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Juri stirbt für seinen Bruder Theo

Riskanter Eingriff rettet Leben Juri stirbt für seinen Bruder Theo

Ein kranker Zwilling gefährdet seinen Bruder im Mutterleib: Ärzte haben mit einem riskanten Eingriff das Leben des kleinen Theo gerettet. "Es ist ein Wunder", sagen seine Eltern, die in Laatzen wohnen.

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Alles überstanden: Christian und Daniela Flohr mit Sohn Theo.

Quelle: Körner

Hannover . Friedlich liegt Theodor, genannt Theo, in seinem Kinderwagen. Er nuckelt am Schnuller, unter dem Mützchen lugen ein paar Haare hervor. Dass Theo auf der Terrasse seiner Eltern in Laatzen gesund vor sich hin schläft, ist alles andere als selbstverständlich. „Es ist ein Wunder“, sagt seine Mutter Daniela Flohr. Und das klingt bei ihr kein bisschen pathetisch. Theo war einer von zwei Zwillingen in ihrem Bauch – um sein Leben zu retten, musste das Paar am Ende in eine Fachklinik im belgischen Leuven fahren, wo ein ungewöhnlicher Eingriff vorgenommen wurde.

Im vergangenen Jahr wurde Daniela Flohr erstmals schwanger, „auf natürliche Weise“, wie sie betont. Bei der zweiten Ultraschalluntersuchung haben die 37-Jährige und ihr Mann Christian erfahren, dass sie Zwillinge bekommen sollen. Erst waren die werdenden Eltern etwas geschockt, dann haben sie sich einfach nur gefreut. Auf Juri und Theo, wie sie ihre Jungen nennen wollten.

Bald darauf stellten die Ärzte fest, „dass Juri einen schweren Herzfehler hat. Es war bald klar, dass das Baby nicht überlebensfähig ist“, sagt Christian Flohr. Zwilling Theo dagegen war gesund. Der kranke Juri jedoch hätte, verkürzt ausgedrückt, dem gesunden Kind nach und nach das Fruchtwasser entzogen. Die Ärzte hätten ihnen damals alle Risiken klar genannt, berichtet die Mutter: auch, dass Theo behindert geboren werden oder die Schwangerschaft gar nicht überleben könnte.

Was ist richtig, was falsch?

Monochoriale Zwillinge sind eineiige Zwillinge, die über einen gemeinsamen Mutterkuchen (Plazenta) und damit über ein gemeinsames Gefäßsystem versorgt werden. In 10 bis 15 Prozent dieser Schwangerschaften kommt es zu einer ungleichmäßigen Versorgung der Kinder: Ein Kind erhält zu viel Blut, eines zu wenig. In schwerer Ausprägung erweist sich das für beide Kinder als bedrohlich. Im Ultraschall fällt dies zuerst durch eine sehr unterschiedliche Fruchtwassermenge in beiden Fruchthöhlen auf. Im beschriebenen Fall der Familie Flohr lag zusätzlich zur deutlichen Umverteilung des Blutes zwischen den Kindern noch ein mit dem Überleben nicht vereinbarer Herzfehler eines Kindes vor. Es blieben nur zwei Möglichkeiten:

Die konservative Variante: Abwarten des natürlichen Verlaufs, was ein hohes Risiko für den gesunden Zwilling bedeutet hätte, da der Kreislauf eines gesunden Kindes beim Tod eines kranken im Regelfall dekompensiert. Die Folge ist eine hohe Rate an geistiger und körperlicher Behinderung.

Die operative Variante: Unterbindung der Nabelschnur des kranken Kindes, das wegen seines schweren Herzfehlers keine Überlebenschance hatte.

Der invasive Eingriff geschieht mittels einer dünnen Nadel durch die Bauchdecke der Mutter. Über die Nadel wird ein Laser eingeführt, mit dem die Nabelschnur verschlossen wird. Dies bedeutet zwar den unmittelbaren Tod des schwer kranken Kindes, koppelt aber die Blutversorgung des gesunden von der des kranken Kindes ab. Dieses Vorgehen senkt die Risiken und Komplikationen für das gesunde Kind drastisch.

Auf Rat ihres Arztes sprach das Ehepaar im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) vor. Das UKE deshalb, weil die dortigen Ärzte einen Eingriff vornehmen können, bei dem die Nabelschnur des kranken Kindes mit Lasertechnik „verschweißt“ wird. Das eine Baby, so sagt Christian Flohr, wird „auf diese Weise kontrolliert zum Sterben gebracht“ – um das andere Kind zu retten. Den Hamburger Ärzten erschien der Eingriff diesmal jedoch zu riskant, und sie lehnten ihn ab.

Man vermag sich kaum vorzustellen, was Daniela und Christian Flohr in dieser Zeit durchgemacht haben. „Da war ein krankes Kind, aber auch ein gesundes. Und das war für uns wie ein Strohhalm“, sagt die Mutter, die pädagogische Leiterin eines hannoverschen Schülertreffs ist. Das Ehepaar war sich einig: Ein Schwangerschaftsabbruch kam zu keinem Zeitpunkt infrage. „Wir haben immer gehofft, das Juri solange durchhält, bis beide geholt werden können“, sagt der 32-jährige Vater.

