Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Ein Lebenswerk aus Milch
Hannover Aus der Stadt Ein Lebenswerk aus Milch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:12 14.10.2013
Von Bernd Haase
Anke Domaske macht aus Milch Mode - eine innovative Idee aus Hannover. Quelle: Philipp von Ditfurth
Anzeige
Hannover

Da steht sie nun in der zehn Meter hohen Halle mit 3000 Quadratmetern Grundfläche im Gewerbepark in Oberricklingen. Anke Domaske wirkt etwas verloren angesichts der Leere um sie herum. Der Eindruck täuscht. Auf dem Fußboden sind mit weißen Markierungen schon die einzelnen Bereiche für die künftige Produktion festgelegt - das Materiallager, die Fertigungsmaschine oder die Verpackung. Die 30-jährige Hannoveranerin, gebürtig in Sachsen-Anhalt, baut ihre Firma Qmilch auf, die Fasern aus Milch herstellen wird. Eine Frau als Unternehmensgründerin im produzierenden Gewerbe - Domaske ist eine Exotin.

Die 30-jährige Hannoveranerin, gebürtig in Sachsen-Anhalt, baut gerade eine Firma auf, die aus Milch Fasern für die Bekleidungsindustrie herstellt.

Mit dem Gründen ist das in Deutschland so eine Sache. „Wir haben eine geringere Quote als beispielsweise die anglo-amerikanischen Länder“, sagt Christof Starke, Leiter der Gründungswerkstatt bei den Wirtschaftsförderern von Hannoverimpuls. Die Bereitschaft, etwas auf die Beine zu stellen und auch ein entsprechendes Risiko zu gehen, sei dort höher. Qualifizierter Nachwuchs entscheide sich hierzulande im Zweifelsfall eher für ein Angestelltenverhältnis. „In Zeiten, in denen die Wirtschaft brummt, gibt es auch die Nachfrage dafür“, sagt Starke. Gründer im Alter unter 30 Jahren sind die zweitkleinste Gruppe (nach den Über-60-Jährigen). Das produzierende Gewerbe ist in der Gründerszene im Vergleich zu Internet- und Kommunikationstechnik, Kreativwirtschaft oder Dienstleistungen unterrepräsentiert. Aus dem Effeff kann Starke aus jüngerer Zeit keine Frau nennen, die ein Produktionsunternehmen auf die Beine gestellt hat.

Der Impuls

Zum ersten Mal Aufsehen über Insiderkreise hinaus hat Anke Domaske erregt, als sie den mit 20?000 Euro dotierten Gründerpreis beim Wettbewerb StartUp-Impuls gewann. Der von Hannoverimpuls und der Sparkasse organisierte und mit einer Gesamtausschüttung von 80 000 Euro in vier Kategorien ausgestattete Preis ist der höchstdotierte seiner Art in der Region. Bisher wurden rund 700 Unternehmen unterstützt. Zu den Preisträgern gehören auch solche mit ungewöhnlichen Ideen – etwa die teilbare Schraubenmutter Twin-Nut, das Windrad mit dem hölzernen Turm Timbertower oder eben die Faser aus Milch. Derzeit läuft noch bis zum 2. Januar 2014 die Bewerbungsfrist für die elfte Runde. Die Teilnahme ist kostenfrei und branchenunabhängig. Einzige Bedingung ist, dass die Geschäftsidee in der Region Hannover verwirklicht wird. Nähere Informationen stehen unter www.startup-impuls.de im Internet.

Statistisch betrachtet müsste Domaske also etwas anderes machen, als sie jetzt tut. „Ich habe wohl ein Unternehmer-Gen in mir“, sagt sie über sich selbst und erzählt, wie sie als Dreijährige in Eisleben Kirschblüten aus dem Garten der Großeltern an Passanten verkaufte. „Mit den Blüten konnte keiner etwas anfangen, aber die Leute fanden die Idee wohl witzig.“ Nach dem Abitur, mit Note 2,7 nicht gerade ein Überfliegerwerk, ging sie nach Japan und verkaufte in Tokio selbstentworfene T-Shirts. Zurück in Deutschland gründete sie ihr eigenes Modelabel, das noch besteht, aber derzeit hinter dem Aufbau der Fabrik zurückstehen muss.

