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Aus der Stadt Abschied in Hannover für getötete Soldaten
Hannover Aus der Stadt Abschied in Hannover für getötete Soldaten
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21:03 03.06.2011
Der letzte Weg: Soldaten tragen die Särge ihrer Kameraden. Quelle: dpa
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Auf die Frage nach dem Sinn wird er an diesem Tag keine Antwort geben können. Das weiß Verteidigungsminister Thomas de Maizière, als er am Freitagvormittag die Epiphanias-Kirche im Sahlkamp betritt. Drei Särge sind dort vor dem Altar aufgebahrt. Ein Soldat, der direkt daneben steht, presst seine Lippen immer wieder fest zusammen, versucht mit aller Kraft, den Schmerz zu ertragen. Hunderte Soldaten haben am Freitag in Hannover Abschied von drei gefallenen Kameraden genommen. Der 33-jährige Hauptmann Markus Matthes starb am 25. Mai bei einem Sprengstoffanschlag auf eine Patrouille in der Nähe von Kundus. Nur drei Tage später forderte der Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch zwei weitere Todesopfer: Der 31 Jahre alte Hauptfeldwebel Tobias Lagenstein und 43-jährige Major Thomas Tholi kamen bei einem Attentat im Gouverneurspalast in der afghanischen Stadt Taloqan ums Leben.

Trauer um die in Afghanistan getöteten Soldaten. Bei einem Gottesdienst in der hannoverschen Epiphaniaskirche verabschiedeten sich am Freitag viele Menschen von den Kameraden.

Die Familien nehmen ganz vorn in der Kirche Platz, direkt vor den Särgen, die mit schwarz-rot-goldenen Flaggen bedeckt sind. Davor sind kleine schwarze Samtkissen platziert, auf denen die Verdienstabzeichen der Gefallenen drapiert sind. Hinter jedem Sarg ist ein Porträtfoto des Gestorbenen aufgestellt. Die gerahmten Bilder führen mit fast rücksichtsloser Deutlichkeit vor Augen: Diese Männer waren viel zu jung zum Sterben.

Neben den Särgen halten jeweils acht Soldaten Totenwache. Sie stammen aus den Einheiten, in denen die Gefallenen ihre militärische Heimat hatten.

Die Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt. Rund 450 Menschen wollen Abschied nehmen und den getöteten Soldaten Respekt und Anerkennung zollen. Neben Bundesverteidigungsminister de Maizière sind der Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, und der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus gekommen. Die Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann, der hannoversche Landesbischof Ralf Meister und Regionaldechant Propst Martin Tenge erweisen den Toten die letzte Ehre. Der stellvertretende Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Jörg Bode und Landtagspräsident Hermann Dinkla vertreten das Land Niedersachsen. Staatssekretär Thomas Kossendey, die hannoversche Abgeordnete Maria Flachsbarth und Mitglieder des Verteidigungsausschusses nehmen in der Kirche Platz. Regionspräsident Hauke Jagau und Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil zählen gleichfalls zu den Trauergästen.

Einer fehlt an diesem Tag: Generalmajor Markus Kneip, Kommandeur der 1. Panzerdivision. Er war dabei, als sein engster Mitarbeiter Thomas Tholi und sein Personenschützer Tobias Lagenstein vor einer Woche aus dem Leben gerissen wurden. Kneip selbst trug Verletzungen davon; am Freitag nun musste er sich dem Rat der Ärzte beugen und auf die Reise nach Hannover verzichten. Der deutsche Regionalkommandeur für Nordafghanistan wird weiterhin im Bundeswehrkrankenhaus ins Koblenz behandelt.

Der evangelische Militärdekan Armin Wenzel aus Kiel und der katholische Militärdekan Hartmut Gremler aus Erfurt gestalten den ökumenischen Gottesdienst gemeinsam. „Das Leben der jungen Männer ist abgeschnitten wie ein Faden“, sagt Wenzel in seiner Predigt. „Wie kann Gott uns diese Last zumuten? Und gibt es Trost in dieser abgrundtiefen Traurigkeit?“ Christen hätten nur den Trost, dass Jesus am Kreuz gestorben sei. „Aber Gott hat an ihm festgehalten.“

Rund 500 Soldaten, darunter viele Offizieranwärter, haben sich hinter der Kirche versammelt. Über eine Großbildleinwand verfolgen sie den Gottesdienst. Die jungen Soldaten werden früher oder später alle in den Einsatz gehen. Sie wissen, dass sie womöglich ihr Leben riskieren. Jetzt sehen sie die Bilder von den Särgen. Die Männer und Frauen begreifen an diesem Tag, was der Einsatz bedeutet. Die Gesichter sind ernst. „Einigkeit und Recht und Freiheit“: Als die Nationalhymne gespielt wird, fehlt vielen zunächst die Stimme. Die Augen werden feucht, immer wieder.

„Unser Einsatz in Afghanistan fordert einen hohen Preis“, bekennt der Verteidigungsminister in seiner Trauerrede. „Die Soldaten dürfen erwarten, dass wir ihre Bereitschaft dankbar würdigen, nicht nur an solchen Tagen.“ Die deutschen Soldaten seien in Afghanistan, um Vertrauen aufzubauen. „Vertrauen kann und darf nicht weggesprengt werden“, sagt de Maizière und räumt ein: „Zweifel an einem solchen Einsatz sind erlaubt, sie sind notwendig. Wer nicht zweifelt, sollte zweifeln.“

Oberbürgermeister Stephan Weil hebt in einer kurzen Ansprache die enge Verbundenheit der Stadt Hannover mit der 1. Panzerdivision hervor. Er bekundet den Angehörigen der Getöteten sein Mitgefühl, trauert gemeinsam mit den vielen Soldaten: „Wir haben besonders wertvolle Mitglieder unserer gesamten Gemeinschaft verloren.“

Dann ist es plötzlich still in der Kirche, sehr still – bis drei Dutzend Soldaten des Wachbataillons zum Altar schreiten, um die Särge aus der Kirche zu tragen. Ein Trompeter spielt das Lied vom „Guten Kameraden“, eine Marschtrommel wird angeschlagen.

Die Angehörigen der Gefallenen halten sich fest an den Händen. Die Särge verschwinden hinter den Türen der Leichenwagen. Die Familien der Soldaten sehen die schwarzen Autos in die Ferne entschwinden. Es sind schmerzvolle, lange Sekunden. Auch der Verteidigungsminister, zum ersten Mal bei einer Trauerfeier für Soldaten, blickt den Autos mit den Särgen hinterher. Am Sonnabend werden die Toten in ihren Heimatorten zur letzten Ruhe gebettet.

Klaus von der Brelie und Vivien-Marie Drews

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