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Anwalt kämpft für verurteilten Ex-Piloten in Hannover

Drogenkurier oder Justizopfer? Anwalt kämpft für verurteilten Ex-Piloten in Hannover

Ein Hagenburger Anwalt versucht seit Jahren, die Unschuld eines Charterpiloten zu beweisen, der 2008 in Spanien wegen Drogenhandels zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, der sich aber derzeit in Hannover aufhält. Seit 2011 wird er mit internationalem Haftbefehl gesucht.

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Auf dem Flug von Conakry ins spanische Fuentemilanos war Karsten M. mit dem sehr nobel eingerichteten Cessna Citation Jet unterwegs.

Quelle: Archiv

Hannover. Dezember 2005. Der Charterpilot Karsten M.* wird in Spanien verhaftet. Im Juli 2008 verurteilt ihn ein Gericht in Madrid wegen Drogenhandels zu zehn Jahren Haft, gut ein Jahr später wird das Urteil in zweiter Instanz bestätigt. Doch M. hält sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Spanien auf, sondern in Hannover. Seit 2011 wird er mit internationalem Haftbefehl gesucht. Der Hagenburger Anwalt Oliver Laxner beschwört, sein Mandant sei ein Justizopfer, spricht von Verstrickungen des Bundesnachrichtendienstes (BND) in den Fall. Seit Jahren versucht er, die Unschuld von M. zu beweisen. Doch eine Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde vor wenigen Wochen abgewiesen. Ein Haftaufschub von vier Monaten, den die Staatsanwaltschaft Hildesheim Karsten M. gewährte, läuft am 28. April aus.

Die Geschichte, die M. und sein Anwalt erzählen, klingt abenteuerlich. Am 1. Dezember 2005 hebt die Cessna Citation Jet des seit 13 Jahren als Pilot tätigen Mannes in Fuentemilanos ab, 80 Kilometer nördlich von Madrid. Sein Auftrag, den ihm ein flüchtiger Bekannter aus Deutschland - möglicherweise ein BND-Mitarbeiter - vermittelt hat: Er soll nach Conakry fliegen, Hauptstadt des westafrikanischen Staates Guinea. Dort werde ihm eine sogenannte Handlingfirma ein Frachtpaket übergeben, das er nach Spanien befördern solle. An Bord sind außer M. noch ein Bekannter und sein griechischer Ko-Pilot; diese beiden werden in einem späteren Prozess freigesprochen. Auftraggeber des Transports sind vorgeblich Geschäftsleute aus Spanien.

In Conakry wartet M., so seine Darstellung, stundenlang auf die Mitarbeiter der Handlingfirma. Dann sagt er dem Flughafenpersonal Bescheid, dass er ein Gepäckfach am Flugzeug - separat von außen zu erreichen - über Nacht offen lasse, dort solle die Fracht nach ihrem Eintreffen verstaut werden. Am nächsten Morgen, nach flüchtiger Kontrolle des nunmehr vollen Fachs, fliegt der Pilot retour. Doch am 3. Dezember, wenige Stunden, nachdem die zweistrahlige Maschine wieder in Fuentemilanos gelandet ist, wird die Cessna durchsucht. Die Polizei findet drei Pakete mit Rot-Kreuz-Verpackung. Der Inhalt: 106 Kilogramm Kokain.

Karsten M., so seine Darstellung, fällt aus allen Wolken. Er wird in das Madrider Gefängnis Soto del Real überführt, kann erst Tage später einen Anwalt sprechen. Später erfährt er, dass seine Auftraggeber keine Spanier, sondern Kolumbianer sind. Sieben an der Zahl, eine Bande südamerikanischer Drogenhändler, die schon länger von der Polizei beobachtet wird. Mehr als eineinhalb Jahre verbringt der knapp zwei Meter große M. in Untersuchungshaft. Dort erlernt er die spanische Sprache, macht sich in Küche und Bibliothek nützlich. Im Juni 2007 darf er das Gefängnis gegen Zahlung einer Kaution von 30.000 Euro verlassen und sogar nach Deutschland ausreisen. Mehr als ein Jahr lang, berichtet er, habe er sich alle zwei Wochen beim spanischen Konsulat in Hamburg gemeldet.

Als sein Prozess im Sommer 2008 beginnt, fährt M. wieder nach Madrid. „Ich war mir sicher, dass ich freigesprochen werde“, sagt er. Doch weil er der Verantwortliche für den Afrika-Flug war, als Einziger einen Schlüssel zu der Cessna hatte und es eine Ungereimtheit im Flugplan gibt, glauben ihm die Richter nicht. Sie meinen, er habe den Inhalt der Pakete sehr wohl gekannt. Das Urteil: zehn Jahre Haft und ein Strafgeld in Höhe von 25,5 Millionen Euro. Die sieben Kolumbianer legen Geständnisse ab, werden ebenfalls zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Doch den Piloten belasten sie laut Rechtsanwalt Laxner nicht. Drei aus der Bande geben später in eidesstattlichen Erklärungen zu Protokoll, dass Karsten M. niemals an dem Kokain-Transfer beteiligt gewesen sei.