Domaske studierte Mikrobiologie und Wirtschaftswissenschaften. Für ihre Idee, Fasern aus Milch ohne chemische Zusatzstoffe herzustellen, gewann sie 2011 den Gründerpreis beim StartUp-Impuls-Wettbewerb. Im vergangenen Jahr wollte sie schon mit der Produktion beginnen, aber das verzögerte sich. „Es geht um mein Lebenswerk, ich will keine Fehler machen“, sagt sie.

Derzeit arbeiten zwölf Mitarbeiter bei Qmilch, die Zahl soll sich mit Produktionsaufnahme im kommenden Jahr mehr als verdoppeln. Fünf Millionen Euro hat Qmilch bisher investiert, das Geld kommt von Venture-Kapitalgebern, Banken und stillen Beteiligungen. Domaske hat Mitarbeiter angeworben, Genehmigungen eingeholt, Lieferanten- und Kundenbeziehungen aufgebaut und sich um die Maschinen gekümmert. Derzeit steht eine Versuchsanlage in der Halle. Im November soll sie durch eine größere Labormaschine ersetzt werden, im kommenden April dann durch die endgültige, zehn Meter hohe Fertigungsmaschine.

Der Markt, auf dem sich die Jungunternehmerin tummelt, ist groß. Weltweit herrscht ein Bedarf an 80 Millionen Tonnen Fasern im Jahr. Vorhandene Kapazitäten reichen nicht aus, um ihn zu decken. Die zunächst geplanten 1000 Tonnen jährlich, die Qmilch produzieren will, wirken eher bescheiden. Aber das junge Unternehmen kann eine Nische besetzen. „Die Nachfrage nach natürlichen Produkten, die beispielsweise Allergikern helfen, steigt“, sagt Domaske. 600 Interessenten vornehmlich in Deutschland hat sie bereits auf ihrer Liste stehen. Dazu zählen Bekleidungsfirmen ebenso wie die Hersteller von Bettwaren, Raumausstatter, die Automobilindustrie oder der medizinische Bereich.

Was macht nun das angesprochene Unternehmer-Gen aus? „Motivation, Durchsetzungsvermögen und eine Mischung aus überlegtem Handeln und Bauchgefühl“, zählt Domaske auf. Die Herrschaft über die Zahlen will sie sich auf keinen Fall etwa durch einen Geschäftsführer nehmen lassen. Ihren Führungsstil im jungen Team - das Durchschnittsalter liegt bei 30 Jahren - beschreibt sie als kooperativ: „Ich höre mir möglichst jeden Vorschlag an, werde nicht laut, bin aber bestimmt und bestimmend.“

Fragt man Domaske nach ihrem Privatleben, erhält man eine einfache Antwort: „Ich habe keins. Ich lebe für meine Firma.“ Sie sagt es mit einem fröhlichen Lachen. Sie hat es so gewollt. Auch das dürfte ein wichtiger Bestandteil des Unternehmer-Gens sein.

Von der Kuh in den Kleiderschrank

Wenn Rohmilch sauer wird, bilden sich an der Oberfläche Flocken. Sie enthalten das Protein Kasein – den Stoff, aus dem die Fasern sind. Für die Produktion bei Qmilch werden die Flocken getrocknet und zu Pulver gemahlen. Das Pulver kommt in die Fertigungsstraße und wird dort mit warmem Wasser und natürlichen Zusatzstoffen versetzt. Im weiteren Prozess verwandelt ein Knetwerk im Inneren die Masse in einen Teig, der durch Lochplatten gepresst wird. So entstehen Fasern für die Bekleidungsindustrie. Oder es entsteht ein dickerer Strang, der über die Förderanlage zu einer weiteren Maschine gelangt. Die schneidet das Ganze nach dem Aushärten zu Granulat für die Kunststoffindustrie.

