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Als Hannover an den Deister verlegt werden sollte

HAZ-Serie „Aufbruch 1945“ Als Hannover an den Deister verlegt werden sollte

Im März 1944, wenige Monate nach den verheerendsten Luftangriffen auf Hannover, machten Experten einen außergewöhnlichen Vorschlag: Hannover sollte in Richtung Deister verlegt werden – mit Wohngebieten in Stollen und einem Zentrum aus Bunkerhochhäusern. Die Geschichte eines bizarren Nazi-Projekts.

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Monumentale Entwürfe: Stadtbaurat Karl Elkart (mit Bart) erläutert Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß 1937 seine Pläne für Hannover.

Quelle: HAZ-Archiv

Hannover. Im Rückblick erscheint Geschichte oft als alternativlos: Alles scheint stracks auf die heutigen Verhältnisse zuzulaufen, man denkt sich die Vergangenheit von der Gegenwart her - und vergisst dabei, dass alles auch ganz anders hätte aussehen können. So ist beispielsweise nicht einmal selbstverständlich, dass Hannover heute noch in Hannover liegt.

Am 3. März 1944, wenige Monate nach den verheerendsten Luftangriffen, versammelte sich im Ratsherrensitzungssaal des Neuen Rathauses eine bemerkenswerte Runde: Der kommissarische Oberbürgermeister Ludwig Hoffmeister scharte Stadträte, Ratsherren und Experten um sich, die über den Wiederaufbau der gezeichneten Stadt beraten sollten. Einer der Referenten war der Architekt Gerhard Graubner. Dieser war seit vier Jahren Professor an der Technischen Hochschule, er hatte schon Pläne für die Neugestaltung von Düsseldorf und Hamburg ausgearbeitet - und für Hannover hatte er einen ganz außergewöhnlichen Vorschlag in petto.

Graubner schlug vor, Hannover weiter westlich wieder aufzubauen. Er wollte die Stadt kurzerhand Richtung Deister verlegen, in die Gegend von Benther und Gehrdener Berg. Dabei wollte er den gesamten Verkehr und auch Teile der Stadt selbst unter die Erde verlegen. Wohngebiete sollten bis Egestorf, Wennigsen und Barsinghausen reichen und sich um einen Stadtkern gruppieren, der vornehmlich aus Bunkerhochhäusern bestehen sollte. Das neue Hannover sollte sich bis zum Deister hinziehen - und teils in alten Bergwerksstollen verschwinden. Das heute skurril anmutenden Unterfangen lässt sich wohl nur vor dem Hintergrund der traumatisierenden Erfahrungen des Bombenkriegs verstehen: Graubner, der auch als Ratsherr und „Gaukulturrat“ fungierte, wollte eine luftkriegssichere Stadt erschaffen.

Dass der bizarre Plan schnell ad acta gelegt wurde, ist auch dem damaligen Stadtbaurat Karl Elkart zu verdanken. Dieser widersprach Graubner: Man könne Hannovers Wurzeln nicht einfach ignorieren; die Stadt habe ihren Aufstieg schließlich auch ihrer Lage am Schnittpunkt wichtiger Fernverbindungen zu verdanken. Graubners Plan wurde auch aus Gründen abgelehnt, die ihm zuvor schon der Hamburger Stadtplaner Konstanty Gutschow entgegengehalten hatte: „Die Konsequenzen für das friedensmäßige Leben sind bedrückend, die wahrscheinliche Sicherheit für einen künftigen Krieg mehr als fragwürdig.“

Gerhard Graubner blieb bis 1967 ordentlicher Professor für Entwerfen und Gebäudekunde an der Technischen Hochschule. Er entwarf zahlreiche prägende Gebäude. In Hannover konzipierte er unter anderem 1952 den Preussag-Verwaltungsbau am Leibnizufer, das heutige Wissenschaftsministerium. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich schon damit abgefunden, dass Großstädte doch ein beachtliches Beharrungsvermögen haben. be

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HAZ-Serie „Aufbruch 1945“
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