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Ende der Amtszeit von Marlis Drevermann

Kulturwechsel Ende der Amtszeit von Marlis Drevermann

Kunstfestspiele mit neuer Qualität und vielen Freikarten, heftige Debatten um den Sprengel-Anbau und Schloss Herrenhausen: Die Amtszeit von Kultur- und Schuldezernentin Marlis Drevermann war turbulent. Am Freitag geht sie zu Ende. Ein Rückblick.

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Hannover, 15.10.2015: Hintergrundgespraech zum Abschied von Marlis Drewermann im Neuen Rathaus. Foto: Philipp von Ditfurth

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Die Wände im Büro von Kultur- und Bildungsdezernentin Marlis Drevermann im Rathaus sind bereits kahl. Zwei Gemälde des hannoverschen Künstlers Arnold Leissler hingen hier noch bis vor Kurzem - „Irrgarten“ (1962) und „Landschaft mit Hügeln und Äckern“ (1965/66), dazu eine Skulptur des Bochumer Bildhauers Friedrich Graesel. Die Kunstwerke - allesamt Leihgaben des Sprengel-Museums - habe sie aber schon zurückgegeben, erzählt die 63-Jährige. In ihrem Tonfall schwingt kein Abschiedsschmerz, sondern eher eine heitere Gelöstheit, eine Art Vorfreude auf einen neuen Lebensabschnitt mit.

Es hat Zeiten gegeben, da hätte sich auch mancher im Rathaus über einen Abgang von Drevermann gefreut. Wer ihr wohl gesonnen ist, sagt, ihre Amtszeit sei turbulent gewesen. Man kann aber auch sagen, Drevermann hat in den acht Jahren einige Fehler gemacht. Ein paar davon haben ihre Umgebung beinahe zur Verzweiflung gebracht.

Aufregende Vergangenheit 

Am Freitag endet Drevermanns Amtszeit, die 63-Jährige geht in den Ruhestand. „Ich habe in meinem Leben eigentlich immer so etwa alle zehn Jahre wieder etwas ganz Neues angefangen“, sagt sie. Jetzt ist es eben wieder so weit.

Hinter der Frau, die so aufgeräumt über ihre Zukunft spricht, liegt, so viel ist sicher, eine aufregende Vergangenheit.

Von einem „Kulturkampf“, der Hannovers Rathausmauern erschüttere, ist während des Streits um die neue künstlerische Ausrichtung der Kunstfestspiele Herrenhausen sogar überregional die Rede. Das nach Meinung ihrer Gegner zu avantgardistische Programm sorgt für Ärger. Andere finden, dass Hannover um eine kulturelle Attraktion reicher ist. Die aber geht lange am Publikum vorbei, so sehr, dass Drevermann mit Unmengen von Freikarten nachhilft. Die Kunstfestspiele brauchen ein Weilchen, bis sie sich stabilisieren und ihren Platz im hannoverschen Kulturkalender finden.

Brutto-Netto-Panne 

„Rechenfehlerverwalterin“ wird Drevermann spitz genannt, nachdem sie 2011 im Kulturausschuss eingestehen muss, dass bei den Berechnungen der Personalkosten für das Museum im Schloss Herrenhausen brutto und netto verwechselt wurden. Auch für die Kostensteigerungen wegen der Verzögerungen bei der Fertigstellung des Erweiterungsbaus des Sprengel-Museums wird sie verantwortlich gemacht. Das Ergebnis aber lässt sich sehen.

Drevermann sieht heute „Kommunikationsprobleme“ als Hauptgrund für solche Pannen. „Man hätte viel stärker vermitteln müssen, dass die Planungszahlen nicht mehr als eine riesengroße Schätzung sind“, sagt sie mit Blick auf den Erweiterungsbau. Bei der Brutto-Netto-Panne habe sie sich von großem Zeitdruck dazu verleiten lassen, eine fehlerhafte Drucksache zu früh herauszugeben. Beim Gespräch über die Kunstfestspiele Herrenhausen allerdings blitzt noch einmal der Kampfgeist der scheidenden Dezernentin auf. Drevermann erzählt davon, wie sie als Jugendliche mit der Schule regelmäßig ins Schauspielhaus in Bochum ging und wie brav es dort lange zugegangen sei: „Man hatte ein schwarzes Kleidchen an und merkte: Hier explodiert die Welt jetzt nicht gerade.“ Wie dann Peter Zadek kam und das Bochumer Theater revolutionierte, das hat die junge Marlis Drevermann fasziniert.

