Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Arbeiten fürs Schlossmuseum laufen auf Hochtouren
Hannover Aus der Stadt Arbeiten fürs Schlossmuseum laufen auf Hochtouren
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 11.01.2013
Von Simon Benne
„Hier sind wir im Museum“: Die Historiker Julian Strauß und Annika Wellmann-Stühring im Ostflügel des Schlosses. Quelle: Herzog
Hannover

Kabelgewirr hängt von der Decke. Bauarbeiter stehen auf hohen Gerüsten, das Rattern einer Bohrmaschine hallt durch den Raum. „Jetzt sind wir im Museum“, sagt Julian Strauß. „Dort drüben hängt ein Porträt von Herzog Johann Friedrich, der den Großen Garten begründete, und der lange Gang läuft auf eine gewaltige Leibniz-Büste zu.“ Dabei deutet der junge Historiker auf einen Stapel Rigipsplatten, der vor einer kahlen Wand liegt. Draußen, hinter den Fenstern, erhebt sich die wohl jüngste original klassizistische Fassade Deutschlands, entworfen von Laves vor fast 200 Jahren, fertiggestellt im Jahr 2012. Hier drinnen, im Ostflügel, ist das neue Herrenhäuser Schloss noch ganz Baustelle. Doch vor Strauß’ innerem Auge ist es zugleich schon ganz das Schlossmuseum, das er hier in den kommenden Monaten einrichten wird.

Unter der Regie von Kurator Andreas Urban hat Strauß mit seiner Kollegin Annika Wellmann-Stühring das Konzept für das Museum erarbeitet. Die beiden jungen Wissenschaftler wurden eigens für das Schlossprojekt auf zwei Jahre am Historischen Museum eingestellt – und ihre Aufgabe ist ein Job, den wohl auch manch altgedienter Museumsmacher als den Höhepunkt seiner Laufbahn ansehen würde. Auf 900 Quadratmetern sollen die  Historiker mit mehr als 500 Exponaten die 300-jährige Geschichte der Schloss- und Gartenwelt in Herrenhausen lebendig machen. Am Montag hat die Stadt als Mieterin die künftigen Museumsräume vom Bauherrn des Schlosses, der Volkswagen Stiftung, übernommen.

„Jetzt können wir uns an die Einrichtung machen“, sagt Thomas Schwark, Direktor des Historischen Museums, das hier eine Dependance bekommt. „In den kommenden Wochen werden maßgeschneiderte Vitrinenlandschaften entstehen, Stoffbespannungen angebracht und Fußböden verlegt.“ Im Frühjahr soll die Ausstellung „Schlösser und Gärten in Herrenhausen – Vom Barock zur Moderne“ eröffnen. Auf einen genauen Termin will Schwark sich lieber nicht festlegen. Vom Berliner Flughafen lernen, heißt siegen lernen.

„Museumsbesucher kommen im Ostflügel hier herein“, sagt Historiker Strauß. Wo jetzt noch Bauarbeiter Kabel verlegen und Zwischendecken einziehen, wird dann, dekoriert in kräftigen Farben der Barockzeit, die Entstehung des Großen Gartens im Mittelpunkt stehen: „Mit diesem wurde damals knallhart Politik gemacht“, sagt Strauß. Die Welfenfürsten nutzten die Prachtanlage zur Repräsentation und als Festraum für ihre Hofkultur. Passend dazu sollen im Ostflügel Vitrinen wie eine barocke Tafel angeordnet sein. In ihnen erinnern Exponate wie eine historische Armeetrommel oder eine Geldkiste daran, dass Macht und Finanzkraft nötig waren, um Herrenhausen zu erschaffen. Eine Porträtgalerie stellt Fürsten und berühmte Besucher der Gärten vor.

„Ein Teil unserer Exponate wird dauerhaft nach Herrenhausen verlagert“, sagt Kurator Andreas Urban vom Historischen Museum. Dessen Dauerausstellung wird allerdings bis zum 50-jährigen Museumsjubiläum am 21. Oktober 2016 ohnehin von Grund auf umgestaltet; sie soll künftig nicht mehr chronologisch, sondern nach Themen gegliedert sein. Im Zuge der großen Umgestaltung des Hauses am Hohen Ufer sollen dann unter anderem Herrscherporträts von Kurfürstin Sophie oder Georg II. nach Herrenhausen kommen, ebenso wie die Sänfte jener berühmten Gräfin Yarmouth, von der Georg II. (1683–1760) einst als „das wunderbarste Geschöpf der Welt“ schwärmte. Auch das imposante Modell der barocken Clemenskirche soll hier sein neues Domizil finden – im unterirdischen Verbindungsgang zwischen den Schlossflügeln.

