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00:21 26.08.2015
Gespannt auf das Ergebnis: Henning Serger hat ein Faible für Analogfotografie und ist Stammkunde bei Frank Westphal. Quelle: Thomas
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Natürlich geht es Michael Braunschädel auch darum, ein Foto zu machen. „In meiner Freizeit nutze ich dafür aber meist Kompaktkameras, bei denen ich keinerlei Einstellungen vornehmen kann oder muss“, sagt der Fotostudent. Der aus seiner Sicht weitaus spannendere Abschnitt der Entstehung von Fotos vollzieht sich jedoch viel später. „Wenn ich zu Hause bin, den Film aus der Kamera hole und anfange, ihn zu entwickeln“, sagt der 26-Jährige. Film entwickeln – im digitalen Zeitalter? Ja. Auch mehr als 40 Jahre nach der Entwicklung des ersten digitalen Bildsensors und in einer Zeit, in der sich fast jeder eine digitale Kamera leisten kann, fotografiert Michael Braunschädel lieber auf Film.

„Die Leute wollen einfach wieder entschleunigt fotografieren“, sagt Frank Westphal, Inhaber des Fotolabors Weckbrodt an der Lindemannallee. Immer häufiger bringen Kunden statt USB-Sticks, Speicherkarten oder selbstgebrannten CDs auch wieder klassische Kamerafilme zur Entwicklung. Westphal hat sowieso nie daran geglaubt, dass irgendwann niemand mehr auf Film fotografieren würde. Im Gegensatz zu einigen Herstellern von analogen Kameras und Filmen.

Nach dem Durchbruch der digitalen Fotografie deutete zunächst auch alles darauf hin, dass das Fotografieren auf Film aussterben würde. Nach 125 Jahren Firmengeschichte meldete einer der renommiertesten Hersteller von analogen Schwarz-Weiß-Filmen 2004 Insolvenz an: Ilford. Das britische Unternehmen  wurde daraufhin in eine schweizerische und eine britische Firma getrennt. Während das Unternehmen in der Schweiz 2013 erneut in die Insolvenz ging, stieg die Nachfrage beim britischen Ableger so stark an, dass sogar noch ein Labor in den USA eröffnet wurde.

Retro ist voll im Trend

Nicht nur bei Analogfotografie kommt der Trend zur Glorifizierung von überholt geglaubten Technologien zum Tragen. Glaubt man etwa Liebhabern der Schallplatte, so ist der vor Jahren totgesagte Tonträger wieder voll im Kommen. In Wahrheit spielt sich die Rückkehr des Polyvinylchlorid-Rillenträgers natürlich nur im Promillebereich des Musikmarktes ab. Fakt ist aber, dass Schallplattenbörsen sich wieder zunehmender Beliebtheit erfreuen und Raritäten hohe Preise erzielen.

Ähnlich staunt manch ein Älterer darüber, dass die nachwachsende Generation plötzlich den Filterkaffee für sich entdeckt und zum einzig wahren Genuss erklärt. Und das nach dem spürbaren Siegeszug der Kaffeevollautomaten durch Gastronomie, Kantinen und Küchen. Tropfende Kaffeemaschinen, dänische Bodum-Pressfiltersysteme oder die stylische Vakuum-Glaskolbenkonstruktionen werden wiederentdeckt und euphorisch gefeiert. Es ist ein bisschen wie mit Oldtimern bei Autos: Retro ist kein Massentrend, aber man darf sich damit als Avantgarde fühlen – auch wenn man von gestern ist.

Ähnlich verhält es sich mit der Firma Polaroid. Bekannt geworden durch die gleichnamige Sofortbildkamera, stellte die englische Firma 2007 die Produktion ebendieser ein. Ab dem Jahr 2008 wurde es auch für Besitzer eines solchen Fotoapparates immer schwieriger, die entsprechenden Filme zu erwerben. Auch diese wurden zunächst nicht mehr hergestellt. 2010 besann man sich jedoch und stellte mit der Polaroid 300 eine neue Sofortbildkamera vor. Die letzte Fabrik, in der es möglich war, die Filme für die klassischen Polaroid-Kameras herzustellen, hatte sich zuvor der Österreicher Florian Kaps gemeinsam mit zwei Geschäftspartnern gesichert. Seit 2010 werden dort unter dem Firmennamen The Impossible Project wieder Filme hergestellt und vertrieben. Polaroid-Kameras sind inzwischen auch unter sehr jungen Leuten wieder trendy.

