Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Anwohner kritisieren Flüchtlingsheime
Hannover Aus der Stadt Anwohner kritisieren Flüchtlingsheime
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 21.12.2016
Von Gunnar Menkens
Warum dieser Parkplatz und kein anderer? Die Anwohner des Kneippwegs in Ricklingen wollen zur Not gegen das Flüchtlingsheim klagen. Quelle: Schaarschmidt
Hannover

Die Straße Am Bahndamm heißt deshalb so, weil auf dem Bahndamm regelmäßig Güterzüge vorbei rattern. Keine hundert Meter entfernt betreibt die Stadt ein nagelneues Flüchtlingsheim. Drinnen sind noch Tische und Stühle gestapelt, Umzugskartons stehen offen, Waschkörbe sind gefüllt mit Waren. Die ersten Flüchtlinge sind eingezogen, und wenn der Schlichtbau in Ahlem gefüllt ist, werden rund 60 Menschen in einer Umgebung zwischen Wohnhäusern und Gewerbebetrieben leben.

Nichts Besonderes also, wären nicht am Tag der offenen Tür ungewohnt aggressive Töne zu hören gewesen. Stimmen voller Ressentiments gegen Flüchtlinge, wie sie so unverhohlen selten zu hören sind. „Die bekommen alles“, beklagte etwa eine junge Frau und meinte das nicht freundlich. Ein Mann spekulierte, wie lange wohl die neuen Gardinen halten, „bei diesen Leuten“. Ein Dritter beklagte, dass Flüchtlingen geholfen werde, obwohl es immer mehr Obdachlose gebe. Viele Ahlemer boten allerdings auch Hilfe an.

Fremdenfeindliche Töne

Hannover hat in den vergangenen zwei Jahren Tausende Flüchtlinge aufgenommen. Stadt und Bewohner haben diese Aufgabe mit Anstand bewältigt. Weil in nächster Zeit weniger Asylsuchende erwartet werden, geben die Planer im Rathaus etliche Standorte sogar auf. Doch jetzt, praktisch auf den letzten Metern der Unterbringung, dringen in Ahlem fremdenfeindliche Ressentiments nach außen.

Im Aufenthaltsraum der Unterkunft nahe des Bahndamms sitzt Bezirksbürgermeister Rainer Göbel. Der Sozialdemokrat hat am Besuchstag nicht alle Vorbehalte mitbekommen, aber was er sagt bei schnell serviertem Kaffee und Keksen, beschreibt die Lage ohne Umschweife. „Wir haben mit Sicherheit Leute, die mit dem Heim nicht einverstanden sind. Und es gibt eine schweigende Mehrheit, die das bei der Wahl gezeigt hat.“

Göbel meint die Kommunalwahl vom September. Die AfD holte in Ahlem 12,5 Prozent, deutlich mehr als im hannoverschen Durchschnitt, die SPD verlor mehr als neun Prozentpunkte. Im Stadtteil gibt es nicht allein die Unterkunft am Bahndamm, keinen Kilometer entfernt leben weitere Flüchtlinge. Auch diese Häufung begründet für Göbel solch ein Ergebnis der Rechten. Dann wären Anwohner, die den Mund aufmachen, nur die Eisbergspitze.

Wer Hilfe braucht, bekommt sie

Die Frage ist, was daraus folgt für Politiker wie Göbel, die entscheiden müssen, was gut ist für ihren Stadtbezirk. Geben sie einer vermuteten Stimmung nach, oder halten sie an dem fest, was sie für richtig halten? Der Bezirksbürgermeister erklärt es so: „Ich kann die Ängste der Menschen verstehen. Sie sind aber kein Grund zu sagen, wir setzen Flüchtlinge auf die Straße.“ Wer Hilfe brauche, bekomme sie, und jetzt müsse es weitergehen, mit Förderung in Schulen und Integration am Arbeitsmarkt. Das ist die Haltung von Rainer Göbel.

Von Ahlem quer durch die Stadt führt der Weg nach Ricklingen in den Kneippweg. Direkt vor einem neunstöckigen Wohnkomplex aus den 1970er-Jahren gelegen, erschließt er auf 200 Meter Länge nichts als einen Parkplatz. Verwirklicht die Stadt ihren Plan, und danach sieht es sehr aus, dann steht hier in ein paar Monaten ein Containerdorf für rund 100 Flüchtlinge. Gestapelte Rechtecke, sieben Meter fünfzig hoch.

Von Anfang an gab es Widerstand im bürgerlichen Viertel. Politiklehrer Hans-Joachim Plenge ist einer von denen, die ihn regelmäßig vorbringen. Er betrachtet den Fall Kneippweg als exemplarische Geschichte. Plenge, und mit ihm Hunderte Nachbarn, sehen eine arrogante Obrigkeit ihr Werk verrichten, die gegen Bürger einen Standort für ein Flüchtlingsheim beschließt. „Uns war überhaupt nichts bekannt, wir sind nicht ernst genommen worden. Es gab nie eine Begründung, warum es dieser Parkplatz und kein anderer Standort sein muss“, sagt, ja, schimpft Anlieger Plenge.

