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Aus der Stadt Wieso entscheiden sich Frauen für eine Abtreibung?
Hannover Aus der Stadt Wieso entscheiden sich Frauen für eine Abtreibung?
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14:22 25.02.2018
Entscheidung über ungeborenes Leben: Ultraschallaufnahme einer Schwangeren.  Quelle: picture alliance / dpa

Frau Schmidt*, Sie sind Frauenärztin in einer ganz normalen Gemeinschaftspraxis in Hannover. Wie oft haben Sie es im vergangenen Jahr erlebt, dass eine Frau eine Abtreibung durchgeführt hat?

Wir haben 2017 42 Patientinnen mit einem Schwangerschaftsabbruch begleitet. 

Wie alt waren die Frauen?

Das war sehr unterschiedlich. Die jüngste war 16 Jahre alt, die älteste 46. Überrascht hat mich, dass die meisten Patientinnen 40 Jahre und älter waren. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil wir ja auch das extreme Gegenbeispiel erleben: Frauen, die mit 45 noch verzweifelt versuchen, ein Kind zu bekommen und für eine künstliche Befruchtung bis nach Mallorca, Tschechien oder nach Polen fahren.

Warum werden Frauen in diesem Alter noch ungewollt schwanger? Fragen der Verhütung sollten doch geklärt sein.

Ja, stimmt. Dazu kommt: Viele haben einen festen Partner und hätten damit auch einen Vater für das Kind, anders als manche jüngere Frau nach einem One-Night-Stand. 

Warum also werden sie ungewollt schwanger?  

Sie unterschätzen die Gefahr, dass es in ihrem Alter noch passieren kann. Gerade in einer längeren, festen Beziehung ist die Frequenz des Geschlechtsverkehrs zudem häufig nicht mehr so hoch. Statt vielleicht vier-,  fünfmal in der Woche wie zwischen 20 und 30 findet er vielleicht nur noch zweimal im Monat statt. Manche Frauen wollen dafür nicht mehr die Pille nehmen oder sich die Spirale einsetzen lassen. Sie vertrauen auf unsichere Verhütungsmethoden oder ihr Glück. 

Warum treiben sie ab, wenn sie doch schwanger werden?

Ein Kind passt einfach nicht mehr in ihr Leben. Manchmal aus rein finanziellen Gründen. Es sind vielleicht schon Kinder da. Das Geld reicht nicht für ein weiteres. Oder der Partner will nicht. Manche Frauen bezweifeln, ob sie in ihrem Alter mit einem Kind noch einmal ganz von vorn anfangen können. Sie trauen sich diesen Neuanfang nicht zu und entscheiden sich gegen das Kind.

Thema im Bundestag

Der Bundestag debattiert am Donnerstag in erster Lesung über mehrere Gesetzesentwürfe, die das geltende Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche betreffen. Derzeit ist es Ärzten und Kliniken, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, nicht gestattet, über diese Leistungen öffentlich zu informieren. Der Strafrechtsparagraf 219a verbietet Werbung für Abtreibungen aus wirtschaftlichem Eigeninteresse oder „in grob anstößiger Weise“. Linke und Grüne wollen den Paragrafen abschaffen, die FDP will die Regelung lockern. Auslöser der Debatte war der Fall einer Gießener Frauenärztin, die im November vergangenen Jahres wegen Abtreibungsinformationen auf ihrer Webseite zu 6000 Euro Geldstrafe verurteilt worden war. Der Verband Evangelische Frauen in Deutschland (EFiD) mit Sitz in Hannover hat  sich unlängst für die Abschaffung des Paragrafen 219a ausgesprochen. Er verhindere, dass Frauen in Notlagen sich eigenständig und unabhängig von Beratungsstellen informieren könnten.

Warum treiben Frauen überhaupt ab?

Im Detail sind die Antworten, die ich in der Praxis höre, grundverschieden. Es ist etwas anderes, ob eine junge Frau abtreiben möchte, die noch zur Schule geht oder eine Ausbildung macht, oder ob sie mitten im Leben steht. Aber im Grunde ist die Antwort immer dieselbe. Sie lautet: Das Kind passt nicht in mein Leben. Sei es aus finanziellen, partnerschaftlichen, familiären Gründen. 

Gibt es Unterschiede, je nachdem ob Frauen aus gut situierten oder armen Verhältnissen stammen?

Nein, zu uns kommen Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten, die eine Abtreibung wünschen. Ich würde sogar eher sagen, dass junge Mädchen aus sozial schwierigen Verhältnissen häufiger ein Kind behalten wollen oder es bewusst darauf anlegen, dass sie schwanger werden. Sie haben vielleicht selbst nie behütete Familienverhältnisse, Geborgenheit, erlebt und wollen sich mit ihrem Kind ein Nest bauen, das so etwas bietet.

Und?

Das geht relativ häufig nach hinten los.  Wir haben Patientinnen mit solchen Träumen hier, die sind Hartz-VI-Empfängerinnen in dritter Generation. Es ist gerade in solchen Fällen oft sehr schwer, irgendwann beruflich Fuß zu fassen. 

Kommen eigentlich auch Männer zu einem Gespräch beim Frauenarzt über eine ungewollte Schwangerschaft mit?

