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Aus der Stadt So gut ist die ARD-Doku „Der Hannover-Komplex“
Hannover Aus der Stadt So gut ist die ARD-Doku „Der Hannover-Komplex“
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16:06 02.05.2016
Von Michael B. Berger
Die gemeinsame Liebe zu Hannover 96 verbindet: Klaus Meine (von links), Gerhard Schröder, Carsten Maschmeyer, Rudolf Schenker und Götz von Fromberg.  Quelle: Droese
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Hannover

Was hat Hannover, das andere Städte nicht haben? Zum Beispiel eine verhältnismäßig große Anzahl von Politikern, die es in Deutschland weit, ziemlich weit gebracht haben. Gerhard Schröder zum Beispiel. Oder auch den früh im Bundespräsidentenamt gescheiterten Christian Wulff. Aber auch Sigmar Gabriel und Frank Walter Steinmeier haben ihre Karriere in Hannover begonnen – wie auch Ursula von der Leyen. „Was macht die angebliche Hauptstadt der Mittelmäßigkeit zum politischen Sprungbrett?“, hat sich der preisgekrönte Journalist und Dokumentarist Lutz Hachmeister gefragt.

In seinem neuen 90-Minuten-Film (ARD, Montag, 22.45 Uhr) ist er der Frage nachgegangen, was den „Hannover-Komplex“ denn eigentlich ausmacht und was die Stadt, die sich ansonsten eher durch ihre Bodenständigkeit auszeichnet, zum Nährstoffboden von Politikern werden ließ, die in der Bundespolitik hoch hinaus wollen. Eine zwingend einleuchtende Erklärung dafür hat Hachmeister nicht gefunden, dafür aber ein facettenreiches Bild niedersächsischer Landespolitik der vergangenen Jahrzehnte entworfen. Vom Landesvater Hinrich Wilhelm-Kopf, der das Land auch „mit der Leber“ regierte, bis heute. Wo die Leberwerte im Reinen sind.

„Schröder, das war schon eine coole Sau“

Eine der Erklärungen Hachmeisters ist die Tatsache, dass Hannover eine harte, aber damit gute Schule für Wahlkämpfer geworden ist – schon seit Zeiten des Christdemokraten Ernst Albrecht, der das bis in die Siebzigerjahre eher unauffällige Agrar- und Messeland modernisierte. Eine weitere Erklärung sieht Hachmeister in der Tatsache, dass die Stadt eben übersichtlich ist, und sich hier relativ schnell „Männerbünde“ bilden konnten, die gerne gemeinsam feiern, aber auch Karrieren fördern. Treibstoff des Unternehmens immer wieder: Die gemeinsame Liebe zum Sport, genauer zu Hannover 96.

Dabei haben die Eltern dem in Hannover geborenen Journalisten Giovanni di Lorenzo noch mit auf den Weg gegeben: „Wenn du etwas werden willst, musst du weg.“ Di Lorenzo ist dem Rat seiner Eltern gefolgt, ist „Zeit“-Chefredakteur geworden, eine Fernsehgröße – und einer von etlichen Zeugen, die Hachmeister in seinem sehenswerten Sittengemälde immer wieder auftreten lässt. Einer von 17  Personen. Di Lorenzo hat den jungen, wilden Schröder noch persönlich erlebt, den Hachmeister in heute eher ungewöhnlichen Aufnahmen aus dem NDR-Archiv als Wahlkämpfer wieder auferstehen lässt. Etwa halbnackt bei einer Priltaufe in Cuxhaven. Di Lorenzo: „Schröder, das war schon eine coole Sau.“

Die Hauptstadt des „Peoples Business“ 

Da war sein Nachfolger, der wegen gelegentlicher Widersprüche zu Helmut Kohl als „junger Wilder“ galt, doch wesentlich kommoder. Hachmeister zeigt einen Auftritt des jungen Christian Wulff, 1994 im hannoverschen Luisenhof beim Bund Deutscher Sekretärinnen – Bilder, die kaum zu passen scheinen zum funkelnden „Nord-Süd-Dialog“, mit dem sich der spätere Ministerpräsident Wulff mit seinem Amtskollegen Günther Oettinger in Szene setzte. „So eine Showtime hat es selbst unter Schröder nicht gegeben.“ Hannover als Hauptstadt des „Peoples Business“.

Doch das rauschende Fest am Flughafen mit eingeflogenem Hollywoodstar Faye Dunaway, analysiert Hachmeister, war in einer bodenständigen Stadt wie Hannover ein bisschen zu dicke. Der „Dialog“ an einem abgesperrten Flughafenterminal, auf dem auch AWD-Gründer Karsten Maschmeyer und seine Frau Veronika Ferres nicht fehlten, ist später selbst Gegenstand politischer Nachfragen geworden, als der Bundespräsident Wulff wegen des ungewöhnlichen Hauskredits eines „väterlichen Freundes“ in die Krise geriet. Als das manchmal zu enge Verhältnis zwischen Wirtschaft und Politik Gegenstand journalistischer Nachfragen und umfangreichster staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen wurde.

Nichts am Hut

Plötzlich wurde zum geheimnisumwitterten Thema, warum ausgerechnet Christian Wulff, der in den Wahlkämpfen 1994 und 1998 ein erbitterter Gegner Schröders war, die Freundschaft Maschmeyers suchte, der 1998 auch mit dazu beigetragen hatte, dass der Hannoveraner Bundeskanzler wurde. Die „FAZ“, angetrieben durch ihren mittlerweile verstorbenen Herausgeber Frank Schirrmacher, kreierte das Wort von den angeblichen „Erbfreundschaften“. Schirrmacher, irritiert oder angeregt durch das Tattoo auf dem Oberarm der Präsidentengattin, so berichtet es einer seiner Mitstreiter, schickt Reporter in die Stadt – und entwirft das Bild eines schwiemeligen Hannovers, in dem die Kellerbar des Schröder-Freundes Götz von Fromberg zur vermeintlichen Ideenschmiede von Wirtschaft, Fußball und Politik wird – und im Hintergrund regeln die Hells Angels, vertreten vom Anwalt Fromberg, die Geschäfte.

„Politische Hochprominenz, Hells Angels, Frombergs Keller – diese Mischung kann man doch anhübschen“, lässt Hachmeister den Wulff-Vertrauten und früheren Finanzminister Hartmut Möllring lästern. Dabei hatte Wulff mit Schröders Studienfreund Fromberg nun wirklich gar nichts am Hut.

Fromberg führt durch Hannover

Den Stadtführer macht bei Hachmeister ausgerechnet der Kellermeister Fromberg. Er fährt den Regisseur ins Stadion, schwärmt liebevoll von seinen Jugendzeiten bei 96, zeigt ihm das hannoversche Zooviertel oder auch die Schönheit der Jugenstilfassaden an der Bödekerstraße. Fremdenführer Fromberg öffnet dem Filmemacher geradezu sein Herz – und eröffnet Einblicke, die dem Anwalt nicht unbedingt zum Vorteil gereichen. Denn die Figur des Hells-Angels-Chef Hanebuth, dem in Spanien der Prozess gemacht werden soll, ist äußerst umstritten. Doch Fromberg seufzt, als die beiden am Rotlichtbezirk vorbeifahren, wie sehr doch die Partymeile hier heruntergekommen sei, seitdem Hanebuth und seine Hells Angels nicht mehr die Regie führten: „Der fehlt an allen Ecken und Kanten.“ Da führt der Dokumentarist den Anwalt, dessen Studienfreund Schröder wegen der Hells-Angels-Nähe auf Distanz ging, kommentarlos vor.

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