Bis zum Revisionsverfahren in Madrid darf der Charterpilot wieder nach Deutschland ausreisen, wieder bekommt er Meldeauflagen. Doch als das erstinstanzliche Urteil im November 2009 in einem zweiten Prozess - abgewickelt nach Aktenlage - bestätigt wird, bleibt M. in Niedersachsen. Wechselweise wohnt er in Hannover und in Hildesheim, lässt die Kaution sausen. Die Fluglizenz wird dem gebürtigen Schleswig-Holsteiner entzogen, er verlegt sich auf die Gestaltung von Werbematerial für die Flugzeugbranche. Früher hat M. hochkarätige Manager durch die Lüfte befördert - jetzt ist er am Boden.

Im September 2010 legen Rechtsanwalt Laxner und seine hannoversche Kollegin Janine Daniela Wagner Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ein. Sie ziehen die Rechtmäßigkeit der spanischen Verfahren in Zweifel. Doch der Antrag wird laut Laxner für unzulässig erklärt, weil sich eine letzte spanische Instanz - das Verfassungsgericht - nicht mit dem Drogentransport aus Guinea befasst hatte.

Eine äußerst dubiose Rolle spielt in den Augen des Strafverteidigers der Deutsche, der M. den Transportflug nach Conakry andiente. Recherchen hätten ergeben, dass dieser Mann mindestens zweimal zuvor wegen Drogendelikten verurteilt worden sei - und dabei mit dem BND kooperiert habe. Laxner liegt ein Dokument vor, in dem der Auslands-Nachrichtendienst dem Mann ein Honorar von 50000 Euro zuspricht - doch wofür? „Ein BND-Mitarbeiter sagte mir am Telefon, dass dies eine Entschädigungszahlung für eine übermäßig lange Haftzeit sei, die im Zuge eines anderen Auftrags aufgelaufen sei“, erinnert sich Laxner. Er persönlich vermute allerdings, dass dies die Entlohnung für den „agent provocateur“ sei, der den Afrika-Deal eingefädelt und dabei auch den deutschen Piloten ans Messer geliefert habe.

Bemerkenswert sei jedenfalls, dass die Kolumbianer noch allesamt im Gefängnis säßen, während sich der Landsmann von M. schon 2007 wieder an Gesprächen in sozialen Netzwerken beteiligt habe - in Südamerika. Doch warum hat sich der BND-Mann nicht für den Piloten verwendet, wenn dieser keine Ahnung von der Drogenfracht hatte? Eine eindeutige Antwort vermögen M. und sein Anwalt nicht zu geben.

2011 beantragt Spanien die Auslieferung von Karsten M., per internationalem Haftbefehl wird nach ihm gefahndet. Im Zuge eines Strafvollstreckungsverfahrens erwirken die spanischen Behörden, dass ab 2012 die deutsche Justiz zuständig ist. Gut acht Jahre sind es, die M. nach Abzug der U-Haft noch absitzen soll. Um das Eintreiben der millionenschweren Geldstrafe brauchen sich die hiesigen Behörden aber nicht zu kümmern.

Eigentlich hätte M. schon im Januar 2013 an das Tor der Justizvollzugsanstalt in Sehnde klopfen müssen, doch sein Anwalt erwirkte bei der Staatsanwaltschaft Hildesheim einen dreimonatigen Haftaufschub. Der 44-Jährige hat zwei Kinder - einen 19-jährigen und einen vierjährigen Sohn - sowie eine Mutter, um die er sich noch so lang wie möglich kümmern möchte; außerdem will er ein paar geschäftliche Transaktionen zu Ende bringen.

Derzeit prüft Laxner die Erfolgsaussichten eines Gnadengesuchs. Doch diese, daran lässt Bernd Seemann von der Staatsanwaltschaft Hildesheim keinen Zweifel, seien - generell - verschwindend gering. Auch kenne die Behörde im Fall M. keine neuen, entlastenden Tatsachen, die ein Wiederaufnahmeverfahren rechtfertigen könnten. Und noch etwas sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft unmissverständlich: „Wir haben keine Zweifel, dass die Urteile in Spanien rechtmäßig zustande gekommen sind.“

Doch Karsten M. will auf keinen Fall wieder ins Gefängnis. Er hofft auf einen weiteren Haftaufschub, erwägt das Einbringen einer Petition, baut auf eine zweite Chance beim Europäischen Gerichtshof. „Der Albtraum dauert jetzt schon mehr als sieben Jahre, ich kann nicht mehr“, sagt der Ex-Pilot. Er träumt ihn immer noch, den Traum vom Fliegen und von der Rückkehr in eine gutbürgerliche Existenz. Doch zwei spanische Urteile stehen dem entgegen - und auch die deutsche Justiz hat mit Träumereien wenig im Sinn.

* Name von der Redaktion geändert

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