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Das ist Wahre Liebe!

96-Fanclub im Klinikum Warendorff Das ist Wahre Liebe!

Im Klinikum Wahrendorff unterstützt ein Fanclub seelisch und geistig Behinderter die „Roten“. Einige Profis haben hier auch viel über das Leben gelernt – als Zivis.

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Sie alle eint die Liebe zu Hannover 96: Der Fanclub des Klinikum Warendorff.

Quelle: Janssen

Sehnde. Das mit dem Per, das haben sie nicht vergessen. Ja, Per Mertesacker, das sei schon ein ganz Besonderer gewesen, als er bei ihnen im Klinikum Wahrendorff seinen Zivildienst gemacht hat. Damals, 2004, gründete sich auch der Fanclub Die Wahren 96er. „Viele sind aber schon in den Neunzigern ins Stadion gegangen“, sagt Joachim Ziert. Beim Gespräch im Café Kuckucksnest auf dem Gelände der psychiatrischen Klinik in Köthenwald trägt der Heimleiter ein Trikot der Roten, wie alle anderen auch.

Die Wahren 96er, das ist eine gut 45-köpfige Gruppe aus seelisch oder geistig gehandicapten Bewohnern, aber auch Betreuern und Externen. Es sind Männer und Frauen, junge und ältere Fans, die seit 20 Jahren der Spaß am Fußball und ihrer Lieblingstruppe verbindet. „Zu uns kann jeder kommen“, sagt Betreuer Volker Hamgardt.

Mallorquiner waren vorher zu Besuch

Gerade war ein großer Tag: Wieder mal haben die „Roten“ in der Saisonvorbereitung ein Testspiel in Ilten bestritten, einem der beiden Wahrendorff-Standorte an der B 65 Richtung Sehnde. Gegner war der RCD Mallorca. Die Mannschaft des spanischen Zweitligisten hat sich vor der Partie das Klinikum angesehen. Stolz präsentieren die Fanclubmitglieder einen Bogen mit allen Unterschriften der Profis.

Manchmal fahren sie gemeinsam zu Auswärtsspielen. Heimspiele im Stadion sind für die Gruppe aber ein Muss. Sie hat mehr als 40 Dauerkarten, allerdings nicht in der Nordkurve, wo die meisten Fanclubs sitzen, „weil es dort an der einen oder anderen Stelle doch zu turbulent ist“, sondern auf dem Oberrang im Süden. Dort stehen zwar die gegnerischen Fans in der Nähe und machen ordentlich Krach, aber man kommt sich nicht ins Gehege, es ist etwas übersichtlicher.

Pöbeleien oder andere Zwischenfälle gibt es so gut wie nie, sagt Reinhold Peisker, der Clubvorsitzende, lediglich an eine kritische Situation bei einem Auswärtsspiel in Bielefeld vor Jahren kann er sich erinnern, „da haben die eigenen Fans uns nicht in den Gästeblock reingelassen, weil es schon so voll war“. Ansonsten sind die Wahren 96er überall akzeptiert. In der HDI-Arena sowieso. „Man kennt uns da, wir sind als Gruppe voll integriert“, sagt Hamgardt. Der ehemalige Heimleiter ist für den Fanclub noch aktiv und kümmert sich unter anderem um die Finanzen. Früher haben sie noch Auswärtsspiele auf der Leinwand geguckt. Aber das Pay-TV-Abo ist zu teuer geworden. Jetzt hören sie eben Radio.

Braunschweig gegen 96

Manche Trikots im Café Kuckucksnest zeugen von einer langen Anhängerschaft einiger Mitglieder. „Gilde Ratskeller“ steht auf dem von Bewohner Andreas, den nicht nur eine lange, sondern auch eine besondere Geschichte mit den „Roten“ verbindet. „Ich komme aus dem Landkreis Peine. Mein Vater war Braunschweig-Fan. Ich hab mich mit meinen Kumpels aber für 96 entschieden. Mein Vater war nicht so begeistert.“ Gelächter in der Gruppe. Andreas (Saisonprognose: „Europa League!“) ist einer der alten Hasen. Angela dagegen ist jung. Sie hielt es früher mit dem HSV aus Hamburg und ist nun noch nicht voll überzeugt, aber eher 96-Fan. „Doch, schon. Als ich das hörte mit der Freundschaft zwischen den beiden Vereinen, hab ich mir mal ein Spiel angeguckt. Das fand ich gut.“ Auf jeden Fall ist sie Mitglied bei den Wahren 96ern.

Das ist auch „der Per“ heute noch. Mertesacker ist nicht der einzige Profi, der seinen Zivildienst im Klinikum geleistet hat. Neben vielen aus der zweiten Mannschaft waren das Jan Rosenthal, Konstantin Rausch und aus dem aktuellen Bundesligakader der führerscheinlose Manuel Schmiedebach. „Der ist immer mit dem Bus gekommen“, sagt Ziert. Für die Spieler gehe es vor allem darum, „hier mal die Füße auf den Boden zu bekommen“. Denn nicht nur auf dem Platz muss die Einstellung stimmen, was nicht jedem gleich eingeleuchtet habe. „Da mussten wir einigen schon klarmachen, dass sie hier keine Sonderrolle haben - auch den anderen Zivis gegenüber.“

Die meisten haben schließlich verstanden, worum es geht. Viele Spieler schauen immer noch rein, wenn die Wahren 96er Weihnachtsfeier haben. „Die kommen gern zu uns“, sagt Ziert, „auch weil sie wissen, dass das hier was ganz Besonderes ist.“

Mertesacker 2004: Zwischen Training und Zivildienst

Vor elf Jahren bei seinem Zivildienst im Klinikum Wahrendorff musste Per Mertesacker, bekannt für Bodenhaftung und gute Nerven, flexibel sein. Nicht nur, wenn ein Bewohner in der geschlossenen Abteilung ihn wegen des grünen Kittels glatt für einen Nervenarzt hielt. Auch das Training bei Hannover 96 und die Auftritte bei der U21-Nationalmannschaft musste „Merte“ mit seinem Job in Köthenwald in Einklang bringen. „Ich weiß nicht, was mich erwartet“, sagte der damals 19-jährige Mertesacker zum Dienstantritt. „Dass meine Leistung leidet, glaube ich nicht.“
Damit sollte Mertesacker recht behalten. Unter dem damaligen 96-Trainer Ewald Lienen war er längst eine feste Größe, wenig später folgte die erste Nominierung für die A-Nationalmannschaft, mit der er 2006 Dritter bei der Heim-Weltmeisterschaft wurde. Es folgte eine außergewöhnliche Karriere, die Mertesacker über Bremen nach London führte – und im vergangenen Jahr in Rio den Weltmeistertitel feiern ließ.
Zur Bundeswehr wollte „Merte“ 2004 übrigens bewusst nicht. Er wolle „etwas Sinnvolles leisten“, sagte er damals.

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