Im Kern stört die Anwohner, dass mit den Modulbauten knapp die Hälfte der rund 290 Parkplätze vernichtet würden und Container zu nah vor ihren Wohnungen stünden. Den Parkplatz nutzen bisher Bewohner, Friedhofsbesucher und Gäste des nahe gelegenen Ricklinger Bades. Ist es dort gequetscht voll, zählt der betreibende Schwimmverein Aegir 3000 und mehr Besucher. Die Sorge ist, dass etliche wegbleiben, denn die nähere Umgebung bietet kaum Parkraum. Auch ein Restaurant sorgt sich ums Geschäft. 300 Anwohner unterschrieben eine Petition gegen die Unterkunft, doch ohne Erfolg. Ratspolitiker wiesen sie zurück. Begründung: Der Parkplatz gehöre der Stadt, sei kurzfristig verfügbar, habe eine Anbindung an Nahverkehr und Versorger wie kein zweiter im Stadtteil. Grenzabstände zu Wohnungen würden eingehalten.

Geht es um den Parkplatz ...

Plenges Vorwürfe: Erst durch eine Zeitungsnotiz habe man von den Plänen erfahren, auf folgende Briefe an Rathaus und Bezirksratspolitiker hätten Bewohner keine Antwort erhalten. Als doch eine Reaktion aus der Bauverwaltung kam, habe sie nur Allgemeinplätze enthalten. Andere geeignete Standorte seien „mit bescheuerten Argumenten“ wegdiskutiert worden. Auf einer Veranstaltung habe man sich von Bezirksbürgermeister Andreas Markurth (SPD) in die rechte Ecke gestellt gefühlt. Markurth verteilte drei Tage vor der Kommunalwahl im September ein Info-Blatt, in dem er um Verständnis für die Unterkunft bat und mitteilte, dass eine Veranstaltung zum Flüchtlingsheim im August aus organisatorischen Gründen gescheitert sei. Jetzt hat die Stadt auch noch etliche Standorte von ihrer Liste gestrichen, nicht aber den Kneippweg. In Ricklingen ist über ein Jahr ein kaum noch zu entwirrendes Geflecht von Aussagen, Unterlassungen, Beschuldigungen und Gerüchten entstanden.

... oder um andere Sorgen?

Diese Kritik aus dem Viertel zielt in vielem auf Andreas Markurth, praktisch als Symbol für entrückte Volksvertreter. Der Bezirksbürgermeister weist die Angriffe zurück, jedenfalls für seinen Teil. Die erste Informationsveranstaltung zum Standort habe es im November 2015 gegeben, er sei immer Thema im Bezirksrat gewesen. „Aber es stimmt, dass es nicht üblich ist, Bürger zu fragen, ehe man einen Standort festlegt“, sagt Markurth. Er zweifelt auch daran, dass es Anwohnern nur um verlorenen Parkraum geht. In Briefen älterer Anlieger sei die Rede von Ängsten vor steigender Kriminalität, andere sorgten sich um „junge Mädchen“, wenn erst Flüchtlinge dort lebten.

Markurth verteidigt den Kneippweg als gute Lösung. Er versteht, dass die Stadt nicht 300 000 Euro umsonst ausgegeben haben will für die Planung. Der Parkplatz? „Nur ein paar Tage voll besetzt, aber das war es auch schon.“ Im Grundsatz, sagt der Sozialdemokrat, sei es so: „Das eine ist die Bürgerbeteiligung, das andere ist die Entscheidung der Politik.“

Die Bürger sagen wohl demnächst: Klage. Das Vorhaben sei mit dem Baurecht unvereinbar, die Parkraumsituation verschärfe sich unzumutbar. Alles ist vorbereitet für einen langen Streit.

Im kommenden Jahr will die ehemalige FDP-Stadtchefin Claudia Winterstein für den Bundestag kandidieren. Am Wochenende hat sie Konkurrenz bekommen: Auch ihr Parteikollege Steffen Dähne will die Kandidatur.

Felix Harbart 21.12.2016
Aus der Stadt Täter misshandelt seine Freundin schwer - Gewalttäter muss für über fünf Jahre in Haft

Tarkan B. soll seine Freundin über einen langen Zeitraum schwer misshandelt haben. Unter anderem schlug der 44-Jährige sie mit einer Holzlatte und fügte ihr schwere Verletzungen zu. Jetzt wurde B. zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.

Michael Zgoll 18.12.2016

Unmittelbar nach seiner Gründung ist der Gemeindeverband Wedemark der AfD in Erklärungsnot geraten. Grund dafür sind die Aktivitäten des Schriftführers der Organisation, Hartwin Diesing. Er hat in der Vergangenheit regelmäßig an Veranstaltungen der islamfeindlichen Organisation Pegida Hannover teilgenommen.

Tobias Morchner 18.12.2016