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Aus der Stadt 96 darf kein Geld von Böllerwerfer eintreiben
Hannover Aus der Stadt 96 darf kein Geld von Böllerwerfer eintreiben
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02:16 29.05.2015
Von Michael Zgoll
Böllerwürfe: Der DFB hatte 96 eine Strafe von 50.000 Euro auferlegt. Quelle: dpa (Symbolbild)
Hannover

Am Sonnabend noch feierte Hannover 96 mit dem Sieg gegen den SC Freiburg den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga, am Dienstag gab es vor dem Landgericht Hannover eine heftige Klatsche. Laut Urteil der 2. Zivilkammer hat die Profifußball-Gesellschaft von 96 kein Recht, sich von einem Böllerwerfer 20.000 Euro zurückzuholen - ein Teil der Strafe von 50.000 Euro, die der Deutsche Fußball-Bund (DFB) dem Verein wegen Ausschreitungen bei Spielen gegen den VfL Wolfsburg und Eintracht Braunschweig auferlegt hatte. DFB und Vereine würden mit derartigen von der Sportgerichtsbarkeit verfügten Sanktionen eine Paralleljustiz installieren, so der Tenor der Urteilsbegründung, die einer rechtsstaatlichen Überprüfung nicht standhalte. Zudem habe im konkreten Fall überhaupt kein Vertragsverhältnis zwischen Fan und 96 bestanden.

Der 28-jährige Jan G. aus Langenhagen war im März dieses Jahres vom Amtsgericht Wolfsburg wegen gefährlicher Körperverletzung und strafbaren Gebrauchs von Explosivstoffen zu einer Bewährungsstrafe von 14 Monaten verurteilt worden. Er hatte am 25. Januar 2014 beim Spiel Wolfsburg gegen 96 im Gästeblock der Volkswagen-Arena einen illegalen Feuerwerkskörper gezündet. Dabei sollte ein Ronnenberger Fliesenleger - so hieß es zunächst - massive Schäden am Trommelfell erlitten haben, die ihn nahezu taub werden ließen. Später kamen zwei Mediziner allerdings zu dem Schluss, dass die Folgeschäden bei weitem nicht so dramatisch waren, wie sie das Opfer dargestellt hatte.

Kammer kritisiert DFB-Gerichtsbarkeit

Der Versuch von 96, sich bei Jan G. zumindest teilweise für die vom DFB-Kontrollausschuss beantragte und vom Sportgericht verhängte Geldstrafe schadlos zu halten und von dem Langenhagener 20.000 Euro Schadenersatz einzufordern, scheiterte jetzt auf ganzer Linie. Zunächst einmal, so urteilte das Landgericht, habe der Fan seine Eintrittskarte direkt vom VfL Wolfsburg erworben - damit bestehe zwischen ihm und Hannover 96 überhaupt kein Vertragsverhältnis.

Schelte betrieb die Kammer in ihrem 20-seitigen Urteil auch gegenüber der DFB-Gerichtsbarkeit. Die Sanktionen gegen 96 seien nicht vernünftig begründet worden, etliche Passagen und Begrifflichkeiten undeutlich. Die Strafzumessung sei grob unbillig und stelle generalpräventive Gesichtspunkte in den Vordergrund, so Kleybolte; die verhängte Strafe orientiere sich an der finanziellen Leistungsfähigkeit des Vereins, nicht aber an den persönlichen Verhältnissen des beklagten Fans. Auch sei es treuwidrig, dass G. gesamtschuldnerisch für Übergriffe haftbar gemacht werde, an denen er partiell gar nicht beteiligt war - heißt die Ausschreitungen beim Derby gegen Braunschweig.

96 kann in Berufung gehen

Zunächst hätte der Verein gegen das Verdikt der Sportgerichtsbarkeit angehen müssen, so das Landgericht, dann hätte 96 die Verbandsstrafe niemals durchreichen dürfen. Sollten nichtstaatliche Organisationen wie DFB oder Fußballvereine das Sanktionssystem der Strafjustiz als zu milde empfinden, seien sie trotzdem nicht legitimiert, diese Rechtsprechung durch hohe Geldstrafen zu unterlaufen.

G.s Anwalt Hermann Schade begrüßte den Urteilsspruch. Er sei dankbar, dass sich eine Kammer endlich einmal der Mühe unterzogen habe, das Thema Fanhaftung juristisch-wissenschaftlich aufzuarbeiten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig; die Wahrscheinlichkeit, dass 96 in Berufung geht, ist hoch.

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