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Aus der Stadt Angst von Autofahrern aus Hannover vor der MPU ist groß
Hannover Aus der Stadt Angst von Autofahrern aus Hannover vor der MPU ist groß
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20:35 10.07.2011
Von Felix Harbart
Nur 40 Prozent der Kandidaten bestehen die Medizinisch-Psychologische Untersuchung im ersten Anlauf – die meisten von ihnen haben sich zuvor beraten lassen. Grundsätzlich ist eine Beratung sinnvoll, findet auch der TÜV. Das Problem für den Kunden ist, unseriöse Angebote von den seriösen zu unterscheiden. Quelle: Screenshot
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Hannover

Für Aziz B. ist mit dem Verlust seines Taxi- und später seines Führerscheins die Welt zusammengebrochen. B. ist Türke mit deutschem Pass, sein Deutsch ist nicht so gut, wie er es gerne hätte, aber mit Taxifahren konnte er seine Frau und seine Tochter bis vor ein paar Jahren so leidlich ernähren. Jetzt sind die Zertifikate weg, die Geschichte, die dazugehört, ist lang. Seither kämpft Aziz B. mit der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung, kurz MPU. Und fühlt sich betrogen. Vom TÜV, der ihn schon mehrmals durchfallen ließ. Und von einem vermeintlichen Dolmetscher, der ihm versprach, er werde ihn schon durch die Prüfung kriegen. Für 3000 Euro. Nun läuft B. nach seinem Taxi- und seinem Führerschein auch noch seinem Geld hinterher.

B.s traurige Geschichte beginnt im Jahr 2004. Nach einem Streit mit einem Kollegen wird er wegen Körperverletzung verurteilt, zu Unrecht, wie er beteuert. Die Strafe allerdings kostet ihn erst den Taxi- und dann den Führerschein. Der nämlich kann durch die Zulassungsbehörde entzogen werden, wenn der Inhaber sich einer „Straftat mit Aggressionspotenzial“ schuldig gemacht hat, sagt Ulf Kirse vom Medizinisch-Psychologischen Institut des TÜV Nord. Dass man ihm die Fahrerlaubnis entzieht, bekommt B. allerdings nicht mit – weil er die Post nicht versteht, wie er sagt. Also fährt er einstweilen weiter Auto, auch zur Polizei, als die ihn erneut anschreibt. So findet sich heute in seinem Vorstrafenregister auch noch „Fahren ohne Führerschein“.

Um den Führerschein wiederzubekommen, geht B. die ersten Male noch alleine zur MPU beim TÜV Nord. Doch alleine ist er überfordert. Zu schlecht ist sein Deutsch, als dass er allen Fragen und später den Ergebnissen im Gutachten folgen könnte. Daraufhin vermittelt ihm ein Bekannter den Dolmetscher, von dem B. sich heute wünscht, er hätte ihn nie getroffen.

Gemeinsam mit dem Übersetzer geht B. erneut in die Prüfung – der Tatsache zum Trotz, dass der Arabischdolmetscher ihm beim Übersetzen ins Türkische kaum helfen kann. Stattdessen versuchten die beiden es mit einem Trick: B. antwortet auf die Fragen der Psychologin auf Türkisch, und der sogenannte Dolmetscher sagt auf Deutsch einfach das, was er für eine kluge Antwort hält. „Das ist ein relativ typisches Verfahren“, sagt Kirse. In B.s Fall allerdings ist es erfolglos. Er fällt wieder durch. Als er sein Geld vereinbarungsgemäß von dem Dolmetscher zurückverlangt, stülpt der die Hosentaschen nach außen. B. sieht nichts davon wieder.

Der Fall von Aziz B. ist nur einer von vielen, bei denen MPU-Kandidaten von Betrügern über den Tisch gezogen werden. „Das ist leider recht verbreitet“, sagt ADAC-Sprecherin Christine Rettig. Im Internet finden sich Angebote, in denen von „Garantien“ zum Bestehen gesprochen wird. Bei der Frage, wie es zu solchen Garantien kommen kann, wird reichlich herumgeheimnist, von „Verbindungen“ ist die Rede und davon, dass es teuer werden könne. Auch dem TÜV, der die Prüfungen neben anderen Anbietern abnimmt, sind die Versuche, an MPU-Kandidaten Geld zu verdienen, wohlbekannt. „Wichtig ist, bei der Vorbereitung auf die Seriosität des Anbieters zu achten“, sagt Kirse.