Familie und Freunde halfen den beiden in dieser Zeit. Christian Flohr, der als Bürokaufmann arbeitet, wurde von seinem Arbeitgeber oft freigestellt. „Ohne Freunde und Verwandte und ohne die Unterstützung einer Therapeutin hätten wir das alles nicht ausgehalten“, meint Daniela Flohr.

"Da war ein krankes Kind, aber auch ein gesundes"

Freunde rieten ihnen auch, sich im hannoverschen Henriettenstift eine Meinung einzuholen. Am 23. Dezember hatten sie dort den Termin. Der dortige Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe, Ralf Schild, sagte, dass es eigentlich nur eine medizinisch sinnvolle Möglichkeit gebe: eine Behandlung im Klinikum der belgischen Stadt Leuven. Vier Tage später hatten die zwei dort einen Termin. Nach zahlreichen Untersuchungen entschied sich der Spezialist Jan Deprest zu dem Eingriff. Eineinhalb Stunden dauerte die Operation, die Daniela Flohr bei vollem Bewusstsein erlebte. Sie sei schon reichlich neben der Spur gewesen, sagt sie heute. Es war die 24. Schwangerschaftswoche, als die belgischen Ärzte „Juris Nabelschnur an drei Stellen verschweißten“, schildert Christian Flohr. Juri ist kurz darauf im Mutterleib gestorben, Theo ging es nach wie vor gut.

Im Diakovere-Perinatalzentrum des Henriettenstifts, das Risikoschwangere begleitet, sind die Jungen am 4. April per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen. Der tote Juri und der gesunde Theo, der bei der Geburt 46 Zentimeter groß und 2240 Gramm schwer war. „Theo ist völlig top“, sagt die Mutter. Nach fünf Tagen hat die Familie das Krankenhaus verlassen. Erst eine Woche vor der Geburt waren die Flohrs noch umgezogen. Das klingt ziemlich tollkühn, doch der 32-Jährige wiegelt ab. Kurzfristig sei in ihrer Nachbarschaft ein passendes Haus frei geworden. Freunde hätten fast den gesamten Umzug gemanagt, „am Abend standen schon alle Schränke und waren nahezu eingeräumt“.

Die jungen Eltern wirken erstaunlich unaufgeregt für das, was sie in den vergangenen Monaten durchgemacht haben. Ganz habe er das alles, die vielen Untersuchungen und die Ängste allerdings noch nicht abschütteln können, sagt Christian Flohr an diesem warmen Frühsommertag. Und wohl auch nicht den Verlust ihres Babys Juri. „Die Schwangerschaft war in keiner Weise entspannt“, meint die Mutter – und das ist eine Untertreibung, wie man sie schon lange nicht mehr gehört hat.

Nachgefragt ...

... bei Prof. Ralf Schild, Chefarzt im Perinatalzentrum Hannover.

Herr Professor Schild, wie oft kommt es vor, dass ein Zwilling im Mutterleib nicht überlebensfähig ist, der andere aber gesund?
Bislang gibt es dazu keine verlässlichen Zahlen, aber solch ein Fall ist extrem selten. Ich schätze, dass es bei einer von 10 000 Schwangerschaften mit eineiigen Zwillingen auftritt. So wie bei Familie Flohr habe ich das in Hannover zum ersten Mal erlebt. Die Behandlungsmethode, mit der die Kollegen im belgischen Leuven den kleinen Theo gerettet haben, kennt man auch erst seit zehn bis 15 Jahren.

Und vorher?
Der kranke Zwilling hat in solchen Fällen nicht überlebt. Das andere Kind hatte durchaus Chancen – doch mit einem stark erhöhten Risiko für Langzeitkomplikationen. Die Wahrscheinlichkeit für geistige und körperliche Behinderungen lag bei 30 bis 50 Prozent.

Was sind die Hauptrisiken eines solchen Eingriffs, bei dem die Nabelschnur des kranken Kindes verschlossen wird, um das zweite zu retten?
Es besteht die Gefahr, dass es bei der Mutter zu einem Blasensprung kommt. Das führt zu einer Frühgeburt, auch das gesunde Kind ist dann nicht überlebensfähig. Die Klinik in Leuven ist jedoch eine sehr gute Adresse. Vor zehn Jahren hatte ich den ersten Kontakt dorthin und war schon damals von deren Arbeit begeistert.

In Deutschland wird solch ein Eingriff bislang nur an Kliniken in Hamburg und Bonn durchgeführt. Demnächst auch in Hannover?
Wir haben das auf unserer Agenda für das neue Mutter-Kind-Zentrum, das auf der Bult entsteht. Es gibt aber noch keinen festen Zeitpunkt für die Umsetzung.

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