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Tribunal für eine Hochschulpräsidentin

Antisemitismusvorwürfe gegen Christiane Dienel Tribunal für eine Hochschulpräsidentin

Im Streit um Antisemitismusvorwürfe gegen die HAWK in Hildesheim verteidigt sich Präsidentin Christiane Dienel - äußerst unglücklich. 

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Antisemitismusvorwürfe-Vorwürfe gegen Christiane Dienel: "Das ist der massivste Vorwurf, den man sich in Deutschland überhaupt einhandeln kann."

Quelle: dpa/M

Hannover. Am Ende einer zunehmend hitzigen Diskussion sind sich Donnerstagabend auf dem Podium fast alle einig: Im Streit um ein inzwischen abgesetztes Seminar der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim, dem die Verbreitung von Antisemitismus vorgeworfen wurde, ist weniger das Seminar sondern die Hochschulpräsidentin zum Problem geworden. Denn Christiane Dienel, die gerade vor kurzem als HAWK-Präsidentin wiedergewählt wurde, will nicht klein beigeben und weist den Vorwurf des Antisemitismus fast trotzig zurück. Sicher, das Seminar habe erhebliche wissenschaftliche Qualitätsmängel gehabt. "Aber den Vorwurf, dass dieses Seminar klar antisemitisch gewesen war, weise ich zurück. Das ist der massivste Vorwurf, den man sich in Deutschland überhaupt einhandeln kann", sagt Dienel - und scheint gar nicht zu merken, dass sie damit selbst ein Klischee bedient, welches Martin Walser einst unter schärfstem Protest als die "Holocaust-Keule" bezeichnete.

Dienel tritt am Donnerstag in der übervoll besetzten Üstra-Remise in Hannover zur Verteidigung der Hildesheimer Hochschule an, die sogar in der israelischen Presse wegen des Seminars als "Hass-Fabrik" tituliert wurde, ein in seiner Pauschalität sicherlich unzutreffender Vorwurf. Aber die Seminarmaterialien, die in dem Hildesheimer Seminar über Jahre verwendet worden sind, sprechen eine andere Sprache. Das machen mehrere Diskutanten auf der hannoverschen Veranstaltung deutlich, zu der unter anderem die Deutsch-israelische Gesellschaft wie die Liberale Jüdische Gemeinde eingeladen haben. Der Rassismusforscher Professor Wolfram Stender zeigt Poster, in denen das Hakenkreuz in den Davidstern übergeht - Material, das er von Hetz- und Propagandaseiten heruntergeladen hat. Solche Gleichsetzungen vorzunehmen, die sich auch in den Seminarmaterialien fänden, habe nichts mehr mit Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit zu tun, auf die sich die Hochschulpräsidentin berufe, sagt der Professor aus Hannover. Dienel entgegnet, bis auf eine falsche Landkarte seien solche Materialien nicht verwendet worden.

Dienel verteidigt sich mit der Wissenschaftsfreiheit. Und sagt, dass der Vorwurf des Antisemitismus noch nicht endgültig geklärt sei. Die bloße Textsammlung sage noch nichts über die Frage aus, ob tatsächlich antisemitisches Gedankengut vertreten worden sei. Das soll erst ein weiteres Gutachten belegen, das das Wissenschaftsministerium in Auftrag gegeben habe. Die Gremien ihrer Hochschule hätten sich mit dem Streitfall befasst und seien zu einem anderen Ergebnis gekommen. Lediglich "Qualitätsmängel" habe das Seminar gehabt, sagt Dienel. Und noch einmal, dass sie den Antisemitismusvorwurf einfach nicht im Raum stehen lassen will. Dabei wird er an diesem Abend und auf diesem Podium von allen erhoben - vom hannoverschen Professor Stender, von Sebastian Winter, der schon in seiner Einführung betont, dass die Reaktion der Hochschule auf die Antisemitismusvorwurfe merkwürdig gewesen sei. "Da wurden die Vorwürfe zum Skandal gemacht und sah sich die Hochschule selbst  als Opfer von Angriffen aus Israel."

