Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
„Auf der Kanzel hält der Pastor eine große Rede“

Alternativen zum Religionsunterricht „Auf der Kanzel hält der Pastor eine große Rede“

Die Zahl der Konfessionslosen wächst – und damit die Frage nach Alternativen zum Religionsunterricht. Nicht alle Grundschulen können diese aus Sicht von Atheisten ausreichen bedienen. In vielen Schulen haben konfessionslose Kinder keine andere Wahl, als am Religionsunterricht teilzunehmen.

Voriger Artikel
Ehepaare nennen Taxifahrer „Kanake"
Nächster Artikel
Stoff für die Forschung

Renate Loest-König  gibt evangelischen Religionsunterricht in der Grundschule Salzmannstrasse.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Wenn Sascha Rother sich die Mappen und Mitbringsel aus dem Religionsunterricht seines Sohnes ansieht, wirkt er leicht genervt. Ausgemalte Bilder mit Abraham aus dem Alten Testament sind darunter und Knetfiguren, die Hirten aus der Jesusgeschichte darstellen. Für den konfessionslosen Rother sind es Dinge aus einer Welt, mit der er wenig zu tun haben will.

„Der Religionsunterricht beschränkt sich auf biblische Geschichten wie die von Abraham und dem liebenden Gott. Ich möchte keinen solchen Bekenntnisunterricht für meinen Sohn.“ Anfangs hatte Rother noch gehofft, es werde in den Religionsstunden auch um allgemeingültige Werte und ein gutes Verhalten der Kinder untereinander gehen. Nach seinem Eindruck findet dies jedoch kaum statt.

Doch eine echte Alternative zum Religionsunterricht bot die Grundschule seines Kindes in der Südstadt der Familie nicht an. Der konfessionslose Junge hätte mit im Unterricht sitzen und sich mit anderen Dingen beschäftigen können, oder auch vor der offenen Tür im Flur, damit die Lehrerin ihn nebenbei beaufsichtigen kann. Diese Art der Ausgrenzung wünschte sich der Vater nicht. Dennoch hat er seinen Sohn nach zwei Jahren zum neuen Schuljahr nun abgemeldet. Die Hoffnung, dass andere Eltern sich anschließen und die Schule gezwungen ist, eine eigene Gruppe für nichtchristliche Kinder einzurichten, hat er aktuell nicht mehr.

„Ich will anderen Menschen nicht ihren Glauben wegnehmen“, betont der 36-Jährige. Rother versteht es jedoch nicht, dass es für die wachsende Zahl der Atheisten kein anderes Angebot wie einen weltanschaulich neutralen Ethikunterricht oder humanistische Lebenskunde in der Grundschule gibt. „Mir geht es um Gleichbehandlung. Ich habe unser Kind notgedrungen gegen meine eigenen Überzeugungen in den Religionsunterricht geschickt.“

In Linden plädiert Schulleiter Hinrich Netzel dagegen für einen möglichst weitgehend gemeinsamen Unterricht. An seiner Grundschule Salzmannstraße besuchen alle muslimischen Kinder den Islamunterricht. „Alle anderen Eltern kann ich meist überzeugen, ihr Kind den evangelischen Unterricht ausprobieren zu lassen.“ Abmeldungen gibt es danach kaum. In manchen Jahren machen sogar alle Schüler beim Religionsunterricht mit und pausieren nur, wenn die Eltern ein bestimmtes Thema wie Sterben und Tod für ihr Kind ausklammern wollen. Im alternativ geprägten Linden-Nord, wo viele Kinder nicht mehr getauft sind, erscheint das erstaunlich. Doch Netzel führt ins Feld, dass unsere Kultur und Geschichte sich kaum ohne Kenntnis des christlichen Glaubens verstehen lassen. Moralische Werte und der Umgang miteinander gehörten außerdem zu den Themen, die Lehrer in den Fächern Islam und (evangelische) Religion mit den Grundschülern besprechen. „Ich fände es schade, wenn es sich etablieren würde, dass eine nennenswerte Zahl von Kindern gar nicht mehr am Religionsunterricht teilnimmt.“

Religionslehrerin Renate Loest-König leistet an der Grundschule Salzmannstraße oft Basisarbeit, erklärt die Feiertage und das biblische Personal. „Es dauert lange, bis die Schüler begreifen, warum wir überhaupt Weihnachten feiern.“ Manchmal gleicht ihre Stunde auch einer Einführung in Architekturgeschichte: Kirchenschiff, Klingelbeutel, Kanzel. Leon hat das Wort Kanzel zu Hause recherchiert: „Da stellt der Pastor sich hin, wenn er eine große Rede halten will.“ Mitschüler Tobi widerspricht: „Heutzutage wird das selten benutzt. Sie haben alle Mikro.“ Wesentlicher erscheint der Lehrerin aber, dass es in ihrem Unterricht auch um Glauben und Gott geht. Ein Angebot, über das Kinder nachdenken können. „Beurteilen, also annehmen oder ablehnen, kann man doch nur, was man kennt“, argumentiert eine andere Lehrerin.

