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Der Gefangene mit den roten Haaren

Historisches Treffen Der Gefangene mit den roten Haaren

Nahe der Stelle, an der heute der Altwarmbüchener See ist, schlug am 26. November 1944 eine B-24J auf dem Boden auf. Die Altwarmbüchener kümmerten sich um die verletzten und toten abgestürzten amerikanischen Piloten. Ihnen zu Ehren haben sich am Montag Angehörige und Verwandte getroffen.

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Angehörige und Verwandte der abgeschossenen Piloten haben sich am Montag in Altwarmbüchen getroffen.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover . Joan Buhrmann erinnert sich noch genau daran, was ihr an ihrem späteren Ehemann auffiel, als sie ihn im Herbst 1945 das erste Mal sah. „Es waren seine Haare“, sagt die 89-jährige Amerikanerin. „Sie waren rot. Deshalb habe ich bald angefangen ihn ,Red’ zu nennen.“ Noch an diesem ersten Abend wusste sie, dass sie Wayne „Red“ Buhrmann heiraten würde. Da machte es auch nichts, dass er mit einem anderen Mädchen zum Footballspiel ging, das störte die damals 20-Jährige nicht. „Ich fühlte mich sofort von ihm angezogen“, sagt Buhrmann. „Er sah gut aus und konnte gut tanzen.“ Selbst verließ sich Wayne Buhrmann nicht auf diese beiden Eigenschaften, wenn es darum ging, Frauen zu beeindrucken. „Er erzählte allen immer wieder davon, wie er im Krieg in Deutschland in Gefangenschaft geriet“, erinnert sich seine Frau. Und weil ihm das passiert war, besuchte sie gestern Altwarmbüchen.

Nahe der Stelle, an der heute der Altwarmbüchener See ist, schlug am 26. November 1944 eine B-24J auf dem Boden auf. Sechs der zehn Besatzungsmitglieder des auf den Namen „Pugnacious Princess Pat“ (sinngemäß: kampflustige Prinzessin Pat) getauften Bombers kamen bei dem Absturz ums Leben. Vier der Amerikaner schafften es nach dem Abschuss durch ein Flakgeschütz in Isernhagen jedoch noch, mit dem Fallschirm abzuspringen und überlebten, einige schwer verletzt. Einer von ihnen war Buhrmann. Was sich danach abspielte, bezeichnete nicht nur Hannovers Bürgermeister Thomas Hermann am Montag als außergewöhnliches Ereignis. „Trotz des Krieges hat damals das Gute in den Menschen gesiegt“, sagte er.

Denn anstatt die US-Soldaten wie Feinde zu jagen und zu töten, kümmerten sich die Altwarmbüchener um die Verletzten und Toten. „Diesen Menschen verdanke ich es, dass ich heute weiß, wo mein Onkel begraben liegt“, sagt Lewis Ruddick. Lieutenant Harry Alexander, Co-Pilot der B-24J, überlebte den Absturz nicht. „Die Menschen, die das Flugzeugwrack fanden, bargen seine Leiche und beerdigten ihn“, sagt Ruddick noch immer ergriffen. Zwar wurde Harry „Dutch“ Alexander später auf einen Soldatenfriedhof in den Niederlanden umgebettet. „Ohne das Handeln der damaligen Bevölkerung hätte man ihn aber nie gefunden“, sagt Ruddick.

Andere Mitglieder der Besatzung hatten mehr Glück. Der Pilot des Bombers, Robert Hicks, überlebte den Absturz nur, weil sein Vorgesetzter sich beweisen wollte. „Flight Major Paul Garrett war kurz zuvor befördert worden und bestand darauf, bei seinem ersten Einsatz das Steuer zu übernehmen“, erzählt Pat Pierce, die Tochter des Piloten. Nur weil sich Hicks im hinteren Teil des Flugzeugs aufhielt, statt am Steuerknüppel zu sitzen, überlebte er den Abschuss. „Er wurde schwer am Kopf verletzt und ohnmächtig“, erzählt seine Tochter. Glücklicherweise öffnete sich sein Fallschirm dennoch. Er wurde zunächst von den Altwarmbüchenern versorgt, bevor er während seiner Kriegsgefangenschaft in ein Krankhaus kam. „Als er nach dem Krieg wieder zu Hause war, verstaute er seine Uniform und alles, was ihn an den dies Zeit erinnerte in Kisten“, sagt Pat Pierce. „Ab da wollte er nie wieder darüber reden.“ Das ging so weit, dass er der Familie verbot, ihn nach dem Erlebten zu fragen.

