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Wie sicher ist das Feiern in Hannover?

Angst vor Übergriffen Wie sicher ist das Feiern in Hannover?

Junge Frauen fühlen sich in Hannovers Nachtleben häufig nicht mehr sicher. Aber ist das erst seit den Übergriffen in Köln an Silvester so? Ein Club-Besuch und die gefühlte Gefahr, die viele dabei begleitet.

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„Wir beobachten, dass die Hemmschwelle bei den jungen Leuten immer weiter sinkt“: Einlasskontrolle am Palo Palo. 

Quelle: Foto: Körner

Hannover. Es ist kurz vor halb drei, als Flüchtlingskrise und hannoversches Nachtleben für einen Moment gut sichtbar aufeinanderprallen. Gut 40 Partygäste warten am Raschplatz vor dem Eingang des Palo Palo geduldig auf Einlass, als acht Fahrzeuge der Polizei vor der gegenüberliegenden Wache parken. Kurz darauf führen die Beamten elf somalische Flüchtlinge, darunter zwei Minderjährige, zu den Autos. Sie waren kurz zuvor am Hauptbahnhof angekommen und hatten versucht, in der Wache am Raschplatz Asyl zu beantragen. Genauso schnell, wie die Polizei erschienen ist, ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Zurück bleibt auch an diesem Abend die Unsicherheit, die Politik, Polizei, Gastronomen, aber auch Gäste seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln ergriffen hat.

„Seit Jahren wird uns unterstellt, wir seien rassistisch und würden bestimmte Nationalitäten nicht in unsere Läden lassen“, sagt Martin Polomka. Der 33-Jährige ist Geschäftsführer der Eventagentur Trendid, die das Palo Palo betreibt. Seitdem am Kölner Hauptbahnhof Zeugenaussagen zufolge vor allem Nordafrikaner und arabischstämmige Männer feiernde Frauen massiv bedrängt, begrapscht und ausgeraubt haben sollen, beobachtet Polomka jedoch, dass die Stimmung kippt.

Wer sich auf Hannovers Partymeilen mit jungen Frauen unterhält, hört dazu zwei Versionen. Die einen sagen, sie seien durchaus vorsichtig in Hannovers Nachtleben - aber nicht erst seit Neuestem. Die anderen fühlen sich seit den Silvestervorfällen beim Feiern deutlich unwohler als zuvor.

Neulich hat Polomka die E-Mail eines besorgten Vaters erreicht. „Er schrieb, dass seine Tochter ins Palo Palo gehen wolle, zu ihrer Sicherheit aber immer eine Dose Pfefferspray in der Handtasche habe“, erzählt Polomka. „Er hatte Angst, dass wir die junge Frau nicht in den Club lassen würden.“ Polomka konnte ihn jedoch beruhigen. „Unsere Türsteher schauen in jede Tasche. Und wenn wir Pfefferspray oder Ähnliches finden, wird mit einem Aufkleber der Name darauf vermerkt, und die Gäste können es beim Verlassen des Palo Palo wieder an der Tür abholen.“

Auf der Partymeile am Steintor haben die Gastronomen mittlerweile Plakate in ihren Bars und Clubs aufgehängt, auf denen die Türsteher anbieten, die Partygäste zum Taxi zu geleiten. „In den Clubs fühle ich mich zwar sicher“, sagt die 26-jährige Jasmin aus Sehnde. „Aber auf der Straße habe ich manchmal den Eindruck, dass mich manche Typen nur als Objekt betrachten.“ Deshalb hat sich die Verkäuferin auch die Notfallnummer des Security-Teams in ihr Handy eingespeichert.

Für einige Steintor-Besucher reicht das aber nicht aus. „Dort fühle ich mich immer irgendwie unsicher wegen des Publikums“, sagt etwa Kira (23). Wenn sie in Linden in den Clubs feiern geht, habe die Studentin keine Angst vor Übergriffen - daran konnte auch die Silvesternacht nichts ändern. Die 22-jährige Sarah ist da etwas vorsichtiger: „Wenn ich nachts alleine aus dem Club komme, habe ich oft Pfefferspray dabei - allerdings schon seit Jahren.“

Vor allem Diebstähle sind im hannoverschen Rotlichtviertel ein Problem. Den Großteil der 197 im vergangenen Jahr in der Region begangenen Taschendiebstähle durch Antänzer registrierte die Polizei am Steintor. Antänzer, die angetrunkenen Nachtschwärmern nach dem Verlassen der Discos auflauern, sind nach Meinung von Martin Polomka kein Problem am Raschplatz. „Vor allem die Frauen haben hier viel mehr Angst, Opfer eines gewalttätigen oder sogar sexuellen Übergriffs zu werden“, glaubt er.

„Ich kann die Angst der jungen Frauen durchaus verstehen“, sagt Milan. Der 30-Jährige leitet das Sicherheitsteam des Palo Palo. „Wir beobachten, dass die Hemmschwelle bei vielen Leuten immer weiter sinkt“, sagt der gebürtige Bosnier, der seit mehr als zehn Jahren an der Tür steht. Das hat seiner Meinung nach aber weniger mit der Nationalität der Personen zu tun. „Viel mehr mit dem Alkoholpegel und damit, wie frustriert oder unzufrieden die Leute sind“, erklärt er.

Erst am vergangenen Wochenende eskalierte nach Informationen der Polizei eine Situation, als eine Gruppe Nordafrikaner offenbar Frauen hinterherpfiff. Im weiteren Verlauf sollen die rund 20 Männer mit Flaschen nach Passanten und zwei Mitarbeitern eines Sicherheitsdienstes geworfen haben. Einer der beiden konnte daraufhin offenbar nicht mehr den Hund zurückhalten, mit dem er auf Streife war. Der Hund biss einem der Angreifer daraufhin in das Gesicht. „Wir haben Ermittlungen gegen den Sicherheitsmann wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung eingeleitet“, sagte eine Polizeisprecherin. Gegen den Nordafrikaner, der schwer verletzt in eine Klinik kam, wird wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

Es ist offenbar nicht der erste Zwischenfall dieser Art. „Mitte Dezember letzten Jahres kam eine Gruppe sudanesischer Flüchtlinge vom Weißekreuzplatz und wollte in den Club“, erinnert sich Polomka. „Die Männer waren aber vollkommen betrunken und benahmen sich daneben.“ Als die Türsteher ihnen den Eintritt verwehrten, wurden sie ausfallend. „Sie beschimpften uns in einer Sprache, die keiner von uns versteht, und wurden immer aggressiver“, sagt Milan. Nach den Schilderungen der Türsteher zogen sie letztlich zwar ab, warfen dann aber Steine von der Hamburger Allee hinunter auf die Gäste und Mitarbeiter des Palo Palo.

Auch damals warfen die Sudanesen den Betreibern vor, sie zu diskriminieren. „Sie sagten, wir würden unsere Gäste nach Herkunft aussuchen“, sagt Milan und muss grinsen. Im Team des Bosniers arbeiten ein Kurde, ein Türke, ein Tschetschene und ein Libanese. „Für mich hört sich das eher an, als seien diese Menschen mit ihrer Gesamtlage unzufrieden und suchten ein Ventil dafür“, sagt Polomka.

Von Jörn Kießler und Isabell Rollenhagen

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