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Aus der Stadt Anlieger kämpfen gegen Hochwasserloch an der Ihme
Hannover Aus der Stadt Anlieger kämpfen gegen Hochwasserloch an der Ihme
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20:57 19.04.2010
Von Conrad von Meding
Noch ist es am Ufer der Ihme grün und idyllisch – doch für das Hochwasserschutzprojekt soll der Uferbereich abgegraben werden. Anwohner protestieren dagegen. Quelle: Anika Spuhl

Die Behörden treffen alle Vorbereitungen, um gegenüber dem Ihme-Zentrum das „Calenberger Loch“ zu graben, wie die 2008 gegründete Bürgerinitiative das Hochwasserschutzprojekt tituliert. Bis zu etwa vier Meter tief soll der idyllische Uferbereich südlich der Leinertbrücke an der Spinnereistraße abgesenkt werden. Hunderte Bäume und zahlreiche, teilweise bedrohte Tierarten müssen weichen, mit Millionenaufwand müssen giftige Rückstände eines alten Gaswerks beseitigt werden. Noch bis zum 7. Mai können Bürger die Unterlagen im laufenden Planfeststellungsverfahren einsehen, bis zum 21. Mai Einwände erheben. Doch das ist gar nicht so einfach.

„Vier Stunden habe ich schon im Rathaus über den Unterlagen gebrütet und noch lange nicht alles gelesen“, sagt Cordula Lüdtke-Eichhorn von der „Bürgerinitiative gegen das Calenberger Loch“. Kein Wunder: Besonders bürgerfreundlich gestaltet sich die Einsichtnahme nicht. Drei prall gefüllte Aktenordner beinhalten die Unterlagen zum Hochwasserschutzprojekt. Weder sind die Unterlagen als Datei erhältlich noch ins Internet eingestellt – eine Inaugenscheinnahme am heimischen Computer ist so nicht möglich. Und jede Kopie kostet im Rathaus zehn Cent – in den Copyshops rund um die Uni gibt es diese Dienstleistung deutlich preiswerter.

Die Stadt will als Teil ihres Hochwasserschutzprojekts den sogenannten Flaschenhals am Ihme-Zentrum verbreitern. Derzeit wird die Benno-Ohnesorg-Brücke am Capitol mit Millionenaufwand in zweijähriger Bauzeit erweitert, ab Herbst soll das Flussprofil der Leine so stark erweitert werden, dass im Fall plötzlich anschwellender Fluten das Wasser besser abfließen kann.

Bei den Planungen geht es durchaus nicht immer gerecht zu. Südlich von Hannover sind zahlreiche Flussabschnitte begradigt und mit Deichen versehen, sodass das Wasser sich dort nicht ausweiten kann. Im Bereich Ricklingen werden Deiche aktuell sogar noch erhöht und verlängert, statt möglichen Hochwasserwellen mehr Raum zum Ausbreiten zu geben. „Ausgerechnet bei uns aber, im Stadtbezirk Mitte der dicht besiedeltsten Stadt in Niedersachsen, soll so viel Natur dem Hochwasserschutz geopfert werden“, sagt Lüdtke-Eichhorn.

Besonders hart trifft es sie, dass in Ricklingen und Hemmingen bis vor einigen Jahren noch Baugenehmigungen für zusätzliche Häuser erteilt wurden. „Unser Haus steht hier seit 1835, und wir sollen jetzt einen Wertverlust wegen der Hochwasserschutzmaßnahmen hinnehmen.“

Dass der von etlichen Spaziergängern, Hundefreunden und Radfahrern genutzte, großzügige Uferraum in der Calenberger Neustadt ein Paradies ist, wissen die Anlieger. „Als ich aber die Umweltanalyse des Planfeststellungsverfahrens gelesen habe, ist mir erst klar geworden, dass es eine echte Oase ist“, sagt Lüdtke-Eichhorn. Sechs Fledermausarten sind auf dem Gelände nachgewiesen, davon zwei besonders bedrohte Arten aus der Roten Liste. Mehrere Hundert Bäume werden gefällt, zahlreiche sind bereits markiert. Und wieder werden die Ersatzpflanzungen nur zum Teil an Ort und Stelle vorgenommen. Fast 200 Ersatzbäume sollen weit entfernt angepflanzt werden, am Lindener Berg und im Bereich des Klosters Marienwerder. „Im Gutachten wird deutlich die Bedeutung des Grünstreifens für Hannovers Luftqualität herausgearbeitet“, sagt Lüdtke-Eichhorn: „Über Feinstaub und andere Schadstoffe muss man sich nicht wundern, wenn man so viele Bäume zur Fällung freigibt.“

Besondere Sorgen machen sich die Anlieger um die sogenannten Sicherheitsabgrabungen im Bereich des ehemaligen Gaswerks. „Die Vorgänge am De-Haën-Platz sind nichts gegen das, was hier passiert“, sagt Lüdtke-Eichhorn. Bis in gut sechs Metern Tiefe lagern nahe der Spinnereibrücke unter 11 000 Quadratmetern Grünfläche Teer, Benzole und polyzyklisch aromatisierte Kohlenwasserstoffe. Das hochgiftige Material soll mit Schiffen abtransportiert werden. Schon bei den Probebohrungen aber habe es heftig gestunken, berichten Anwohner. Wegen der hohen Schadstoffkonzentration darf ohnehin erst nach der Sommerhitze ausgebaggert werden, damit sich nicht zu viele giftige Stoffe in der Luft verflüchtigen. Weil das Geld nur für die 7,7 Millionen Euro teure Teilsanierung reicht, bleibt viel Gift im Boden. Mit Dränagen und Pumpen muss das Grundwasser anschließend über Jahre hinweg gereinigt werden – jährlich entstehen hohe Folgekosten im sechsstelligen Bereich.

„Es ist zum Heulen, was hier passiert“, sagt die Sprecherin der Initiative. Anlieger und Nutzer befürchten, dass „ein Ödland“ entstehe. „Wir können uns nicht vorstellen, dass Hochwasserschutz nicht auch anders möglich ist.“

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