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Aus der Stadt Anwohner sorgen sich um Altlasten von de Haën
Hannover Aus der Stadt Anwohner sorgen sich um Altlasten von de Haën
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00:18 20.10.2017
Kleingärtner Jan Wöbking befürchtet, dass die Parzellen nach den Untersuchungen zu Bauland werden könnten. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Die Nachricht hat sich am Mittwoch wie ein Lauffeuer verbreitet. „Die Pächter sind in heller Aufruhr“, sagt Katrin Page, Leiterin der Kleingartenkolonie Sperlingslust am Listholze. Am Abend zuvor hatten die Umweltbehörden von Region und Stadt mitgeteilt, dass weitere ehemalige Flächen der ehemaligen Chemiefirma de Haën ab Anfang nächsten Jahres auf radioaktive Rückstände untersucht werden sollen. Insgesamt geht es um etwa 200 Grundstücke mit Wohnhäusern und Gewerbebetrieben sowie etwa 450 Kleingärten und Sportanlagen. Dass die Flächen strahlen, gilt als eher unwahrscheinlich - doch jetzt will man Sicherheit.

Einer, der sich nun Sorgen sowohl um seine Gesundheit als auch um seine Parzelle macht, ist Marek Slonina. Seine Eltern hatten sich den Kleingarten hinter dem Autohaus Ahrens vor mehr als 30 Jahren zugelegt. Inzwischen bewirtschaftet der 63-Jährige gemeinsam mit seiner Schwester das Kleinod. „Wenn man das alles so hört, ist das nicht gut“, sagt Slonina. Seit langen Zeiten baut die Familie unter anderem Bohnen und Gurken an, zuletzt kamen noch Kürbisse dazu. Sollte der Boden vergiftet sein, überlegt Slonina, die Parzelle abzugeben.

„Erde hat sich vielleicht erholt“

Ihm fällt ein, dass auf dem Areal seines Kleingartens früher ein Ziegelhäuschen gestanden habe. Das Fundament hatten seine Eltern freigelegt, als sie das aktuelle Gartenhaus errichtet hatten. „Damals haben sie das natürlich nicht so wahrgenommen“, sagt der 63-Jährige. Er fragt sich nun, ob die Laube womöglich Hinterlassenschaften von de Haën gewesen sein könnte - und damit eventuell auch Giftstoffe im Boden stecken. „Aber die Erde hat sich über die Jahrzehnte vielleicht wieder erholt“, hofft der Kleingärtner.

Nach Auskunft der Region Hannover sind außer Sperlingslust unter anderem die Kleingärten Gut Grün, Fortuna und Neue Hoffnung betroffen, dazu der TSV Schwarz-Weiß Hannover, der nördliche Geländestreifen des TSC Fortuna/Sachsenross und ein Regenrückhaltebecken. „Es ist toll, dass man davon aus der Presse erfährt“, kommentiert Kolonieleiterin Page die Informationspolitik der Region.Die Untersuchungen sind in drei Abschnitte unterteilt und starten Anfang 2018. Ein Jahr später sollen sie abgeschlossen sein. Da es sich um Flächen im Eigentum der Stadt handelt, werden die Untersuchungen definitiv stattfinden.

Doch es sind nicht nur städtische Flächen betroffen. Zahlreiche Wohngrundstücke entlang der Constantinstraße könnten ebenfalls kontaminiert sein. „Uns war bewusst, dass unser Haus auf Trümmern steht“, sagt Heidemarie Fischer, „aber so etwas hätte ich nicht gedacht.“ Sie wohnt seit ihrem 14. Lebensjahr an der Constantinstraße. Fischer glaubt aber nicht an eine allzu dramatische Belastung. „Wir strahlen noch nicht“, sagt die 74-Jährige augenzwinkernd. Und ihre Eltern seien fast 100 Jahre alt geworden. Ihr Nachbar Henning Müller stellt sich bereits die Frage, was bei einem Fund geschehen soll. „Soll dann ein gesamtes Haus angehoben werden, um die Erde zu reinigen?“

Er kann nicht nachvollziehen, wieso erst jetzt von radioaktiven Altlasten ausgegangen wird - immerhin liege die Untersuchung der belasteten Grundstücke am De-Haën-Platz fast zehn Jahre zurück. Auf den Privatflächen zahlt die Region die Untersuchungen, die Teilnahme ist freiwillig. Ein echtes Dilemma: Lässt man die Strahlung nicht prüfen, dann wird man sein Haus kaum je vernünftig verkaufen können. Lässt man prüfen und es wird etwas gefunden, besteht wie am De-Häen-Platz Pflicht zur Sanierung - auf eigene Kosten.