Am Montag haben sich auf dem Friedhof Altwarmbüchen an einer Gedenktafel Angehörige der Amerikaner getroffen, die im Zweiten Weltkrieg in der Region abgeschossen worden waren.

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„Red musste man nicht fragen“, erinnert sich Joan Buhrmann. „Er erzählte immer wieder von dem Absturz und was er danach erlebte.“ Denn auch der Navigator des Flugzeugs hatte Glück im Unglück. Als der Bomber, der auf dem Weg nach Misburg-Nord war, von zwei Salven an Rumpf und Flügel getroffen wurde, verletzte sich er damals 21-Jährige am Kopf und wurde bewusstlos aus dem Flugzeug gerissen. Im freien Fall kam Buhrmann jedoch wieder zu sich, konnte die Reißleine seines Fallschirms ziehen und landete kurz darauf auf einem Acker bei Stelle. Noch bevor die Flakhelfer den US-Soldaten abholen konnten, transportierte ihn der Steller Bauer Fritz Hillebrecht auf seinen Hof. Wenig später holten deutsche Soldaten Buhrmann ab und sperrten ihn mit den anderen überlebenden Besatzungsmitgliedern in das Spritzenhaus in Stelle.

„Dort passierte dann etwas, was ,Red’ immer und immer wieder erzählte, ob man es hören wollte oder nicht“, sagt Joan Buhrmann. Obwohl es den Befehl gab, dem Gefangenen nichts zu trinken zu geben, lief die damals siebenjährige Margrit Dietterle zu einem nahgelegenen Haus und fragte nach Wasser. Mit einer gefüllten Tasse versuchte sie dann, die Bewacher zu passieren, was ihr schließlich auch gelang. „Sein Leben lang wollte ,Red’ das Mädchen wieder finden und ihr dafür danken“, erinnert sich Joan Buhrmann. Ihr Mann ging aber immer davon aus, über Misburg abgeschossen worden zu sein. Trotz mehrerer Versuche, schaffte er es nicht vor seinem Tod, Margrit Dietterle zu finden.
Doch die Sache ließ „Red“ nicht los. Kurz bevor er als letzter der vier Überlebenden am 3. Dezember 1996 starb, bat er seine Frau und die Familien der anderen Besatzungsmitglieder, statt seiner nach Deutschland zu reisen und den Altwarmbüchenern zu danken.

Am Montag erfüllte eine zwölfköpfige Delegation diesen Wunsch. Kinder, Enkel und Neffen weihten eine Gedenktafel auf dem Altwarmbüchener Friedhof ein, auf der an die Besatzung der „Pugnacious Princess Pat“ erinnert wird und die Angehörigen den Altwarmbüchenern danken. Margrit Dietterle, die auch zu dem feierlichen Anlass eingeladen war, nutzte die Chance, mehr über den jungen Soldaten zu erfahren, dem sie einst half. Bereits am Freitag traf sie sich mit dessen Witwe. „Ich musste all die Jahre immer wieder an ihn denken und wollte wissen, wie sein Leben weiterging“, sagt Dietterle. Nie werde sie vergessen, wie sie ihm vor 70 Jahren das Wasser reichte und dann langsam rückwärts wieder aus dem Spritzenhaus ging, die Augen immer auf Buhrmann gerichtet. „Ich konnte den Blick nicht von ihm wenden“, sagt sie. „Er hatte so schöne Haare.“

jki

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