„Schon das Fotografieren mit Polaroid zeigt, wie gespannt die Menschen auf das Ergebnis sind – und dass das Warten darauf die Fotografie noch attraktiver macht“, sagt Henning Serger. Der 48-jährige Unternehmensberater und ambitionierte Fotograf ist Stammkunde beim Fotolabor Weckbrodt. Dort kauft er die Filme für seine eigene analoge Kamera und lässt seine Farbfilme entwickeln. „Meine Schwarz-Weiß-Filme entwickle ich aber auch noch selbst zu Hause“, sagt er. „Obwohl ich weiß, dass meine Fotos etwas geworden sind, bin ich jedes Mal wieder gespannt, was ich sehe, wenn ich die Fotos aus dem Fixierbad hole.“

"Für Juppies und nostalgische Menschen"

Manch ein Profi schüttelt über so viel Liebe zum analogen Bild den Kopf. „Das ist etwas für Juppies und nostalgische Menschen, die Zeit haben und das vor allem nicht beruflich machen“, sagt Michael Ebert. Der Fotojournalist, der seit 1997 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) ist, unterrichtet unter anderem als Dozent im Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover. „Fotografen sind eigentlich wie Henning Serger Menschen, die sich immer für die neuste technische Entwicklung interessieren und sie auch zu ihrem Vorteil nutzen.“

Kein professioneller Fotograf wolle heutzutage zu einem Termin im Ausland fliegen mit einer Kühlbox mit mehreren Dutzend Filmen, bei denen die Gefahr bestehe, dass sie durch eine Röntgenkontrolle am Flughafen belichtet und somit unbrauchbar würden. „Zudem bietet die digitale Technik die Chance, direkt vor Ort zu überprüfen, ob man die Bilder gemacht hat, die man für einen Auftrag braucht“, sagt er. „Früher ist man von einem Termin zurückgekommen und hatte jedes Mal Angst, dass die Bilder aus irgendeinem unberechenbaren Grund nichts geworden sind.“

Ähnlich sieht das auch Michael Braunschädel. „Ich liebe es zwar, Bilder mit meinen alten analogen Kameras zu machen“, sagt er. „Wenn ich für die Hochschule fotografiere, benutze ich aber eine digitale Kamera.“ Anders sei das Pensum dort gar nicht zu bewältigen. Dafür hat er sich sogar extra eine Digitalkamera gekauft.

Auch Alt ist teuer

Auch vor diesem Hintergrund lässt sich die Renaissance der analogen Fotografie erklären. „Wer will, kann sich heute eine analoge Profiausrüstung für einen Appel und ein Ei kaufen“, sagt Serger. Kameras wie die Nikon F4, die vor 20 Jahren noch fast 4000 D-Mark kostete, könne man heute für rund 300 Euro im Internet ersteigern. „Statt eine mittelmäßige digitale Kamera anzuschaffen, kann man sich eine richtig gute analoge kaufen“, sagt Serger. „Ich selbst habe mir gerade ein Mittelformatsystem angeschafft, das ich mir in digitaler Form niemals leisten könnte.“

Das gilt jedoch nicht für alle Kameras. Für einen der berühmtesten Fotopparate der Welt, die Leica M, bezahlt man auch neun Jahre nach der Vorstellung der ersten digitalen Version noch ein kleines Vermögen. Selbst gebraucht ist die Messsucherkamera, mit der unter anderem Fotografen-Legenden wie Robert Capa, Nick Út oder Henri Cartier-Bresson ihre berühmtesten Bilder machten, selten unter 1000 Euro zu haben. „So etwas brauche ich gar nicht“, sagt Braunschädel. „Am liebsten fotografiere ich mit so alten Knipsen, bei denen man gar nichts einstellen kann.“

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