), die neue Lackiererei 1988, der neunmillionste Transporter 2013. Museumsdirektor Professor Thomas Schwark betont allerdings, dass es in der Ausstellung um die Gesichter des VW-Werks geht: Ein Film zeigt die Menschen, die die Bullis 60 Jahre lang zu dem Mythos gemacht haben, der sie heute weltweit sind.

Die Sonderausstellung "Die Bullibauer - 60 Jahre VW-Transporter aus Hannover" beginnt am Dienstag im Historischen Museum und läuft bis zum 26. Juni.

Zur Bildergalerie

Die Protagonisten selbst sind natürlich auch anwesend, vom ältesten Modell der VW-Werkssammlung (T1-Samba von 1950, Produktionsnummer 1880) bis zum T6. Aber die Ausstellung erlaubt auch den Blick nach vorne: Gut ein halbes Dutzend Azubis zeigt, wohin die Reise bei VW geht. Fadima Aslan und Ozlem Yürür etwa demonstrieren, wie die fabrikinterne Logistik mithilfe von Funkchips (RFID) gesteuert wird. „In der Montage erkennt die Technik dadurch selbstständig, ob es ein Rechts- oder Linkslenkermodell ist oder in welcher Farbe es lackiert werden muss“, sagt die Industriemechaniker-Auszubildende Yürür. Linus Bulmahn dagegen zeigt Experimente im 3-D-Druck. Wie lange es dauert, bis VW Karossen drucken statt pressen lässt? „Komponenten vielleicht schon 2020“, sagt er. Oberbürgermeister Stefan Schostok ist sicher: „VW ist ein Glücksfall für Hannover – und wird auch weitere 60 Jahre für sichere Jobs in der Stadt stehen.“     

Ein Buch über Hannovers Technik-Geschichte

Reifen, Raketen, Rekorde – das ist der Titel des neuen Bands der Technikreihe „Es begann in Hannover ...“, die der Arbeitskreis Technikgeschichte seit 2009 herausgibt. Auf gut 100 Seiten, davon etwa ein Drittel in Farbe, zeichnen der ehemalige HAZ-Motorjournalist Dieter Tasch und Technikenthusiast Horst-Dieter Görg mit Unterstützung zahlreicher Autoren bedeutende Kapitel der lokalen Technikgeschichte nach.

Das Buch wurde am Montag in der Zentrale des Versicherers HDI vorgestellt, der die Herausgabe ebenso wie das Chemieunternehmen Solvay unterstützt. Denn HDI ist einer der größten Industrieversicherer weltweit – und die Geschichte des technischen Fortschritts kann man auch aus dem Blickwinkel der Geschichte von teuren Havarien, Pannen und Desastern betrachten, wie Kapitel des Buches liebevollen beweist. HDI-Chef Christian Hinsch unterstrich in einer kurzen Ansprache, dass die Markteinführung technischer Innovationen ohne einen risikobereiten Industrieversicherer kaum denkbar sei. Als Marktführer in Deutschland und mit einer Lokalgeschichte von fast 100 Jahren in Hannover sei es daher selbstverständlich, eine derartige Publikation unterstützen zu können.

In dem Buch wird unter anderem geschildert, wie der Hannoveraner Konrad Dannenberg in den Siebzigerjahren im US-Staat Alabama das Apollo-Projekt des Mondflugs vorantrieb, nachdem der Lutherschüler in seiner Jugendzeit von raketengetriebenen Rennversuchen mit Schienenfahrzeugen auf der „Hasenbahn“ zwischen Burgwedel und Hannover fasziniert war. Die Flugpionierin Elly Beinhorn kommt zu Wort, die Sennheiser-Unternehmensgeschichte wird ebenso nachgezeichnet wie die Entwicklung der Conti-Reifen für den Rennsport. „In diesem Band blicken wir mit dem Solvay-Kapitel auch in die Zukunft“, sagt Mitherausgeber Görg. Dort geht es um den solargetriebenen Weltumrundungsflug mit der Solar Impulse, in der 13 Solvay-Produkte verbaut sind, wie Firmenchef Andreas Meyer unterstrich.

Das Buch ist im Verlag Leuenhagen & Paris erschienen und für 19,99 Euro im Buchhandel erhältlich.     

Bulli-Termine

Zahlreiche Termine ergänzen die Ausstellung im Historischen Museum, Pferdestraße. So gibt es am 5. April, ein Zeitzeugengespräch  „Bulli-Bauer erzählen“ unter Moderation von VWN-Historikerin Cornelia Neves, die die Ausstellung zusammen mit VWN-Sprecher Volker Seitz vorbereitet hat. Am 3. Mai widmet sich das Zeitzeugengespräch den ehemaligen Entwicklern von VW-Nutzfahrzeuge. Am 17. Mai berichtet Petra Spona über die „Industrielle Revolution in Stöcken“ , am 7. Juni Gerolf Thienel über  „Anekdoten über Bulli-Oldtimer “. Alle Veranstaltungen starten um 18 Uhr, der Eintritt ist frei.

Bulli-Bummel am 3. April: Vorm Rathaus und in der Altstadt steigt an dem Sonntag von 10 bis 18 Uhr eine großer Bulli-Ausstellung mit zahlreichen Sondermodellen. Veranstalter sind die Marketinggesellschaft HVG und die Oldtimer-Abteilung von VWN. HVG-Chef Hans Nolte kündigt an, dass auf dem Trammplatz ein Bulli-Contest stattfinden soll, eine Jury kürt die Gewinner. Auch am 1. Mai dürfte es im Geburtstagsjahr Bullis zuhauf geben. Dann kommen zum „Mai-Käfer-Treffen“ traditionell auch viele Bulli-Fahrer nach Hannover.     

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt

Sie wollen auch einen kleinen Beitrag leisten, um Flüchtlingen in der Region zu helfen? Dann sind Sie hier genau richtig. Das HAZ-Portal "Hannover hilft" bringt freiwillige Helfer aus der Bevölkerung und die professionellen Hilfsorganisationen zusammen – damit die Hilfe dort ankommt, wo sie benötigt wird. mehr

So funktioniert die KATWARN-App

Stadt und Region informieren die Bürger jetzt auch via Smartphone, wenn etwa eine Bombenentschärfung ansteht oder ein Großbrand ausgebrochen ist und Gefahr für die Anwohner besteht. So funktioniert KATWARN.