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"Ich wollte sie hässlich machen"

Prozess um Säureanschlag "Ich wollte sie hässlich machen"

Der Schwurgerichtsprozess gegen Daniel F., der der 27-jährigen Verkäuferin Vanessa Münstermann ein Glas mit ätzendem Industriereiniger ins Gesicht geschüttet haben soll, hat mit Hindernissen begonnen. Vorübergehend wurde die Öffentlichkeit ausgeschlosssen. Dann legte der Angeklagte ein ausführliches Geständnis ab.

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Das Opfer Vanessa Münstermann mit ihrem Anwalt Matthias Waldraff.

Quelle: dpa
  • Am Schwurgericht Hannover hat der Prozess gegen den Exfreund von Vanessa Münstermann begonnen.
  • Daniel F. ist wegen versuchten Mordes angeklagt: Er soll ihr Säure ins Gesicht geschüttet haben. Am ersten Prozesstag legte er ein Geständnis ab.
  • Öffentlichkeit für Verlesung von Erklärungen zum Lebenslauf vorübergehend vom Prozess ausgeschlossen.

"Ich wollte sie hässlich machen." "Ich wollte ihren Charakter auf ihr Äußeres übertragen." Das waren zwei Kernsätze aus der Aussage von Daniel F., der sich seit Freitagmorgen am Schwurgericht wegen versuchten Mordes verantworten muss. "Sie": das ist die 27-jährige Vanessa Münstermann, der der 32-Jährige am 15. Februar dieses Jahres ein Glas stark ätzendem Industriereiniger ins Gesicht geschüttet hat. Der Angeklagte legte ein ausführliches Geständnis ab, stellte sich zwei Stunden den Fragen der Verfahrensbeteiligten. Sein Motiv, so sagte er, sei Rache gewesen, nicht Eifersucht. Das Opfer lag nach der Säureattacke zwölf Tage im künstlichen Koma, wurde sieben Wochen in der Medizinischen Hochschule behandelt und ist seither stark entstellt.

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Fotostrecke Hannover Aus der Stadt: Adoptivvater des Angeklagten zahlt Schmerzensgeld

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Adoptivvater des Angeklagten zahlte 50.000 Schmerzensgeld

Die Verteidiger von F., Benjamin Schmidt und Max Malpricht, stellten in einem nichtöffentlichen Teil der Sitzung den Antrag, das Verfahren wegen Verhandlungs- und vermuteter Schuldunfähigkeit einzustellen. Der Angeklagte leide unter einer Persönlichkeitsstörung, er dürfe nur im Rahmen eines Sicherungsverfahrens vor Gericht gestellt werden. Durchaus öffentlichkeitswirksam verkündete Anwalt Schmidt, dass Vanessa Münstermann bereits 50.000 Euro Schmerzensgeld überwiesen wurden. Sein Mandant hoffe, dass es dem Opfer damit irgendwann wieder möglich sein werde, ein normales Leben zu führen. Das Geld stammt von dem 68-jährigen Adoptivvater von Daniel F., einem nahe Freiburg lebenden Schönheitschirurgen. Rechtsanwalt Matthias Waldraff, der die als Nebenklägerin auftretende Frau vertritt, bestätigte den Eingang des Geldes. Er machte aber auch klar, dass dieses nur einen Teil der Forderungen von 250.000 Euro abdecke, die er noch zivilrechtlich geltend machen wolle.

Wie Daniel F. sagte, hatte er mit dem Opfer seit vergangenem August eine Beziehung. Doch wäre es schon nach wenigen Wochen schwierig geworden. Vanessa Münstermann habe vorübergehend in seiner Wohnung im Landkreis Hildesheim gewohnt, sei aber bald wieder ausgezogen. Sie sei sehr eifersüchtig gewesen und hätte von ihm verlangt, seinen Nebenjob als Fitnesstrainer aufzugeben, weil er dort ständig Kontakt zu anderen Frauen habe. Dass er seine Freundin nach der Trennung bestrafen wollte, hänge damit zusammen, dass sie ihn gegenüber seinen Eltern schlecht gemacht habe. Der 32-Jährige mit brasilianischen Wurzeln spricht perfekt Deutsch, versteht sich auch auszudrücken. Vor Gericht äußerte er sich meist stockend, gelegentlich aber wirkte er sehr bestimmt.

