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Adolphshof setzt auf solidarische Landwirtschaft

Die Hofgemeinschaft Adolphshof setzt auf solidarische Landwirtschaft

Der Adolphshof ist der älteste der Region, der biologisch-dynamisch wirtschaftet. Zur Zukunftssicherung setzt er auf ein besonderes Modell: solidarische Landwirtschaft.

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Landwirtschaft nah am Ideal: Gesellin Julia Kehm im Ziegenstall.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Als Sabine Adam die Tür zum Schweinestall vom Gut Adolphshof bei Lehrte-Hämelerwald öffnet, ist der Teufel los. Die Tiere grunzen und quieken, drängen an den Rand ihrer Boxen, stellen sich auf die Hinterbeine. „Die denken, es gibt Futter“, sagt Adam. Was noch auffällt: Die Schweine haben hinten ein Ringelschwänzchen - wie sich das für ihresgleichen gehört, wie es aber bei jenen Artgenossen, die die industrielle Tierhaltung in große Mastställe pfercht, meist fehlt. „Wir haben uns Gedanken gemacht, wie man das hier erhalten kann. Solidarische Landwirtschaft ist praktisch die einzige Möglichkeit, mit der es geht“, sagt Frank Limpinsel-Adam. Solidarische Landwirtschaft, das bedeutet: Die Kunden zahlen im Voraus, der Hof produziert direkt für die ihm bekannten Endverbraucher (siehe Kasten rechts).

Knapp 200 Jahre alt ist der Adolphshof: Rechteckiges Grundstück mit angrenzenden Obstbaumwiesen und einem, gemessen an dem Begriff Gut, eher schlichten Wohnhaus. An der Stirnseite Wirtschaftsgebäude, linkerhand der Hofladen, Kuh- und Ziegenställe samt Melkstation und Käserei. Etwas abseits der Schweinestall und um den Hof herum Felder und Weiden. In Sichtweite Windräder, weiter hinten die Dampfsäule über dem Schlot des Kraftwerks Mehrum. Es gibt hier viel freie Sicht.

Frischer geht es kaum: Antje Gollenbach in der hofeigenen Käserei.

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Um zu begreifen, was „das hier“ noch bedeutet, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Im Jahr 1900 übernimmt die eigentlich aus Linden stammende Familie Hartmann den Hof 30 Kilometer östlich von Hannover. Entscheidendes passiert dann 1952: Heinrich Hartmann stellt sein Gut als erstes in der gesamten Region Hannover auf biologisch-dynamische Wirtschaftsweise um - zu einer Zeit also, als den Leuten die Sorge, überhaupt was auf den Teller zu bekommen, noch wesentlich näher liegt als die Frage, wie es erzeugt wird. „Hartmann galt als Spinner und wurde auch angefeindet. Er war aber ein Visionär, der zu der Überzeugung kam, dass landwirtschaftliche Produkte etwa durch künstlichen Dünger an innerer Qualität verlieren“, sagt Frank Limpinsel-Adam.

Hartmanns Sohn Henning führte das Gut im Sinne des Vaters weiter. 1995 dann überführte er es in eine gemeinnützige Forschungsgesellschaft für biologisch-dynamische Landwirtschaft, die Gebäude und Ländereien verpachtete. Seit dieser Zeit gehört auch eine sozialtherapeutische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für Menschen mit Behinderungen zur Hofgemeinschaft.

Sabine Adam und ihr Mann Frank - sie ursprünglich aus Darmstadt, er aus Essen - haben beide auf dem Adolphshof gelernt und ihn später gepachtet. Zum Betrieb gehören 90 Hektar Ackerland für Futtermittel, Gemüse- und Salatanbau, und 30 Hektar Weideland, dazu noch acht Hektar Wald und zwei Hektar Land mit Obstbaumwiesen. Auf dem Gut, das nach den Demeter-Richtlinien bewirtschaftet wird, leben 35 Milchkühe, 60 Jung- und Mastrinder, 50 Milchschafe, 30 Milchziegen, 90 Schweine und zehn Bienenvölker. Hühner fehlen, sollen aber demnächst hinzukommen. Es gibt eine eigene Käserei für Milchprodukte und einen Hofladen, außerdem können Kunden die Produkte aus Hämelerwald auf Märkten in Hannover, Burgdorf und Langenhagen kaufen. 25 Menschen finden hier Arbeit.

