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Aus der Stadt Als der Terror nach Hannover kam
Hannover Aus der Stadt Als der Terror nach Hannover kam
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21:48 28.08.2012
Von Tobias Morchner
Die erste Bombe zündete der Erpresser Stefan S. am 29. August 1992 in der Nähe der Marktkirche. Der Sprengsatz verletzte mehr als 20 Menschen. Quelle: Michael Thomas
Hannover

Nur zu gern würde Hannovers ehemaliger Bürgermeister Herbert Schmalstieg die Geschehnisse jener Spätsommerwochen des Jahres 1992 endlich zu den Akten legen. Die an ihn gerichteten Erpresserbriefe beispielsweise, die Drohungen des Verfassers, Menschen verletzen zu wollen, die vollkommen überzogenen, nicht erfüllbaren Forderungen des Täters und nicht zuletzt die beiden Bomben, die Ende August und Ende September in der Altstadt explodierten und mehr als 20 Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzten. „Doch irgendwie werde ich bis heute regelmäßig an die Vorfälle erinnert, so sehr ich auch versuche, alles zu verdrängen“, sagt der ehemalige Verwaltungschef.

Heute vor genau 20 Jahren steuert in Hannover eine Kriminalgeschichte ihrem Höhepunkt entgegen, die zu den spektakulärsten der Bundesrepublik zählt. Mehr als zwei Jahre hält der Erpresser und Bombenbauer Stefan S. Verwaltung und Polizei der Stadt da bereits in Atem, der erste Brief stammt aus dem April 1990. Immer wieder tauchen Drohbriefe auf, immer wieder formuliert der Verfasser darin seine Forderungen: zehn Millionen Mark in geschliffenen Diamanten, eine halbe Million Mark in bar, dazu jede Menge Maschinenpistolen, Schnellfeuergewehre und Munition. „Dieser Brief geht wieder schnell an den Oberbürgermeister, oder es gibt ein Blutbad auf dem Frühlingsfest“, heißt es in einem der Erpresserschreiben. Doch erst am 29. August 1992 lässt der damals 22 Jahre alte S. seinen Drohungen Taten folgen.

Während der Vorbereitungen für das Altstadtfest detoniert am frühen Abend neben einem Bierstand an der Marktkirche ein ferngezündeter Sprengsatz. Vier Wochen später geht eine zweite Bombe vor dem Eingang des „Brauhaus Ernst August“ hoch. Weitere sechs Wochen gehen ins Land, bevor der damals 22 Jahre alte Maschinenbaustudent Stefan S. festgenommen wird. Vor Gericht wird ein Gutachter ihm später eine paranoide Persönlichkeitsentwicklung attestieren. Der Waffennarr, der wegen seiner Fettleibigkeit stets gehänselt worden sei, habe nach eigenem Bekunden einen „Hass auf alle Menschen“ verspürt. Bis zum heutigen Tag ist er im Maßregelvollzug in Moringen untergebracht.

Im Spätsommer 1992 detoniert in Hannovers Altstadt eine ferngesteuerte Rohrbombe. 20 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Der Täter wird rund zwei Monate später festgenommen.

Die Opfer von damals tun sich auch 20 Jahre später schwer, öffentlich über die Bombenattentate im Herzen der Stadt zu sprechen. Wer den Kontakt zu den Geschädigten sucht, wird freundlich, aber bestimmt abgewiesen. „Was sollte das jetzt noch bringen?“, fragt einer der Betroffenen. „Ich verstehe, dass die Opfer von damals auch heute nicht reden wollen, weil sonst die ganze Erinnerung an den Fall wieder hochkommen würde“, sagt Herbert Schmalstieg.

Heinz André fällt der Rückblick auf die Ereignisse in der Altstadt ein wenig leichter, war er doch nicht unmittelbar von den Anschlägen betroffen. Der heute 66-Jährige arbeitete damals als Küchenchef und Geschäftsführer im „Brauhaus Ernst August“, jenem Lokal, vor dem der zweite Sprengsatz explodierte. Es ist ein Sonntag, André hat die Gaststätte bereits mittags verlassen, um sich auf den Heimweg in Richtung Lehrte zu machen. „Sonntagmittags war damals nicht so viel Betrieb, sodass ich früh Feierabend machen konnte“, erinnert sich der Gastronom.