"Rohrgranate" im Nudelglas: "Das tat echt Scheiße weh."

Im Zuge der Befragung trat zutage, dass F. vor der Tat im Internet verschiedene Begriffe gegoogelt hat: "Auftragskiller gesucht" oder "Wie stelle ich Salzsäure her?" Beim Umfüllen des Industriereinigers namens "Rohrgranate" in ein Nudelglas löste sich ein Plastikbecher auf, wurden ein Kehrblech und ein Sideboard stark beschädigt. Wie verheerend das Mittel wirkt, bemerkte der Angeklagte auch durch einen Spritzer auf seiner Hand: "Das tat echt Scheiße weh."

Vanessa Münstermann: "Nachts wache ich oft von meinem eigenen Schreien auf." 

Am frühen Nachmittag sagte das Opfer aus. Die gelernte Kosmetikerin wirkte sehr selbstbewusst, brach aber auch häufig in Tränen aus. Ihre Verletzungen sind fürchterlich - und Vanessa Münstermann steht noch ein jahrelanger Leidensweg bevor. Auf dem linken Auge hat sie nur noch zehn Prozent Sehkraft, sollte sich dort noch Säure verbergen, muss es entfernt werden. Die Rekonstruktion ihres Ohrs hat sie aufgrund der starken Schmerzen bei der Behandlung aufgegeben. Sie muss häufig eine Maske tragen, damit die Narben in Mund und Nase nicht nach innen wachsen, doch diese Maske bereitet ihr starke Beklemmungen. Etliche Phasen der Behandlung können frühestens in zwei Jahren fortgesetzt werden, ihr stehen noch zahlreiche Operationen bevor. Dank starker Medikamente, so erklärte die 27-Jährige, sei sie derzeit schmerzfrei. Sie bekommt Antidepressiva, wird nichtsdestotrotz von Alpträumen geplagt: "Nachts wache ich oft von meinem eigenen Schreien auf." Auch habe sie große Angst vor der Zukunft: "Welcher Arbeitgeber will mich denn noch?" Derzeit lebe sie von 720 Euro Krankengeld, werde auch von Eltern und Freunden unterstützt.

„Er war einer der tollsten Männer, die ich je kennengelernt habe"

In den ersten Wochen der Beziehung sei diese „traumhaft schön“ gewesen, erzählte die 27-Jährige: „Er war einer der tollsten Männer, die ich je kennengelernt habe: Sensibel, fürsorglich, athletisch.“ F. brachte ihr Frühstück an Bett, machte brav das Haus sauber. Doch in den Folgemonaten passierten Dinge, die die junge Frau irritierten: Daniel F. schaffte ihre Möbel ungefragt in sein Haus. Er rastete aus unerfindlichen Gründen aus und beschimpfte sie. Bekam er Rechnungen zugeschickt, begann er häufig zu weinen, konnte nicht damit umgehen. „Draußen in der Öffentlichkeit führte er sich auf wie eine Diva, zu Hause war er wie ein kleines Kind“, erläuterte Vanessa Münstermann. Sie versuchte F. dazu zu bringen, sich eine feste Arbeit zu suchen, doch erntete nur leere Versprechungen.

Drei Tage vor dem Säureattentat besuchte F. seine Ex-Freundin zu Hause, die beiden verbrachten einen harmonischen Abend miteinander. Doch am Wochenende begann der Angeklagte Vanessa Münstermann mit Schmähanrufen in der Tankstelle ihrer Eltern zu behelligen, wo sie arbeitete. Er schickte ihr obszöne Nachrichten auf ihr Handy, schickte Nacktfotos inklusive ihrer Kontaktdaten per Facebook in die Welt hinaus.

Von ähnlichen Erfahrungen berichtete eine frühere Freundin, die vor dem Schwurgericht als Zeugin aussagte. Mit der ebenfalls 27-Jährigen, mit der F. einen gemeinsamen Sohn hat, schaute er sich im Fernsehen auch Filme über Säureattentate an. Irgendwann, als seine Internet-Kontakte zu anderen Frauen überhand nahmen und er drohte, sich mitsamt ihres Sohnes umzubringen, trennte sich die frühere Freundin endgültig von ihm. In ihren Augen, sagte sie, sei Daniel F. schizophren. Er wolle Familien und Existenzen zerstören. Selbst seine Adoptiveltern, die dem jungen Mann nach früheren Straftaten immer wieder aus der Patsche geholfen hatten, habe er irgendwann mit dem Tod bedroht.