Kleingärten zu Bauland?

Jan Wöbking besaß damals eine Vier-Zimmer-Wohnung am De-Haën-Platz und engagierte sich in der Bürgerinitiative „Gegen Altlasten in der List“. Jetzt ist der 45-Jährige erneut Betroffener - als Mitglied der Kleingartenkolonie Sperlingslust. „Wie kann es sein, dass es neue Untersuchungen gibt, obwohl doch alles abgeschlossen war?“, fragt er. Wöbking sorgt sich, dass die Kleingärten bei möglichen Funden einfach einkassiert werden. Auch Ingrid Gieseler befürchtet, „dass die Kolonien zu Baugebiet werden“. Sie ist Vorsitzende des Kleingartenvereins Spannhagen, zu dem auch die Kolonie Fortuna gehört. „Es sind begehrte Flächen“, sagt sie.

Seit 2008 hat Gieseler den Streit um den De-Haën-Platz aufmerksam verfolgt. Generell sei es jedoch ehrenwert, dass die Stadt nach Altlasten suche. „Auch wenn es mich schon verwundert, dass es erst zehn Jahre später geschieht“, sagt Gieseler. Schon damals hätte man schauen können, welche Areale noch in Betracht kämen. „Wir werden die Suche genau im Auge behalten“, sagt sie.

Seit 2008 ist die Belastung bekannt

Im Juli 2008 gingen Männer in Strahlenschutzanzügen über den Lister De-Haën-Platz. Das ist, wenn sich ein solcher Anblick nicht gerade auf dem Mond bietet, kein gutes Zeichen. Die Befürchtungen wurden wahr: Auf dem Platz, auf dem vor ihrem Umzug nach Seelze im Jahr 1902 die Chemiefabrik von Eugen De Haën stand, und in seinem Umfeld wurden Schwermetalle gefunden. Dazu kam eine Belastung durch radioaktive Stoffe wie Uran, Thorium und Radium.

De Haëns Erben hatten das Firmengelände zwar abtragen lassen, aber eben nur nach den damaligen Möglichkeiten. Die Hinterlassenschaften des Unternehmens schlummerten so mehr als ein Jahrhundert lang unentdeckt im Boden, bis die zuständige Region Verdachtsmessungen durchführen ließ.

Zunächst schätzte sie: „In den Wohnungen kann keine Strahlung sein.“ Das war eine Fehlannahme. Bald standen nicht nur auf dem eigentlichen Platz, sondern auch in Häusern in der Fraunhoferstraße und dem Wittekamp Strahlenmessgeräte und schlugen aus. Klar war: Der Dreck muss weg, und das würde ziemlich viel Geld kosten. Für immerhin 45 Grundstücke wurde Sanierungsbedarf ermittelt; die Kosten beliefen sich auf 2,4 Millionen Euro.

Die Region hatte zunächst vor, den US-Konzern Honeywell als Rechtsnachfolger von Eugen de Haëns Unternehmen zur Kasse zu bitten. Das klappte nicht. Nach längerem Hin und Her beschlossen Stadt und Region, die Arbeiten zu bezuschussen, und schlossen schließlich mit den meisten Eigentümern eine Sanierungsvereinbarung. Im Juli 2012 begannen dann die Arbeiten am De-Haën-Platz.

An die Innenhöfe der Häuser gelangte man nur mit einem Kran, der den abgetragenen Boden über die Hausdächer zog. Ein gutes Jahr später war der Platz wieder frei. Dass die ganze Angelegenheit noch immer nicht den Stempel „erledigt“ trägt, liegt an zwei Umständen. Zum einen haben drei Grundstückseigentümer durch die Instanzen gegen die Sanierungsanordnung geklagt und erst in diesem Frühjahr endgültig verloren.

Zum anderen hat Eugen de Haën in der List und angrenzenden Stadtteilen nicht nur hochreine Salze und Oxide produzieren lassen, sondern auch reichlich Grundstücke gekauft. Was er dort getrieben haben könnte, ließen Stadt und Region durch Historiker untersuchen. Aus den Recherchen ergibt sich nun der erneute Untersuchungsbedarf.

Von Peer Hellerling

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