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80-jähriger Chirurg denkt nicht ans Aufhören

Neurochirurg Samii 80-jähriger Chirurg denkt nicht ans Aufhören

Seit mehr als 50 Jahren arbeitet Prof. Madjid Samii als Neurochirurg – auch mit 80 Jahren will der Experte nicht kürzertreten. Im Interview verrät Samii, wie er sich fit hält.

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Hannover. Herr Prof. Samii, haben Sie heute schon im Operationssaal gestanden?

Natürlich. Wie immer habe ich meinen Arbeitstag um 8 Uhr begonnen, zwei Patienten habe ich bereits operiert. Es waren sehr herausfordernde und komplexe Eingriffe mit speziellen Tumoren. Soweit man es bisher beurteilen kann, ist alles gut gegangen.

Sie werden heute 80 Jahre alt - und noch immer operieren Sie täglich. Warum?

Weil es für mich keinen Grund gibt, es nicht zu tun. Ich liebe meinen Beruf, er macht mich glücklich. Grundsätzlich bin ich gegen Altersgrenzen im Berufsleben. Jeder sollte in seinem Fach weiterarbeiten können, solange er möchte und solange er gut darin ist. Seit 53 Jahren arbeite ich als Neurochirurg - und noch immer habe ich eine sehr ruhige Hand. Hier, sehen Sie? (zeigt seine Hand) Aber ich habe alle Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, gebeten, sofort Bescheid zu sagen, wenn ihnen an mir etwas Ungewöhnliches auffällt. Ich denke, das werden sie tun.

Wie halten Sie sich fit?

Ich laufe jeden Tag etwa fünf Kilometer - einfach, weil ich viel in Bewegung bin. Ich habe einen Schritt- und einen Kalorienzähler. Tee mit Zucker ist mein Doping. Eigentlich habe ich mir noch gar nicht richtig bewusst gemacht, dass ich so alt geworden bin. Dafür ist jeden Tag viel zu viel zu tun. Gegen 19 Uhr ruft immer meine Frau an und erinnert mich daran, dass ich mal nach Hause kommen könnte. Dann gucken wir die Nachrichten und gern auch Fußball, wie neulich das Champions-League-Finale.

In Sachen Fußball sind Sie aber eher ortsverbunden ...

Mein Herz schlägt für Hannover 96 - und mein Herzenswunsch, der Wiederaufstieg, ist erfüllt worden.

Was leistet die Neurochirurgie heute, um Patienten bestmöglich zu helfen?

Als ich vor einem halben Jahrhundert anfing, war eine Operation am Gehirn noch ein Lotteriespiel - es ging sprichwörtlich um Leben oder Tod. Heute können wir mit der funktionellen Kernspintomografie hochgenaue Abbildungen des Gehirns erzeugen, um eine Operation bis ins kleinste Detail sicher zu planen. Auch während des Eingriffs kann der Chirurg genau beobachten, wie sich dieser auswirkt. Mit der Entwicklung bildgebender Verfahren habe ich mich bereits seit den Sechzigerjahren beschäftigt. Auch war ich weltweit einer der Ersten, der mit Mikroskopen operiert hat - eine Methode, die heute zum Standard der Neurochirurgie gehört.

Und Ihre Operationen verlaufen stets erfolgreich?

Ich habe Tausende Menschen operiert. Doch es gibt leider immer wieder auch tragische Fälle, bei denen wir Neurochirurgen trotz eines gelungenen Eingriffs letztlich nicht helfen können.

Warum wollten Sie Neurochirurg werden?

Schon als Elfjähriger habe ich meinen Onkel Ebrahim bewundert, der diesen Beruf ausübte. Ich war fasziniert, wie er Menschen, die im Koma lagen, durch eine Operation heilen konnte. Die Faszination ist ungebrochen: Die ganze Menschheit ist von den Leistungen dieses hochkomplexen Organs abhängig.

So manches läuft dabei aber auch schief. Kriege und Terroranschläge erschüttern die Welt ...

Nicht nur unsere Gedanken spielen sich im Gehirn ab, auch Emotionen und Moralvorstellungen haben dort ihren Sitz. Bei jedem Menschen gibt es von Geburt an bestimmte neuronale Anlagen, die sich weiter ausbilden. So gesehen sind der Charakter oder das Gewissen die Summe von Tausenden einzelnen Erfahrungen und Begegnungen eines Individuums. Zentral ist hier die frühkindliche Entwicklung: Beim Lernen entstehen Synapsenverbindungen. Diesen Prozess können Eltern, aber auch Institutionen wie die Schule positiv beeinflussen. Oder negativ. Es ist beängstigend, dass viele junge Menschen so weit beeinflusst werden, dass sie die feste Bereitschaft entwickeln, unschuldige Menschen zu vernichten.