Chancengleichheit an Schulen war ihr Antrieb 

Es sei richtig gewesen, trotz der heftigen Kritik an der Ausrichtung der Kunstfestspiele festzuhalten: Ingo Metzmacher, inzwischen Leiter der Kunstfestspiele, hätte man mit einem beliebigen Format nicht zurück nach Hannover locken können, meint sie. Wer nichts ändere, falle meistens sogar hinter den Status quo zurück.

Wie sehr ihre Biografie viele ihrer Entscheidungen geprägt hat, zeigt sich auch im Gespräch über die Schulpolitik. Bildungsgerechtigkeit zu schaffen sei immer ein Antrieb gewesen, sagt sie. Ganztagsschulen seien ein Weg zu mehr Chancengleichheit, vielleicht auch das gemeinsame Lernen.

Drevermann stammt aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie: „Ich bin SPD-Mitglied seit 1972“, sagt sie stolz. Nach der Volksschule ging sie als einziges Kind aus ihrer Gegend aufs Mädchengymnasium, die anderen wechselten zur Hauptschule: „Es war manchmal ganz schön einsam im Bus“, erinnert sich die 63-Jährige. Die meisten Mitschülerinnen hatten Ärzte oder Anwälte zum Vater gehabt.

Ideologische Debatten in der Schulpolitik

Die Tochter eines Maschinenschlossers fand das höchst ungerecht. Ideologische Debatten in der Schulpolitik sind ihr dennoch ein Gräuel. „Es geht nicht um Gesamtschule oder Gymnasium, es geht darum, welche Form von Unterricht man anbieten muss, damit alle etwas davon haben.“

Heißt Aufstieg durch Bildung auch Abitur für alle? „Bloß nicht!“ Drevermann winkt ab. Eltern sollten ihre Kinder nicht überfordern. Für diese Erkenntnis brauche man aber nicht unbedingt ein Schriftstück in der Hand, meint sie, eine Laufbahnempfehlung am Ende der Grundschule, wie sie die rot-grüne Landesregierung gerade abgeschafft hat und die CDU wieder einführen will, wenn sie die nächste Landtagswahl gewinnen sollte. Andererseits dürfe Kindern aus ärmeren Familien aber auch nicht der Besuch eines Gymnasiums verwehrt bleiben. „Alle Schulen müssen sich um individuelle Förderung kümmern.“

Drevermann will in Hannover bleiben

Schulen sollten andere Lebenswelten hereinlassen, findet Drevermann, durch Kooperation mit Sportvereinen und Kulturgruppen gelinge das an vielen Ganztagsschulen schon vorbildlich.

Schule und Kultur sind für die 63-Jährige zwei Bereiche, die sich gut ergänzen. Dass diese künftig auf mehrere Dezernate aufgeteilt werden - für Kultur wird der Personaldezernent Harald Härke zuständig sein, um Schulen und dann auch um Kitas kümmert sich Rita Maria Rzyski - will sie nicht kritisch kommentieren: „Es kommt auf die Zielrichtung, nicht auf die organisatorische Verwaltungseinheit an.“ Der hannoverschen Schulpolitik dürfte es indes guttun, mit Rzyski wieder jemanden zu haben, der sich schwerpunktmäßig um sie kümmert.

In Hannover will die gebürtige Westfälin mit ihrer 85-jährigen Mutter wohnen bleiben. Nur einmischen in die Aufgaben ihrer Nachfolger will sie sich nicht: „Jetzt ist die jüngere Generation dran.“ Ihre Pläne? „Mehr Klavier spielen, Familie und Freundschaften pflegen, vielleicht wieder als Sozialwissenschaftlerin forschen mit den Erkenntnissen aus meinem Berufsleben. Zuerst aber mal richtig Luft holen.“

Von Jutta Rinas und Saskia Döhner

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