________________________________________

Es begann in der Küche

Für viele Softwarefirmen ist die berühmte Garage im Silicon Valley die sprichwörtliche Keimzelle – bei Qmilch war es die Küche einer Wohngemeinschaft in der hannoverschen Südstadt. „Es hat keiner geglaubt, dass das, was wir uns ausgedacht hatten, auch wirklich geht. Wir waren zu viert und haben ausprobiert“, sagt Anke Domaske. Irgendwann kam der Heureka-Effekt: Sie hatten es gefunden, das Verfahren zur Faserproduktion, nach dem sie suchten. Dass sich aus dem in der Milch enthaltenen Protein Kasein Fasern herstellen lassen, ist schon seit Langem bekannt und erprobt. Die Anwender kamen aber nie ohne chemische Zusatzstoffe wie etwa Formaldehyd aus. Den Frauen in der Südstadt-WG ging es um die Reinheit. Sie suchten nach einer Rezeptur, die ausschließlich aus natürlichen Ingredienzen besteht. „Wir haben uns im Supermarkt eine Herdplatte, einen Mixer, ein großes Einkochthermometer und einen Topf besorgt“, berichtet Domaske. Das ungewöhnliche Kochprogramm führte zum Ziel. Herausgekommen ist ein Material, das sich in etwa wie Seide anfühlt, farb- und formbeständig sowie reißfest ist. Aus den ersten Milchfasern schneiderten sich die jungen Frauen Schlafanzüge. Das Thema scheint zu faszinieren.Nachdem Qmilch den Gründungspreis beim Wettbewerb StartUp-Impuls gewonnen und die HAZ über Kleider aus Milch berichtet hatte, erlebte die kleine Firma ein Medieninteresse, von dem andere nur träumen dürfen. Die großen deutschen Zeitungen und Magazine haben berichtet, aber auch das Time-Magazin und die renommierte Fachzeitschrift Science. Aktuell bastelt das Team von der „Sendung mit der Maus“ an einem Beitrag für das Fernsehen. „Moderator Christoph Biemann hat den Stoff angeknabbert“, sagt Domaske und freut sich. Geschadet hat es ihm nicht, geschmeckt vermutlich auch nicht. „Das ist geschmacklich und auch vom Geruch her neutral“, sagt die Qmilch-Chefin. Theoretisch denkbar sei aber, durch Beimengung von Erdbeersaft oder Schokoladenpulver Kleidung zum Aufessen zu produzieren. Die Diskussion, ob Nahrungsmittel etwa für Industrieproduktion oder Energieerzeugung genutzt werden sollten, kennt Domaske auch. „Wir verwenden ausschließlich Milch, die nicht für den menschlichen Verzehr geeignet ist“, stellt die Unternehmerin klar. Weltweit würden jährlich zwei Millionen Tonnen Milch sauer, die bisher als Endprodukt nicht zu vermarkten waren und weggeworfen wurden. Aktuell würden Mitarbeiter von Qmilch bei Milchbauern vorstellig, um Lieferbeziehungen zu knüpfen. Das Verfahren zur Herstellung der chemiefreien Biofasern, dessen Entwicklung in der Küche in der Südstadt seinen Anfang nahm, hat sich Domaske patentieren lassen. Wo genau die Rezepte lagern, sagt sie nicht. Sie sind schließlich der Schlüssel zum Erfolg.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Aus der Stadt „Hydroflex“-Technologie - Bretter, die die Welt besurfen

Manche Geschichten sind so kurios, dass man sie am besten chronologisch erzählt. Wie zum Beispiel die Geschichte von Sven und Rouven Brauers’ Firma „Bufo-Boards“, die in einem Lindener Hinterhof begann und inzwischen Weltklasse-Surfbretter herstellt – „Bufo Boards“ forscht und produziert mittlerweile in Kalifornien.

Rüdiger Meise 17.10.2013

Im Fall des im Insolvenzverfahren steckenden Internethändlers Netrada versichern Stadt Hannover und Land Niedersachsen zwar weiter Hilfsbereitschaft, wollen sich aber erst äußern, wenn Insolvenzverwalter Rainer Eckert Ergebnisse seiner Bestandsaufnahme vorlegt.

Bernd Haase 17.10.2013
Aus der Stadt Erstsemester an der Leibniz-Uni - Guten Start!

Andrang an der Leibniz-Uni: Rund 4000 Erstsemester sind am Montag in ihr Studium gestartet - das sind zwei Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Uni-Präsident Prof. Erich Barke und Oberbürgermeister Stefan Schostok begrüßten die Neuimmatrikulierten im Lichthof des Welfenschlosses mit buntem Showprogramm.

Juliane Kaune 17.10.2013
Anzeige