Kurz nach 18 Uhr erhält der Küchenchef in seiner Privatwohnung einen Anruf. Es ist einer von Andrés Mitarbeitern. „Bei uns ist eine Bombe explodiert“, sagt der Anrufer. Heinz Andrés Gedanken kreisen sofort um den Anschlag, der sich vier Wochen zuvor in unmittelbarer Nähe zugetragen hat. „Es war sofort klar, dass die Tat nichts mit unserer Gaststätte zu tun haben konnte, wenn zweimal innerhalb kurzer Zeit Sprengkörper in der gleichen Gegend deponiert werden.“

Dennoch setzt André sich sofort in sein Auto und fährt zurück nach Hannover. Als er in die Schmiedestraße einbiegt, erkennt er sofort, welchen Schaden der Sprengsatz angerichtet hat. „Die gesamte Straße war abgesperrt, überall Polizei und Krankenwagen.“ Fünf Menschen sind durch die Explosion verletzt worden.

Kaum jemand weiß von den Nöten des OB

Heinz André ist sofort klar, dass es sich bei der Tat um einen gut vorbereiteten Anschlag handeln muss. Der Papierkorb, in dem die Bombe deponiert war, steht genau neben der Eingangstür. „Abends kümmerten sich damals immer Türsteher um den Einlass“, erinnert er sich. Der Täter muss den selbst gebauten Sprengsatz bereits Stunden zuvor in dem Abfalleimer deponiert haben. „Vielleicht hat er das Brauhaus ja sogar die gesamte Zeit über beobachtet“, sagt Heinz André rückblickend.

An diesem Abend fährt der Küchenchef nicht mehr nach Hause zurück. André bleibt die ganze Nacht in der Gaststätte, kümmert sich am Morgen nach der Explosion noch um die Frühstücksgäste. „Die Tage danach waren von Angst geprägt“, sagt der ehemalige Brauhaus-Chef. Jeder Gast wird beim Betreten des Lokals von den Kellnern sorgfältig begutachtet, die Türsteher kontrollieren häufiger als sonst, der Inhalt sämtlicher Mülleimer vor dem Gebäude wird regelmäßig überprüft.

Als nach dem zweiten Anschlag Polizei und Stadtverwaltung endlich die Hintergründe der Bombenanschläge offenlegen und über die Erpressungsversuche gegen Oberbürgermeister Schmalstieg berichten, wird die Stimmung in der Altstadt noch angespannter. Bis zu diesem Zeitpunkt hat von der Existenz der Drohbriefe kaum jemand gewusst. „Mein direktes Umfeld war eingeweiht, schließlich wurden die Umschläge ja teilweise auch unter meiner Bürotür hindurchgeschoben, ansonsten habe ich nur der Polizei etwas davon erzählt“, sagt Herbert Schmalstieg.

Angst habe er auch in der heißen Phase der Ermittlungen nicht verspürt, ein angenehmes Gefühl sei es allerdings nicht gewesen, sagt Schmalstieg. „Es war eine außergewöhnliche Situation, aber bestimmt nicht die schwierigste meiner Amtszeit.“

Die Jagd nach dem Bombenbauer

  • 29. August 1992: Gegen 19 Uhr explodiert in einem Papierkorb an der Marktkirche eine selbst gebastelte und ferngezündete Bombe. 20 Menschen werden zum Teil lebensgefährlich verletzt. In der City laufen zum Zeitpunkt der Explosion die letzten Aufbauarbeiten für das Altstadtfest.
  • 28. September 1992: Etwa um 18 Uhr zündet in der Schmiedestraße in unmittelbarer Nähe des „Brauhaus Ernst-August“ erneut eine Bombe in einem Papierkorb. Fünf Menschen werden durch umherfliegende Metallteile verletzt.
  • 30. September 1992: Vor der Begegnung Hannover 96 gegen den SV Werder Bremen im Europapokal der Pokalsieger sucht die Polizei aufgrund einer Bombendrohung mit Sprengstoffspürhunden das Niedersachsenstadion ab. Gefunden wird nichts. Möglicherweise handelt es sich um einen Trittbrettfahrer.
  • 1. Oktober 1992: Die Sonderkommission „Altstadt“ gibt bekannt, dass bei den beiden Anschlägen der Sprengstoff „Nobelit 310“ verwendet wurde. Das Dynamit war in mehreren Getränkedosen verstaut.
  • 2. Oktober 1992: In einem Gebüsch in der Kleingartenkolonie „Nibelungen“ in Badenstedt entdeckt ein Laubenpieper durch Zufall eine Kiste. Sie enthält das Werkzeug des Bombenbastlers, darunter vier Kilogramm Sprengstoff, weitere, bereits fertige Bomben, CB-Funkgeräte, eine Schreibmaschine, auf der die Bekennerschreiben verfasst wurden, rund 20 englischsprachige Handbücher, die Tipps zum Bombenbau geben, sowie etwa 200 Seiten mit persönlichen Aufzeichnungen des Täters.
  • 4. Oktober 1992: Polizei und Stadtverwaltung legen in einer Pressekonferenz erstmals die Hintergründe der Bombenanschläge offen: Ein Unbekannter erpresst seit zwei Jahren Herbert Schmalstieg, den damaligen Oberbürgermeister der Stadt. Der Erpresser fordert geschliffene Diamanten im Wert von zehn Millionen Mark, eine halbe Million Mark in bar, Schnellfeuerwaffen der Marke Heckler & Koch, Infrarotzielfernrohre, Nachtsichtgeräte und ein Funktelefon.