Je länger der Abend dauert, und er dauert lange, desto mehr wird er zum Tribunal über eine Präsidentin, die in erster Linie ihren Gremien vertraut, die kein falsches Verhalten sehen wollten. Das sei hier keine öffentliche Hinrichtung, ruft ein Student in den Saal, in dem es äußerst hitzig zugeht.  "Zu Anfang der Diskussion waren wir weiter", bedauert Kay Schweigmann-Greve, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. "Das Seminar selbst war problematisch, aber das Problem bewegt sich jetzt vom Seminar auf die Leiterin der Hochschule zu", sagt Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Der Zentralrat hatte sich früh mit einer besorgten Nachfrage über das Seminar an Stephan Weil, den Ministerpräsidenten Niedersachsens gewandt. Doch gerade darin sah Präsidentin Dienel, das macht sie klar, bereits "einen hohen Eskalationsgrad" in einem Konflikt, in dem sich die Schule nichts von draußen reinreden lassen wollte. Sie müsse sich vor ihre Hochschule stellen, sagt Dienel. Das sei ihre Aufgabe als Präsidentin.

In die Diskussion mischt sich auch der mit einem Kamerateam angereiste Publizist Henrik M. Broder ein. "Es gibt im Antisemitismus keine Vielfalt der Sichtweisen", sagt Broder als Antwort auf Dienel, die von "Grautönen" sprach. Broder zitiert als Beleg einen jüdischen Witz. "Das ist so, wenn Sie auf die Frage, 'wie ist Ihre Frau im Bett?' antworten, 'die einen sagen so, die anderen so'." Da lacht das Publikum. Noch. Als Broder der Hochschulpräsidentin vorwirft, sie sei selbst "verseucht" vom Antisemitismus lacht keiner mehr.

Dienel hofft  jetzt auf Klärung an durch ein Gutachten, das noch einmal die Qualitäten des Seminars beurteilen soll, ein erstes Gutachten der Amadeu-Antonio-Stiftung beurteilte die Texte bereits als klar antisemitisch. "Die Präsidentin hat ihr Schicksal an dieses Gutachten geknüpft", sagt Jörg Hillmer, Wissenschaftssprecher der CDU-Landtagsfraktion. ,,Wenn es zu dem Schluss kommt, die Veranstaltung war antisemitisch, muss die Präsidentin gehen.’’ Hillmer ist wie andere Landtagskollegen, die im Saal sitzen, verwundert über die Verteidigungsstrategie der Präsidentin. "Mir fehlt hier ganz einfach die Empathie", sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Michael Hans Höntsch, der sich eigentlich überhaupt nicht in die Debatte einmischen wollte, weil er in diesem Fall familiär befangen ist. Die Mutter seiner Enkel, wie er sagt, hat die Debatte ausgelöst.

Chronik der Affäre

Im Jahr 2000 entwickelt die HAWK ein Seminar, um Studenten für ein Auslandspraktikum kontroverse Standpunkte zur Lage in Israel und Palästina zu vermitteln. Eine christliche Palästinenserin, die als Gymnasiallehrerin ausgebildet ist, übernimmt das Seminar.
Mitte 2015 wird die Hannoveranerin Rebecca Seidler gebeten, als Dozentin im Seminar zu wirken. Sie soll die jüdische Sichtweise vertreten und kritisiert den palästinensischen Teil. Ihre Kritik wird hochschulintern abgebügelt. Sie schaltet den Zentralrat der Juden ein. Der fordert ein Gutachten und beschwert sich beim Ministerpräsidenten.
Ende Juli 2016 : Die „Jerusalem Post“ und andere greifen den Konflikt auf. Von „Hassfabrik“ ist die Rede.
August 2016 : Das Seminar wird abgesetzt.

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