Wer nach dem Verlust des Führerscheins gezwungen ist, sich einer MPU zu unterziehen, tut gut daran, sich bei der Vorbereitung helfen zu lassen. „Gut 40 Prozent der Kandidaten bestehen die Prüfung im ersten Anlauf, davon sind die allermeisten vorbereitet“, sagt Kirse. In dem Test wird je nach Vergehen des Kandidaten überprüft, ob befürchtet werden muss, dass derjenige beispielsweise erneut alkoholisiert ins Auto steigt. In B.s Fall versuchten die Verkehrspsychologen zu ermessen, ob der wegen Körperverletzung Verurteilte möglicherweise wieder gewalttätig werden könnte. B. aber beteuert bis heute seine Unschuld in dem strittigen Fall. Deshalb finden die Gutachter, B. zeige keine Einsicht.

In der Regel sei es bei der Vorbereitung auf die Prüfung nicht damit getan, die richtigen Antworten auswendig zu lernen, sagt Kirse. Stattdessen gehe es darum, tatsächlich sein Verhalten umzustellen. Alkoholfahrern etwa kann die Auflage gestellt werden, ein Jahr vor der MPU nachweislich abstinent zu sein. Dabei, diesen Anforderungen gerecht zu werden, könnten seriöse Institute helfen, sagt Kirse. Selbst in aufwendigen Fällen aber lägen die Kosten für die Vorbereitung in der Regel bei nicht mehr als 800 bis 1000 Euro. „Bei Preisen von 3000 Euro wäre ich in jedem Fall misstrauisch.“

Fachmann Kirse rät auch bei etwaigen Garantien pauschal zur Vorsicht. „Eine Garantie, beispielsweise auf Erfolg oder Rückerstattung des Geldes, weist immer auf einen unseriösen Anbieter hin.“ Beim Surfen im Internet könne man überdies überprüfen, über welche staatlich anerkannten Qualifikationen der Anbieter verfüge. „Wer von der Bundesanstalt für Straßenwesen zugelassen ist, ist ernst zu nehmen.“

All das hat Aziz B. nicht getan. Er hat sich auf den vermeintlichen Dolmetscher verlassen. Auf den ist er jetzt ebenso sauer wie auf den TÜV. „Die wollen an mir nur Geld verdienen“, sagt er. Niemals werde man ihn den Test bestehen und wieder Taxi fahren lassen.

ADAC rät zur Vorbereitung

Autofahrern, die sich einer Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) stellen müssen, rät der ADAC zunächst zu einem Beratungsgespräch beim Psychologen. Der bewertet den individuellen Fall und kann Ratschläge geben, welche Vorbereitung die beste ist – etwa ob in der Gruppe oder alleine. Für das Einzelgespräch sollten Betroffene mit Kosten von rund 100 Euro rechnen. Ein Gruppenkursus mit 18 Sitzungen kostet laut ADAC 500 bis 600 Euro.
Anlass für 32 Prozent aller MPUs ist die sogenannte erstmalige Auffälligkeit in Bezug auf Alkohol. 18 Prozent der Teilnehmer haben ihren Führerschein wegen wiederholter Alkoholauffälligkeit verloren, ebenso viele wegen Drogen- oder Medikamentenmissbrauchs. Wer mit 1,6 Promille im Straßenverkehr erwischt wird, dem steht in jedem Fall der sogenannte Idiotentest ins Haus.

Die Kosten dieser sogenannten Begutachtung werden nach einer festen Gebührenordnung festgesetzt und sind bundesweit einheitlich. Je nach Anlass der Begutachtung, also etwa Alkohol- oder Drogenvergehen, werden Kosten zwischen 350 und 750 Euro fällig. Bei welcher der anerkannten Begutachtungsstellen der Betroffene die MPU absolvieren will, kann er selbst entscheiden – schließlich muss er auch alle Kosten selbst tragen. Feste Bestandteile der Tests sind eine medizinische Untersuchung, Leistungstests und ein psychologisches Untersuchungsgespräch.

Der ADAC rät dazu, sich von seriösen Verkehrspsychologen auf die MPU vorbereiten zu lassen. Adressen finden sich unter anderem beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen unter www.bdp-verkehr.de oder beim Bundesverband niedergelassener Verkehrspsychologen unter www.bnv.de. Eine Liste der anerkannten Begutachtungsstellen gibt es bei der Bundesanstalt für Straßenwesen unter www.bast.de.

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