Einen anderen Umgang mit der sich ändernden Gemengelage in Glaubensdingen hat die Nordstädter Grundschule Auf dem Loh gefunden. Familien können frei zwischen ökumenisch geprägtem christlich-evangelischem Religionsunterricht, dem Fach Islam und dem Angebot Soziales Lernen wählen. Damit passt sich die Schule der Lebensrealität im Stadtteil an: Katholische Kinder gibt es kaum, dafür aber etliche Schüler mit mehr oder weniger starker muslimischer Prägung. Dabei nähern sich die Fächer einander an: In Religion werden keine Gebote gelernt und beim Sozialen Lernen geht es auch ein klein bisschen um Religion. „Wir haben immer weniger Kinder, die überhaupt getauft sind. Manche Eltern schicken ihr Kind dennoch in den Religionsunterricht und sagen, es kann doch nicht schaden“, sagt Schulleiter Ulrich Kluge.

Eine ganze Weile hatte das die Mutter von Max (Name geändert) auch überlegt. Sie selbst hat sich von der Kirche entfernt und ihre Kinder nicht taufen lassen. „Wir leben aber in einer christlich geprägten Kultur. Deshalb finde ich es wichtig, dass meine Kinder diese Grundlagen kennenlernen.“ Nur sollte der Glaube nicht als Selbstverständlichkeit hingestellt werden, meint die 46-Jährige. Sie meldete Max schließlich doch lieber für Soziales Lernen an. Den Ausschlag gab eine unschöne Situation, die sie selbst vor einigen Jahren als Mitarbeiterin an einer ländlichen Schule erlebt hatte, in der alle Kinder den Religionsunterricht bei einer strenggläubigen Lehrerin mitmachen mussten. „Die atheistischen Kinder fühlten sich in die Ecke gedrängt und nicht angenommen.“ Max sitzt nun mit Kindern aus muslimischen und atheistischen Familien zusammen beim Sozialen Lernen. Und es macht ihm Spaß.

Alternativen gefordert

In Niedersachsen zählt konfessioneller evangelischer und katholischer Religionsunterricht zum festen Fächerkanon an Grundschulen. Dabei gehören in Hannover nur noch rund 35 Prozent der Bevölkerung der evangelischen Landeskirche und 14 Prozent der katholischen Kirche an. Grob geschätzt weitere 2 Prozent sind Christen anderer Richtungen, 7 Prozent Muslime und ein Prozent Juden. Unter den restlichen 40 Prozent finden sich vor allem Konfessionslose und daneben noch einige kleine Glaubensgemeinschaften wie Hindus und Aleviten.

Die Schüler sind aber grundsätzlich zur Teilnahme am Religionsunterricht verpflichtet – solange ihre Eltern sie nicht abmelden. Für konfessionslose oder andersgläubige Kinder sollten die Grundschulen dann ein alternatives Angebot organisieren. Die Schulen sind als Verlässliche Grundschulen selbst für diese Betreuung verantwortlich. Als alternatives Angebot gilt zum Beispiel, konfessionslose Schüler in den Unterricht einer Parallelklasse zu schicken. Evangelische und katholische Kinder können übrigens auch freiwillig am Unterricht der jeweils anderen Religion teilnehmen. Für das Fach Islam gilt eine eigene Regelung: Muslimische Kinder sind angesichts der unterschiedlichen Strömungen im Islam nicht zur Teilnahme verpflichtet. Die Eltern melden ihr Kind an, wenn sie diesen Unterricht wünschen.

In den weiterführenden Schulen gibt es von der fünften Klasse an als Alternative zum Religionsunterricht das Fach Werte und Normen, wenn sich genügend (mindestens zwölf) Schüler dafür finden. Der Humanistische Verband Deutschland fordert, auch in Grundschulen ein Fach wie humanistischen Weltanschauungsunterricht einzuführen. bil

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Letter
250 rote Luftballons bestückt mit philosophischen Fragen steigen in den Seelzer Himmel auf.

250 rote Luftballons haben sich am Montag im Leine-Stadion auf den Weg in den Seelzer Himmel gemacht. Es waren besondere Ballons - trugen sie doch alle am Ende der Schnur einen Zettel, auf dem die Schüler eine philosophische Frage notiert hatten.

mehr
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Sonnenuntergang über Hannover

Am 08. Dezember gab es einen tollen glutroten Sonnenuntergang über Hannover. Hier sind die Fotos der HAZ-Leser.