Das Bild einer gespaltenen Persönlichkeit verdichtete sich auch durch die übereinstimmenden Schilderungen der beiden 27-jährigen Frauen zu männlichen Freunden des Angeklagten. Er erzählte ihnen oft von derartigen Freunden – doch nie tauchte einer leibhaftig auf. Besonders auffällig ist ein „Brian“, den F. immer wieder erwähnte, der aber wahrscheinlich nur in seiner Fantasie existiert.

Öffentlichkeit zur Aussage des Angeklagten ausgeschlossen 

Die Verhandlung hatte mit Hindernissen begonnen. Vor Verlesung der Anklageschrift rügte Verteidiger Benjamin Schmidt die - geänderte - Besetzung des Gerichts. Über diesen Antrag entscheidet die Kammer am Montag. Nach der Anklageverlesung wurde die Öffentlichkeit vorübergehend ausgeschlossen, weil die beiden Verteidiger von F. eine 13-seitige Erklärung zum Lebenslauf des Angeklagten vorbringen wollten. Darin geht es unter anderem um ärztliche Behandlungen seit dessen 15. Lebensjahr. Das Gericht sprach von "schutzwürdigen Interessen" des Angeklagten, Anwalt Schmidt hatte den Schutz der Intimsphäre von Daniel F. angemahnt.

Ein Säure-Angriff durch ihren Ex-Freund hat die linke Gesichtshälfte von Vanessa M. aus Leinhausen verätzt. Nach drei Wochen zeigt sich die 27-Jährige der Öffentlichkeit. 

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Vanessa Münstermann tritt als Nebenklägerin auf. Zu Beginn der Verhandlung wirkte die junge Frau sehr gefasst, ließ sich bereitwillig von den zahlreichen Pressefotografen ablichten. Während der Erklärung, die ihr Ex-Freund später im Gerichtssaal abgab, will sie allerdings den Raum verlassen. Ihre darauf folgende Zeugenaussage, so sagte ihr Anwalt Matthias Waldraff, solle durch die Aussage des Angeklagten nicht beeinflusst werden.

Angeklagter soll sein Opfer mit Schwefelsäure attackiert haben

Laut Staatsanwaltschaft lauerte F. seinem Opfer an einem frühen Montagmorgen nahe Cuxhavener Hof und Bremer Straße in Leinhausen auf. Vanessa Münstermann führte in dieser Gegend regelmäßig ihren Hund aus. Der 32-jährige stieg aus seinem Auto, stellte seine ehemalige Freundin zur Rede und überzog sie mit Vorwürfen. Sie wies ihn darauf hin, dass er sich ihr aufgrund einer einstweiligen Verfügung nicht nähern dürfe, doch er entfernte sich nicht. Dann kam es, so die Anklage, zu der heimtückischen Attacke: F. schüttete der Frau den Industriereiniger ins Gesicht. Dieser enthielt zu 96 Prozent stark ätzende Schwefelsäure.

Am Vortag soll sich F. noch von der verheerenden Wirkung der Flüssigkeit überzeugt haben. Da er wusste, dass sein Opfer keine Möglichkeit haben würde, sich nach dem Einatmen der giftigen Dämpfe Mund und Atemwege zu spülen, muss die Tat laut Anklage als Mordversuch gewertet werden.

Opfer lag knapp zwei Wochen im Koma

Vanessa Münstermann lag zwölf Tage im künstlichen Koma, befand sich bis zum 6. April in der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie erlitt im Gesicht und am Hals Verätzungen dritten Grades, ihr linkes Ohr ist ansatzweise rekonstruiert worden, ihr linkes Auge nach wie vor nahezu geschlossen. Wie der Staatsanwalt erklärte, sei das Hörvermögen des Opfers beeinträchtigt; ob die Ärzte das Auge der Verkäuferin retten können, ist nach wie vor unklar.

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