    Der erste Drohbrief fällt im April 1990 bei der Briefsortierung im Hauptpostamt auf, da der Umschlag nicht frankiert ist. In den nächsten zwei Monaten folgen zwölf weitere Schreiben. Im Dezember 1992 legt der Erpresser einen Brief auf den Flur vor das Dienstzimmer des Oberbürgermeisters im Rathaus. Die Briefe sind für die Ermittler leicht zu erkennen: Der Absender hat die Umschläge mit Anisöl eingefettet, um seine Fingerabdrücke zu verwischen. Er lässt seinen schriftlichen Drohungen auch Taten folgen: Am 7. Oktober 1990 legt er eine Bombe in ein Schließfach im Hauptbahnhof. Wegen Sauerstoffmangels explodiert sie allerdings nicht. Sprengstoffexperten finden in einem anderen Schließfach eine weitere Bombe. Als Beweis, wer hinter den Anschlägen steckt, schickt der Erpresser der Polizei vier Tage später die zu den Schließfächern passenden Schlüssel.

    Weitere Rohrbomben legt der Erpresser im Mai 1991 in Davenstedt und im Frühjahr 1992 in der Nähe einer Brücke über die Fösse. Beide Sprengsätze explodieren nicht. Die Polizei vermutet, dass der Täter mit elektronischen Zündern experimentiert hat. In der Zeit zwischen Juni und Dezember 1990 versuchen die Ermittler mehrfach, mit dem Erpresser in Kontakt zu kommen. Zweimal ist sogar die Übergabe des Lösegeldes und der Waffen geplant, und obwohl die Anforderungen des Erpressers den Behörden einiges Kopfzerbrechen bereiten, gehen sie darauf ein. So lotst der Bombenbastler die Fahnder am 17. Mai 1990 zum Langenhagener Flughafen. Auf Wunsch des Erpressers startet dort eine Maschine, deren Besatzung auf einen vom Attentäter abgesetzten Funkspruch zwei Militärrucksäcke gefüllt mit den Waffen und den Diamanten abwerfen soll. Die Maschine hebt wie geplant ab, doch der Funkspruch bleibt aus. In einem zweiten Versuch am 1. Juni des gleichen Jahres soll das Lösegeld, so hat es der Täter bestimmt, von einer Frau übergeben werden. Sie solle nicht älter als 20 Jahre sein und nur mit einem Ledermantel bekleidet mit der Beute in einem offenen schwarzen Cabrio vor dem Neuen Rathaus warten. Die Polizei erfüllt auch diese Forderung, doch der Erpresser erscheint nicht am Treffpunkt.

  • 6. Oktober 1992: Der damals 22-jährige Stefan S. wird von der Polizei festgenommen. Zuvor hat ein früherer Klassenkamerad die Stimme des Verdächtigen auf einer Tonbandaufnahme aus dem Jahr 1990 erkannt. S. lässt sich widerstandslos festnehmen. Zwei Stunden später legt er ein Geständnis ab.
  • 10. September 1993: Stefan S. wird von der Jugendkammer des Landgerichts zu einer Strafe von acht Jahren und sechs Monaten verurteilt. In der Urteilsbegründung heißt es, S. habe den Tod von Menschen in Kauf genommen, als er die Bombe während des Altstadtfestes in einem Mülleimer deponierte. Nur durch glückliche Zufälle und die schnelle medizinische Hilfe hätten die Verletzten überleben können. Ein Gutachter hatte den Maschinenbaustudenten eine paranoide Persönlichkeit attestiert. Das Gericht ordnet die sofortige Unterbringung im Landeskrankenhaus Moringen an.
    Das Urteil gibt der Justiz seither die rechtliche Möglichkeit, S. nicht freizulassen, obwohl er seine eigentliche Haftstrafe längst verbüßt hat. Aus dem sogenannten Maßregelvollzug können Straftäter nur dann entlassen werden, wenn sie als geheilt gelten und wenn eine Strafvollzugskammer dies anordnet. Stefan S. ist heute noch immer im Landeskrankenhaus Moringen untergebracht. Einmal im Jahr prüft die Strafvollstreckungskammer in Göttingen, ob von S. weiterhin eine Gefahr ausgeht.
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