Darum konnten nur 272 der 378 Bestellapotheken beliefert werden – und viele Arztpraxen gingen gänzlich leer aus.
Eine davon ist die Südstädter Gemeinschaftspraxis von Normann Boblitz und Rolf-Ferdinand Gehre. „Wir haben 150 Impfpatienten auf der Warteliste – zusätzlich zu den übervollen Sprechstunden“, sagt Ulrike Gehre, die in der Praxis mitarbeitet. Für Mittwoch seien 100 Impfdosen zugesagt gewesen. „Bekommen haben wir nichts – das ist eine Katastrophe“, klagt Gehre. „Wir müssen nun Impftermine absagen.“ Mit etwas Glück könne man Anfang nächster Woche 20 bis 30 Impfdosen liefern, wurde den Ärzten lediglich mitgeteilt.
Das Gesundheitsamt der Region ist nicht viel besser dran: 500 Impfdosen hatte Amtsleiter Hans-Bernhard Behrends bestellt. „Impfstoff soll es aber wohl erst am Montag geben“, sagt er. Man könne die derzeitige Lage aber auch positiv sehen, meint er. „Die Impfbereitschaft der Bevölkerung ist da, die Verteilung des Serums durch Apotheker und Ärzte funktioniert, und der Impfstoff erreicht sofort die Patienten – zumindest einen Teil.“
Knapp ist der Impfstoff auch in der Kleefelder Gemeinschaftspraxis Goesmann, Zwickert, Günther. „Wir haben 150 Patienten auf der Warteliste“, sagt Allgemeinmediziner Armin Günther. Allein gestern verbrauchten er und seine Kollegen 70 Dosen. Ein zuverlässiges Signal, ob und wann wieder Nachschub kommt, gebe es nicht, bemängelt Günther. „Wir wissen nicht, was wir den Patienten sagen sollen.“ Dabei ist die Praxis dieser Tage überfüllt. Selbst am Mittwoch, als nur halbtags geöffnet war, kamen rund 40 Patienten mit Grippesymptomen, am vergangenen Montag waren es mehr als doppelt so viele. Es werde zunehmend schwerer, Patienten mit Verdacht auf Schweinegrippe oder positiv auf H1N1 getestete Kranke in der Praxis zu isolieren.
Zwei Betroffene hat der Arzt an diesem Vormittag in einem separaten Behandlungsraum untergebracht. Ein 28-jähriger Lehrer und seine zwei Jahre ältere Frau warten dort auf die Sprechstunde. Der junge Mann hat die H1N1-Infektion bereits weitgehend überstanden: „Das war wie ein normale Grippe.“ Weil er aber noch immer infektiös ist, hat Günther ihn bis Mitte nächster Woche krank geschrieben. „In manchen Klassen an unserer Schule fehlt die Hälfte der Schüler“, sagt der Lehrer, der anonym bleiben möchte. Seine Frau hat noch keine Symptome, muss als direkte Kontaktperson aber weitgehend das Haus hüten.
Auch bei Kinderarzt Thomas Buck herrscht seit gut zwei Wochen Hochbetrieb. Statt der für die Jahreszeit üblichen 80 Patienten pro Tag behandelt er doppelt so viele. „Die Hälfte leidet unter Atemwegsinfekten, etwa 70 Prozent davon haben Schweinegrippe“, sagt der Obmann der hannoverschen Kinder- und Jugendärzte. Die Warteliste der Impfwilligen ist lang. „Wir haben heute 100 Impfdosen erhalten, die reichen für 200 Kinder. Mit etwas Glück bekommen wir in dieser Woche weitere 50 Dosen.“ Chronisch kranke Kinder werden in der Misburger Praxis bevorzugt immunisiert. Für Stefanie Grothe, die mit dem drei Wochen alten Felix aus Barsinghausen gekommen ist, kommt das Impfen erst nach der Stillzeit infrage. „Ich habe mich auf Schweinegrippe testen lassen, weil ich hohes Fieber hatte. Es war aber nur ein Milchstau“, sagt die Mutter.
Buck rät Eltern erkrankter Kinder, nicht gleich beim kleinsten Hüsteln zum Arzt zu gehen, um der Gefahr zu entgegen, sich in überfüllten Praxen mit H1N1 zu infizieren. „Wenn ein Kind aber zwei Tage hohes Fieber und starken Husten hat, sollte das ärztlich untersucht werden, weil bei Kindern mit Schweinegrippe die Gefahr einer Lungenentzündung besteht.“ In den allermeisten Fällen verlaufe die Infektion aber relativ harmlos.
Über zu wenig Impfstoff kann sich Hausarzt Vedat-Ali Demircan aus Linden nicht beklagen. Die 150 ersten Dosen waren erst nach zehn Tagen aufgebraucht, weitere 150 kamen gestern an. Unter seinen Patienten, die zu 85 Prozent einen Migrationshintergrund haben, ist die Impfskepsis groß. „Viele schauen auch türkisches Fernsehen“, sagt der Arzt. Die zum Teil widersprüchlichen Empfehlungen verunsicherten seine Patienten. Der türkische Ministerpräsident Erdogan etwa habe verkündet, sich nicht impfen lassen zu wollen. „Ich möchte mich zu Inhaltsstoffen und Nebenwirkungen beraten lassen“, sagt eine Patientin. Eine weitere Frau ist ebenfalls zurückhaltend: „Verwandte hatten starke Nebenwirkungen und Schmerzen beim Laufen.“
Liste der impfbereiten Ärzte in Niedersachsen (pdf-Dokument, 160 KB, Quelle: Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen)
von Juliane Kaune, Julia Sellner, Veronika Thomas und Nicola Zellmer
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Kommentare
Stoff wird knapp Dr. P.S. – 13.11.09
Also wenn der heiß begehrte Stoff knapp wird - es gibt einen Alternativwirkstoff: Seife! Immer noch reichlich vorhanden, und muss auch nicht gespritzt werden - wirkt bereits auf der Haut!