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Aus der Stadt 1860 Wohnungen sind reserviert für Touristen
Hannover Aus der Stadt 1860 Wohnungen sind reserviert für Touristen
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00:15 21.04.2016
In Hannover stehen 1860 Wohnungen dem Markt nicht zur Verfügung, weil sie über Airbnb und Wimdu für Städtetouristen reserviert sind. Quelle: dpa/Symbolbild
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Hannover

In der Touristenmetropole Berlin tobt angesichts der Wohnungsknappheit derzeit ein Streit um mehr als 10 000 Appartements, die dem Wohnungsmarkt entzogen sind und über Internetportale wie Airbnb oder Wimdu für Städtetouristen angeboten werden. Jetzt stellt sich heraus: Das Phänomen gibt es auch in Hannover, wenn auch in etwa geringerer Ausprägung. Einer aktuellen Studie des bundesweiten Immobilienentwicklers GIB zufolge werden regionsweit 1860 Appartements von Privatleuten dauerhaft für touristische Vermietungen angeboten, weil das mehr Geld bringt als Dauervermietungen. 226 900 Übernachtungen sollen so dem Hotelgewerbe entgehen – und entsprechend viele Unterkünfte fehlen zum Beispiel für Studierende.

In Berlin hat der Senat ein Zweckentfremdungsverbot wegen der massiv steigenden Privatangebote bei Internetportalen wie Airbnb, Wimdu oder 9flats erlassen. Die Übergangsfrist läuft zum Monatsende aus. Der Grund ist, dass dort verschiedenen Schätzungen zufolge bis zu 23 000 Wohnungen nicht mehr für Mieter zur Verfügung stehen, sondern touristisch angeboten werden. Auf diesem Weg lässt sich ein Vielfaches von normalen Vermietungen verdienen. Zugleich verstärkt sich der Druck auf dem Wohnungsmarkt und nebenbei leidet das Gastgewerbe. Die Studie der GIB ist mit deutlich konservativeren Annahmen gerechnet und kommt daher zu anderen Zahlen als die, die in Berliner Zeitungen kursieren. „Wir haben nur Angebote abgefragt, die als komplette Appartements mit eigenem Bad gelistet sind“, sagt GIB-Mitarbeiter Wolfgang Ludwig. So habe man ausschließen wollen, dass „klassische Angebote zur Sofa-Übernachtung“ das Ergebnis verfälschen: „Die haben schließlich keine Auswirkung auf den Wohnungsmarkt.“ Für Berlin kommen die Empiriker so auf 14 393 privat angebotene Appartements, für Hamburg auf 4562, für München auf 4326 und Köln auf 3656. Nach diesen vier Standorten kommt Hannover bereits mit seinen regionsweit 1860 ermittelten Appartements.

Im Gesamtranking der GIB-Studie rangiert Hannover trotzdem nur auf Platz 11 von 179 untersuchten Städten. Der Grund: Ausschlaggebend für die finale Platzierung ist für die Statistiker nicht die absolute Zahl Privatquartieren, sondern das Verhältnis von Privatübernachtungen zu Gesamtübernachtungen – der sogenannte Graumarktindex.

Hannover kommt bei einer amtlich festgestellten, regionsweiten Gesamtzahl an Übernachtungen von 3,87 Millionen im vergangenen Jahr bei 226 900 Privatquartier-Übernachtungen auf eine Quote von 5,9 Prozent. Leipzig etwa mit nur 1331 Privatquartieren kommt mit 507  000 privaten Übernachtungen bei nur 2,8 Millionen kommerziellen Übernachtungen auf eine Graumarktquote von 17,9 Prozent. Potsdam, wo der Studie zufolge nur 183 Appartements dem Wohnungsmarkt durch Privatvermietungen entzogen sind, kommt bei knapp 70 000 Privat- und 1,1 Millionen kommerziellen Übernachtungen auf 6,3 Prozent.

Wichtiger als die reinen Zahlen sei die Gesamtaussage, sagt Studienleiter Stefan Brauckmann: Bundesweit stimmten die Zahlen für den Städtetourismus nicht, weil die offizielle Statistik einen Großteil der Übernachtungen gar nicht erfasse.
Die GIB spricht sich trotzdem gegen Verbote von Privatvermietungen aus, wie es in Berlin jetzt durchgesetzt wird. Effektiver sei es, der Zielgruppe der Internet-Übernachtungsportale „preisgünstige und effektive Alternativen“ entgegenzustellen. So sei die Hostel-Kultur in anderen Ländern viel stärker verbreitet als in Deutschland.

Was ist erlaubt?

Die Privatvermietung von Unterkünften an Kurzzeitgäste ist durch Internetportale wie Airbnb oder den deutschen Konkurrenten Wimdu attraktiv geworden. Der Dienstleister stellt den Kontakt her und kassiert dafür eine Gebühr. Allerdings gibt es rechtliche Stolperfallen.

In Städten, in denen keine Zweckentfremdungsverordnung gilt, dürfen Wohnungseigentümer komplette Appartements vermieten, wie sie wollen. Sie müssen allerdings die Einnahmen voll versteuern, auch bei zeitweiliger Vermietung an Touristen. Hamburg hat schon länger eine Zweckentfremdungsverordnung, Berlin will sie ab Mai konsequent durchsetzen. Bei Verstößen, also wenn Mietverträge mehrfach für die Dauer von weniger als drei Monaten geschlossen werden, drohen hohe Bußgeldforderungen. In Hannover und den Umlandkommunen gelten derartige Regeln nicht – trotz Wohnungsknappheit etwa bei Studentenappartements.

Mieter dürfen einzelne Zimmer oder ihre Wohnung nur dann an Touristen untervermieten, wenn sie ausdrücklich eine Erlaubnis ihres Vermieters dazu haben (§ 540 BGB). Sogar bei einer pauschal erteilten Untervermietungserlaubnis kann es Ärger geben, wenn der Vermieter von der touristischen Nutzung nichts wusste (BGH, AZ VIII ZR 210/13).

med

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