Weiß man schon alles über das Gehirn?

Bei Weitem nicht. Alle seine Geheimnisse zu lüften wird noch Generationen von Forschern beschäftigen. Ein Gehirn besteht aus rund 100 Milliarden Nervenzellen, von denen jede wiederum 10 000 bis 100 000 Verknüpfungen zu anderen Zellen hat. Jedes Gehirn ist in seiner Funktion einzigartig. Es hat übrigens auch noch nie jemand herausgefunden, wie das Phänomen der Liebe entsteht.

Ihr Arbeits- und Lebensmittelpunkt ist seit 40 Jahren in Hannover. Wollten Sie nie weg?

Ich hatte viele gute Angebote aus dem Ausland. Aber hier in Hannover konnte ich das umsetzen, was mir wirklich wichtig war: Mit dem im Jahr 2000 eröffneten INI habe ich eine weltweit anerkannte Forschungsklinik geschaffen, in der der Patient im Mittelpunkt steht und Mediziner verschiedener Fachgebiete interdisziplinär zusammenarbeiten - unabhängig von anderen Institutionen.

In Ihrer Heimatstadt Teheran und in Chinas Hauptstadt Peking gibt es schon zwei deutlich größere Kopien des INI. Nun soll auch das Stammhaus in Hannover wachsen - mit einer weiteren Klinik und einem „Patientenhotel“ zur Rehabilitation. Wie weit sind die Pläne?

Das Projekt ist im Zusammenhang mit dem Grundstücksverkauf frühzeitig an die Öffentlichkeit gelangt. Es ist noch zu früh, darüber zu sprechen. Ich kann aber versichern: Es wird eine Innovation für Hannover - mindestens für die nächsten zwei Jahrzehnte.

Vor 25 Jahren haben Sie den Begriff der Neurobionik geprägt. Die Fachrichtung vereint Neurowissenschaften, Biologie und Technik. Was wurde erreicht?

Bei Parkinson haben wir einen Durchbruch erzielt. Eine von außen steuerbare, tief im Gehirn implantierte Elektrode sendet Impulse aus, diese aktivieren verbliebene gesunde Zellen - und das Zittern hört auf. Auch bei Alzheimer gibt es kognitive Verbesserungen. Längst medizinischer Standard sind Cochlea-Implantate, mit denen wir Patienten helfen, die ihr Gehör durch Schädigung verloren haben. Neueste Entwicklungen machen Hoffnung für Gelähmte: Es laufen etwa Projekte mit innovativen Armprothesen, die der Patient über eine Elektrode im Hirn steuern kann.

Sollten Sie doch einmal kürzertreten, ist die Nachfolge ja schon geregelt.

Ich freue mich sehr, dass mein Sohn Amir auch Neurochirurg geworden ist und mir als Vizepräsident im INI zur Seite steht. Und vielleicht wird sich diese Kette ja noch fortsetzen: Mein zweitältester Enkelsohn macht demnächst ein Praktikum im INI.

Interview: Juliane Kaune

Zur Person: Madjid Samii

Prof. Madjid Samii zählt zu den renommiertesten Neurochirurgen weltweit. Er wurde in Teheran als Sohn eines Politikwissenschaftlers und einer Hausfrau geboren. Nach Studium und Habilitation in Mainz kam er 1977 nach Hannover, wo er Direktor der Neurochirurgischen Klinik im Nordstadt-Krankenhaus wurde. 1988 folgte der Ruf an die Medizinische Hochschule Hannover. Von 1996 bis 2002 leitete er die dortige Neurochirurgie und blieb zugleich Chef der Nordstadt-Neurochirurgie. 1992 gründete Samii die Stiftung Neurobionik, deren Präsident er noch immer ist.

Seit Juli 2000 ist Samii Ärztlicher Direktor und Präsident des International Neuroscience Institute (INI) in Hannover. Er hat auch die Präsidentschaft der in Teheran und Peking eröffneten INI-Kliniken inne. Die Liste der Auszeichnungen und Ehrentitel ist lang. Seit 1988 ist Samii Träger des Bundesverdienstkreuzes. 2001 wurde er zum Ehrenpräsidenten des Weltverbandes aller Neurochirurgischen Gesellschaften ernannt – eine höhere Auszeichnung auf diesem Gebiet gibt es nicht. Auch viele Universitäten aus aller Welt haben ihn gewürdigt. Samii erhielt 2013 den Leibniz-Ring, den der Presse-Club Hannover für herausragende Leistungen vergibt. Seit 1961 ist Samii mit seiner Frau Mahschid verheiratet. Sohn Amir ist Vizepräsident des INI, seine Tochter Betriebswirtschaftlerin. Samii ist vierfacher Großvater.

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