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Aus der Stadt Als der Kaiser nach Hannover kam
Hannover Aus der Stadt Als der Kaiser nach Hannover kam
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00:21 17.12.2015
Von Simon Benne
Mit Glanz und Gloria: Abertausende säumten die Straßen, als Wilhelm II. 1898 in der Uniform der Königsulanen (Bildmitte) durch Hannover ritt. Quelle: Historisches Museum Hannover
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Hannover

Wenn Seine Majestät in die Stadt kam, flippten die Jugendlichen förmlich aus: „Der an sich lobenswerte Patriotismus der Schuljugend hat bei der Anwesenheit des Kaisers in Hannover das zulässige Maß mehrfach überschritten“, hieß es 1891 tadelnd in einem Bericht: Direktoren sollten doch bitte darauf achten, dass allzu lebhafte Ovationen bei künftigen Kaiserbesuchen unterblieben. „Die Begeisterung sollte damals wohlgeordnet ausfallen und nicht zu ungestüm erscheinen“, sagt Prof. Gerhard Schneider.

In seinem ebenso kenntnisreich wie kurzweilig geschriebenem Buch „Kaiserbesuche“ erzählt der Historiker jetzt, wie weiland die Visiten von Wilhelm I. und Wilhelm II. in Hannover ausfielen. Rund 40 Kaiserbesuche hat Schneider von der Reichsgründung 1871 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 gezählt: „In kaum einer Stadt waren die Kaiser so häufig zu Gast wie in Hannover“, sagt er. Zum einen war Hannover Garnisonsstadt; teils waren hier 8000 Soldaten stationiert, und Regimenter waren im militarisierten Kaiserreich immer eine Reise wert. Außerdem galt Hannover als Boomtown; als reiche, aufstrebende Stadt, die man gerne beehrte.

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Militärisches Spektakel: Kaiser Wilhelm II. kam 1907 zur „Fahnenparade“ auf den Kronsberg.

Die Kaiser hatten jedoch auch handfeste politische Gründe, hierher zu kommen: Sie waren erpicht darauf, das 1866 von Preußen annektierte Hannover zu integrieren und ein Band der Loyalität zu ihrer neuen preußischen Provinz zu knüpfen. So besuchte Wilhelm I. bei seiner ersten Visite 1868 demonstrativ das Welfenmausoleum im Berggarten: „Die versöhnliche Geste kam in Hannover gut an“, sagt Schneider. Die vielen Kaiserbesuche halfen schließlich, die welfisch-preußische Feindschaft zu überwinden.

Neben den Welfentreuen gab es in Hannover ohnehin auch ein nationalliberales Großbürgertum, das den Preußen wohl wollte. Auch Stadtdirektor Heinrich Tramm scheute keine Kosten, um dem Kaiser einen großen Empfang zu bereiten: „Neben kleineren Kaiserbesuchen gab es auch größere Aufenthalte, die einem Staatsbesuch ähnelten“, sagt Schneider. Auf dem Weg vom Bahnhof zum Leineschloss, wo der Kaiser in der Regel logierte, waren ganze Straßenzüge mit Blumen und Fahnen geschmückt. Es gab Galadinners mit Hunderten Gedecken, Militärparaden und Feuerwerke. Clevere Anwohner der Bahnhofstraße vermieteten Fensterplätze, die Schaulustigen eine gute Sicht auf den Kaiser versprachen.

„Kaiserbesuche waren ein Riesengeschäft“

Aufwendige Bauten wurden eigens für den Monarchen geschaffen: Um zu prunken, stellte die Stadt riesige Ehrenpforten zum symbolischen Durchschreiten auf. Auf dem Aegi baute man einen gewaltigen Turm, Obelisken und Denkmale wurden eigens für den Vorbeizug des Kaisers errichtet - und bald darauf wieder demontiert. Nur wenige Bauten erinnern heute noch an die Visiten, etwa die für die „Kaisertage“ im September 1889 entworfene „Wodangruppe“. Heute steht die martialische Skulptur am Landesmuseum.

Neues Buch

Voluminöses Werk: „Gerhard Schneider ist einer der besten Kenner von Hannovers Stadtgeschichte im 19. Jahrhundert“, sagt Cornelia Regin, Leiterin des Stadtarchivs. Dort stellte sie den Band „Kaiserbesuche – Wilhelm I. und Wilhelm II. in Hannover 1868–1914“ jetzt gemeinsam mit Verfasser Schneider und Verleger Matthias Wehrhahn vor. Das Buch hat 301 Seiten und kostet 19,80 Euro.

„Kaiserbesuche waren ein Riesengeschäft“, sagt Schneider: Zimmerleute und Architekten kassierten teils horrende Summen für die Dekorationen. Allein der Kaiserbesuch im Jahr 1889 kostete die Stadt rund 100 000 Mark. Andererseits reisten für so einen Monarchenbesuch schon mal bis zu 30 000 Mitglieder von Kriegervereinen nach Hannover, um den Kaiser höchstselbst zu sehen - und sie ließen ihrerseits Geld in der Stadt.

„Proteste gegen den Kaiser gab es kaum“, sagt Schneider. Eigens aus Berlin abkommandierte Polizisten wachten mit Argusaugen über die Sicherheit des Monarchen. Außerdem zeigten sich die Kaiser gerne großzügig: Wilhelm I. ließ den Armen Spenden zu kommen, und Wilhelm II. verteilte großherzig Orden und Titel - oder er empfing Schauspieler nach der Vorstellung in der Loge, um Ihnen Schmuck zu kredenzen.

Die Kaiser besuchten mal den hannoverschen Zoo, mal das Logenhaus der Freimaurer, und oft inspizierten sie auf dem Kronsberg die Truppen. Man nächtigte im Leineschloss, ging abends ins Theater und fuhr morgens häufig zur Jagd nach Springe weiter. Dort trieb man Wilhelm II. Sauen vor die Flinte - teils wurden Dutzende von Tieren an einem Tag zur Strecke gebracht. Fotos in dem Buch zeigen, wie Majestät einem angeschossenen Wildschwein 1912 persönlich mit der Saufeder den Garaus macht. Ganz unweidmännisch mit einer Zigarette im Mundwinkel.

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