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Rock auf dem Messegelände

AC/DC spielen am Dienstag in Hannover vor 80.000 Zuschauern


Keine Rockband hat so viele Fans wie diese: 
AC/DC geht immer und überall – 
ob auf dem Ministershirt, 
im Discountmarkt 
oder am Dienstag vor 80.000 Menschen in Hannover.
 Wie das funktioniert? 
Ganz einfach. Die HAZ-Redakteure Dirk Schmaler und Uwe Janssen zeigen wie.
Die Spaßzulieferer: Brian Johnson und Angus Young (re.).

Die Spaßzulieferer: Brian Johnson und Angus Young (re.).

© dpa (Archiv)

Es gibt diese Szene. Sie zeigt den damaligen Bundeswirtschaftsminister Karl Theodor zu Guttenberg im Wahlkampf im vergangenen Jahr. Der adelige CSU-Politiker steht auf einer kleinen Zeltbühne im bayerischen Abensberg. Neben ihm steht ein junger Mann mit einer Gitarre und kurzen Hosen, er sieht in etwa aus wie die bayerische Ausgabe von Angus Young vor 30 Jahren. Guttenberg hat sich ein schwarzes T-Shirt über sein weißes Oberhemd gestreift, darauf steht in roten, eckigen Buchstaben: AC/DC, getrennt durch einen Blitz. Die beiden, der echte Gitarrist der Abensberger Schülerband, und zu Guttenberg, der Bundesluftgitarrist, spielen Schulter an Schulter „Highway To Hell“. Ein örtlicher CSU-Parteifreund mit grüner Krawatte und beigem Anzug klatscht dazu amüsiert in die Hände. Ja, das rockt.

Die CSU und AC/DC: Womöglich sagt diese ungewöhnliche Melange weniger über den aristokratischen Jungpolitiker mit den teuren Anzügen und der Gelfrisur aus, der zur Entspannung gern Platons „Politeia“ im griechischen Original liest, als vielmehr einiges über die Band. AC/DC ist längst keine Nischengruppe aus einer Nischenkultur mehr wie im Jahr 1979, als der Rezensent der HAZ den „kleinwüchsigen Australiern“ einen „Hang zum Sadomasochismus“ bescheinigte (was nicht stimmt) und „kein stilistisches Profil“ (was gar nicht stimmt) sowie „wenig abwechslungsreiche Rhythmen und Harmonien“ (was absolut stimmt).

Heute ist AC/DC Allgemeingut, Konsens – Genrebezeichnung: die Rocker. Denen Discounter „Penny“ zum Start des Albums „Black Ice“ (2009) schon mal eine „AC/DC-Woche“ widmet. Und mit denen man auch als Politiker gefahrlos Basisnähe demonstrieren kann, ohne gleich als Freak dazustehen. AC/DC ist konservativ, zeitlos und etwas verwegen. Und natürlich: laut. Eigentlich wie die CSU.

AC/DC, gegründet 1973 von den Brüdern Angus und Malcolm Young, wollte „den bekifften Hippiesound mit Rockmusik wegpusten“, hat Angus kürzlich noch einmal rückblickend erklärt. Diesem ganzen bunten, verspielten und psychedelischen Selbstfindungstrip setzte AC/DC ein schwarzes T-Shirt und eine mörderische Klarheit entgegen. Für ihn komme es immer darauf an, „alles auf die simpelsten Inhalte herunterzubrechen“ und sich nicht „in unsinnigen musikalischen Ausflügen zu verlieren“, erklärt Angus Young. Das hat er geschafft. Eigentlich in all seinen Songs. In einem „Spiegel“-Interview sagte der Gitarrist einmal, dass seine Frau behaupte, sie erkenne ein Riff der Stones sofort an den klassischen drei Akkorden. Sein Kommentar: „Schön, aber viel zu aufwendig.“

So funktioniert AC/DC. Gegen dieses Kraftwerk sollen selbst die Stones wie verspielte Jazzfrickler wirken. Weil die Australier noch brachialer, noch einfacher, noch kompromissloser in der Ursuppe der Rockmusik schwimmen und das Künstlersein für sich nicht als kreative Freiheit definieren, sondern als Dienst am Fan. Sie wollen nicht den Kopf erreichen, aber so ziemlich alles darunter. Oder, in AC/DC-Diktion: Got You By The Balls.

Die Fans lieben diese Schnörkellosigkeit. In Zeiten von Polittalk mit vorgestanzten Bandwurmsätzen, von Credit Default Swaps und Leerverkäufen, tut es offenbar mehr denn je gut, wenn jemand mal nicht um irgendetwas herumredet. Keinen Ton zu viel spielt, aber jeden einzelnen laut und deutlich. Wer AC/DC im Konzert erlebt hat, weiß, dass dieses Konzept aufgeht – und dass einfacher Rock ’n’ Roll wirklich ein Rauschmittel sein kann. 80.000 Menschen wollen die Band heute in Hannover sehen. Die Hallentournee im vergangenen Winter war innerhalb von gerade mal zwölf Minuten ausverkauft.

Auch dank Chefgitarrist Angus Young, der eigentlich einen Kopf hat wie ein großer Künstler, mit hohem Haaransatz, trotz allem Herumgehüpfe immer konzentriert darauf, mithilfe seiner Gibson SG (deren konkurrenzlos bekanntester Bediener er ist) nicht als 155 Zentimeter groß, sondern als 130 Dezibel laut wahrgenommen zu werden. Konzentriert darauf, Tausende Kniekehlen im richtigen Moment zum Einknicken zu bringen.

Denn darum geht es eigentlich. Bei all dem Männerschweiß, Phallusrock und Arbeiterlärm ist AC/DC eigentlich eine Tanzband. Eine Fetenkombo mit Amüsiergarantie. Oder wie Gurki, der Bandleader der Kapelle „Tiffanys“ aus Heinz Strunks Roman „Fleisch ist mein Gemüse“, sagt: „Hauptsache ist doch, dass du geil ablieferst.“ So machen es die Hardrocker auch. Und kreieren als verlässlicher Spaßzulieferbetrieb ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, und „da weiß man, was man hat“. So erklärt sich wohl diese bis zur Altersstarre konsequente Weigerung, sich musikalisch zu verändern. Diese immergleiche „Wir spielen keine Balladen, wir sind AC/DC“-Attitüde ist nicht nur ein Markensiegel, sondern auch ein unter Fans des schweren Rocks hoch geschätztes Versprechen: Wir werden uns nicht ändern! Der Treueschwur zwischen AC/DC und den Fans ist ein gegenseitiger. Hinzu kommt eine Glaubwürdigkeit, die mancher Hip-Hopper gern hätte. Bei AC/DC kommt jedenfalls nicht das Gefühl auf, dass sie Bier predigen und Wasser saufen.

Da akzeptiert man auch schon mal große Zäsuren wie einen Sängerwechsel, der für die meisten Bands einen Karriereknick oder gleich das Aus bedeutet. Als Bon Scott 1980 nach einer durchzechten Nacht an seinem Erbrochenen erstickte, kam die Band bereits ein Jahr später mit dem neuem Sänger Brian Johnson und dem fulminanten Album „Back in Black“ zurück – und begründete damit ihren anscheinend unkaputtbaren Kultstatus.

Den hat auch der skurrile, aber einzigartige Modegeschmack von Angus Young, der auf der Bühne seit jeher eine Schuluniform mit Schlips und kurzer Hose trägt. Das immerhin hat sich Karl Theodor zu Guttenberg noch nicht getraut.

Dirk Schmaler 
und Uwe Janssen

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