„Es ist kein ganz kleiner Betrieb“, sagt Frank Limpinsel-Adam, „und ein vielfältiger.“ Vielfalt ist ein Begriff, der in der Landwirtschaft nicht mehr so gebräuchlich ist. In Zeiten, in denen Betriebe für Diesel, Strom und überhaupt fast alle Betriebsmittel immer mehr Geld zahlen müssen, in denen das Land knapper wird und deshalb die Pachten steigen und in denen die Abnehmer gnadenlosen Preisdruck ausüben, setzen viele Bauern auf Konzentration und Spezialisierung. Das wäre nicht das Ding der Adams. Andererseits sind sie auch keine ökologisch verblendeten Naivlinge, die es mit Zahlen nicht so haben.

Sabine Adam ist 49 Jahre alt, Frank Limpinsel-Adam drei Jahre älter. Beiden sieht man an, dass sie Freude haben an dem, was sie tun. Trotzdem machen sie sich Gedanken darüber, wie der Hof aussehen sollte, wenn sie ihn einmal abgeben. „Um so eine Landwirtschaft zu erhalten, braucht man Leute, die sie wollen“, sagen sie. Wie viele es davon gibt, testen sie nun aus, indem sie die solidarische Landwirtschaft einführen. „Der Hof kann 500 Menschen ernähren. Wenn wir mit 100 Teilnehmern starten könnten, wäre es schön.“

Während er das erzählt, packt Gesellin Julia Kehm im Ziegenstall Heu in die Raufen. Einige Tiere sehen ihr dabei von oben zu, sie stehen auf einer Planke, die über Stiegen und Treppen zu erreichen ist. „Ziegen sind Klettertiere, deshalb haben wir ihnen die Konstruktion in den Stall gebaut“, sagt der Landwirt.

Auch das gehört zur Hofgemeinschaft.

So funktioniert solidarische Landwirtschaft

Die Idealvorstellung von immer mehr Verbrauchern ist folgende: Kommt Fleisch auf den Tisch, soll es von Tieren stammen, die ein glückliches Leben auf einer Weide in der Nähe hinter sich haben. Die Möhren und Kartoffeln als Beilage kommen aus ökologisch-dynamischem Anbau; fleißige Hände haben sie Stück für Stück aus der Krume geborgen, an der Schürze abgewischt und dann in einen Korb gelegt. Der Salat, der dazu gereicht wird, ist frisch und rein und nie mit Pestiziden in Berührung gekommen. Die Realität sieht nach Einschätzung des Vereins solidarische Landwirtschaft eher so aus: „Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, haben meist nur die Wahl, entweder bei schonender Wirtschaftsweise sich selbst oder bei industrieller Lebensmittelproduktion die Natur auszubeuten.“ Ihre Existenz hänge von Subventionen und Weltmarktpreisen ab – beides Faktoren, auf die sie keinen Einfluss haben. Dass Wunsch und Wirklichkeit an dieser Stelle auseinanderklaffen, hat man schon vor 50 Jahren in Japan gemerkt. Dort sind sogenannte Teikei entstanden, bei denen sich eine Kundengruppe mit einem Partnerlandwirt zusammenschließt. In Deutschland ist das Prinzip noch am Anfang. Der Verein führt 30 Betriebe auf seiner Mitgliederliste, darunter die Gemeinschaftsgärtnerei Wildwuchs in Gehrden. Bei der solidarischen Landwirtschaft zahlen die Kunden einen Monatsbetrag im Voraus an den Betrieb. Dafür erhalten sie pro Woche einen Warenkorb, den sie sich aus Depots abholen müssen, und gewisse Mitbestimmungsrechte; außerdem macht der Hof seinen Etat transparent. Das Solidarische daran liegt im Vertrauensvorschuss für den Erzeuger. Der muss sich nicht mehr um die Vermarktung kümmern und bekommt seine Produktions- und Lohnkosten gedeckt. Der Adolphshof in Hämelerwald will einen Monatsbeitrag von 160 Euro einziehen. Dafür erhält der Kunde in den Depots – auch in Hannover sind welche vorgesehen – einen wöchentlichen Warenkorb mit zwei bis drei Kilo Gemüse, einem Kilo Kartoffeln, 600 Gramm Wurst- und Fleischwaren, 600 Gramm Käse oder anderen Milchprodukten, fünf Eiern und einem Brot. Für Vegetarier soll es eine fleischlose Variante geben. „Es handelt sich nicht um ein Rabattsystem“, sagt Frank Limpinsel-Adam. Heißt: Ob der solidarische Verbraucher durch sein Handeln Geld spart, ist nicht ausgeschlossen, aber auch nicht sicher. Interessenten am Projekt können sich unter der Telefonnummer (05175) 6308 erkundigen oder unter der Mail-Adresse limpinsel-adam@adolphshof.de Informationen anfordern.

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