Das ist extrem selten. 

Warum?

Ich glaube, die meisten Frauen denken immer noch, das ist ihr Ding. Bei schwangeren Frauen ist das ganz anders. Da ist bei den Untersuchungen mittlerweile oft der Mann dabei, und zwar nicht nur der intellektuelle Deutsche, den man sich gemeinhin so vorstellt, sondern auch immer häufiger der Mann mit Migrationshintergrund. Auch wenn ich mit Frauen nach einer Fehlgeburt darüber spreche, wie es jetzt weiter geht, kommen oft Männer mit. Bei ungewollten Schwangerschaften nicht.

Wie läuft eine Beratung in Ihrer Praxis konkret ab? Geben die Frauen beispielsweise bei der Terminanmeldung offen an , dass sie über eine ungewollte Schwangerschaft, eine mögliche Abtreibung reden wollen? Die eine oder andere hat ja möglicherweise schon einen Schwangerschaftstest gemacht ...

Nein, das ist eher selten. Manche sagen bei der Anmeldung gar nicht, weshalb sie kommen. Viele geben als Grund einfach eine ausbleibende Regelblutung an. Dann weiß ich schon, dass das ein Gespräch mit sehr unterschiedlichem Verlauf werden kann. Ich versuche herauszubekommen, wie die Patientin zu einer möglichen Schwangerschaft steht, bevor ich einen Ultraschall mache.

Warum?

Wenn eine Frau zum Beispiel spontan sagt: ‚Oh Gott, eine Schwangerschaft, bloß das nicht’, achte ich darauf, dass sie nicht auf den Bildschirm des Ultraschallgerätes gucken kann.

Warum?

Ich finde, ein 17- oder 18-jähriges Mädchen muss nicht unbedingt sehen, wie so ein kleines Menschlein aussieht, gegen das es sich entscheidet, weil es sich es nicht zutraut, so früh Mutter zu werden. Es gibt aber auch Kollegen, die das anders sehen. Sie glauben, die Frauen müssen das aushalten, müssen genau wissen, was sie tun. Das muss jeder Arzt für sich entscheiden.

Was machen Sie, wenn Sie eine Schwangerschaft feststellen und die Frau sagt, ich will das Kind nicht? 

Ich frage sie nach den Gründen. Ich frage sie, ob sie sich sicher ist. Wenn ich das Gefühl habe, eine Frau ist sehr ambivalent in ihrer Entscheidung, schicke ich sie noch einmal nach Hause, bevor ich ihr erläutere, wie es weiter geht.

Und dann?

Wenn sie tatsächlich eine Abtreibung möchte, gebe ich ihr eine Liste mit den Schwangerschaftskonfliktsberatungsstellungen in Hannover. Es  ist gesetzlich vorgeschrieben, dass man vor einem Schwangerschaftsabbruch eine solche Beratung macht. Wenn die Frau dann immer noch will, bekommt sie von uns die Adresse eines Abtreibungsarztes, mit dem wir eng zusammenarbeiten.

Sie arbeiten jetzt in einer Frauenarztpraxis, die solche Eingriffe nicht selbst durchführt. Aber wie ist das mit Ihnen? Haben Sie schon Abtreibungen durchgeführt? 

Ja, in meiner Facharztausbildung. Es gab in meinem Lehrkrankenhäusern auch 2, 3 Kolleginnen, die das abgelehnt haben. Das wurde toleriert. So einen Eingriff macht keiner von uns gerne.

Warum nicht?

Es ist einem klar, dass man ein in Entwicklung befindliches Leben beendet.  Man weiß, in der 12. Woche hat so ein Wesen Arme, Beine, einen Herzschlag. Im Prinzip ist es ein kleiner Mensch, kein  Zellklumpen mehr. Man ist derjenige, der die Entscheidung aktiv durchführt. Das lässt die wenigsten unberührt.

Fällt es Ihnen vor diesem Hintergrund schwer auch, Gespräche über eine mögliche Abtreibung zu führen? 

Nein. Ich habe nicht das Recht zu beurteilen, ob eine Abtreibung die richtige oder die falsche Entscheidung für eine Frau ist. Es gibt ein Selbstbestimmungsrecht der Frauen über ihr Leben. Das finde ich sehr wichtig. Und so eine Beratung gehört einfach zum normalen, gynäkologischen Spektrum dazu.

Wie sieht es mit der Werbung aus? Wie stehen Sie zu dem Paragrafen 219a, der heute im Bundestag diskutiert wird?

Den finde ich total überflüssig. Frauen, die eine Abtreibung machen wollen, haben das Recht auf Information. Sie müssen sich auch unabhängig vom Frauenarzt darüber informieren dürfen, wer welchen Eingriff wie macht. Bislang sind sie von mir abhängig. Davon, welchen Arzt ich gut finde. Wenn sie entscheiden könnten, würden sie aber möglicherweise eine andere Wahl treffen. Das finde ich falsch.

Von Jutta Rinas

* Name geändert. Menschen, zumal Ärzte, die sich zum Thema Abtreibung äußern, müssen teils mit offenen Anfeindungen rechnen. Daher haben wir unsere Gesprächspartnerin anonymisiert.

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