„Auf der Treppe wird Barockmusik erklingen“, sagt Historikerin Wellmann-Stühring in den Baumaschinenlärm hinein. Dann klettert sie über ein Gerüst und steigt die 32 Stufen zum Gang hinab. Nur wenig Tageslicht fällt von oben durch die Fenster herein. Doch die Finsternis im Gang nutzen die Museumsmacher als Teil der Inszenierung: „Das Dunkel gibt dem Raum eine mystische Anmutung – die erhellten Objekte sollen gewissermaßen aus der Dunkelheit auftauchen“, sagt Wellmann-Stühring. Wie in einer Wunderkammer können Besucher in dem Gang die unterschiedlichen Lebenswelten von Adel und Volk in der Barockzeit entdecken. Es geht um Tischsitten, Bekleidung oder Bestattungsriten. Ein kleiner Sarg verweist beispielsweise auf die hohe Kindersterblichkeit der Epoche.

Im Jahr 1943 wird Schloss Herrenhausen im Krieg zerstört. Eine Bildergalerie mit historischen Impressionen.

Als Leitfaden durch den unterirdischen Teil der Ausstellung dienen Begriffspaare wie „Glaube und Wissen“ (mit Clemenskirchenmodell) oder „Muße und Mühe“. Ein Karussellschlitten aus dem 17. Jahrhundert, der noch nie öffentlich zu sehen war und derzeit aufwendig restauriert wird, illustriert dabei die Lustbarkeiten des Adels – flankiert wird er von Handwerksgeräten einfacher Leute.

Ostflügel und Verbindungsgang werden bereits auf Dauer eingerichtet. Im Westflügel thematisiert das Museum zunächst die Historie Herrenhausens von der Aufklärung bis zur Gegenwart, es geht um den Großen Garten und die Herrenhäuser Allee, um Berg-, Georgen- und Welfengarten. „Dieser Teil wird allerdings im Frühjahr 2014 entscheidend verändert“, sagt Museumsdirektor Schwark. Dann wird hier eine Station der großen Landesausstellung „Als die Royals aus Hannover kamen“ über die Epoche der Personalunion zu sehen sein. Sein wichtigstes Prunkstück aber wird dem Schlossmuseum niemand je streitig machen können: „Unser schönstes Exponat“, sagt Schwark, „ist der Große Garten.“

Fotos und Filme zum Wiederaufbau der Stadt

Im Jahr 2012 fanden rund 85.000 Besucher den Weg ins Historische Museum. Etwas weniger als im Jahr davor, als sich die populäre Ausstellung „Stadtbilder“ mit ihren historischen Hannover-Fotos als Publikumsmagnet erwies. Deren Fortsetzung dürfte auch in dem Programm, welches das Museum am Hohen Ufer für 2013 auf die Beine gestellt hat, zu den Höhepunkten zählen.

Das Ausstellungsprogramm eröffnet am 13. Februar die Schau „Öko-Bilanz – Umweltbewegte Stadt und Region Hannover 1950 bis heute“. Das Umweltzentrum Hannover erzählt darin, welche Rolle aus ihrer Sicht Ölkrise, Tschernobyl oder das Aufkommen von Ökolebensmitteln für Hannover spielten.

Die Stadt hat offiziell ihren Teil des neuen Herrenhäuser Schlosses übernommen: Schon im Frühjahr soll hier ein aufwendig konzipiertes Museum eröffnen. Noch sind die beiden Flügel eine Großbaustelle. Doch die Arbeiten laufen auf Hochtouren – und das Museumskonzept steht.

Eine Wanderausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung ist vom 20. Februar bis zum 10. März in Hannover zu Gast. Sie widmet sich dem 150-jährigen Bestehen der SPD. Das Museum hat die Schau um hannoversche Exponate wie ein Porträt des Oberpräsidenten Gustav Noske ergänzt. Dieser war bei Linken als „Bluthund“ verschrien, weil er am Ende des Ersten Weltkriegs Aufstände niederschlagen ließ. „Wir hoffen, dass die Ausstellung kontroverse Diskussionen anstößt“, sagt Museumsdirektor Thomas Schwark.

Für die Fotoausstellung „ZwischenZeit“ – Lebenserinnerungen an der Leine“ (25. April bis 28. Juli) haben Michael Neugebauer und Katharina Sieckmann ältere Menschen gebeten, ihre Geschichten zu erzählen. Fotos zeigen nicht nur die Gesichter der Zeitzeugen, sondern auch deren Hände – in denen sie jeweils Jugendfotos von sich selbst halten. „Die Bilder sollen einen Dialog der Generationen anregen“, sagt Autorin Sieckmann.

Das Neue Rathaus wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. „In seinen gigantischen Dimensionen ist es ein einmaliger Bau“, sagt die Kunsthistorikerin Esther Orant, die ihre Dissertation über den Innenausbau des Neuen Rathauses verfasst. Die Stadt wechselte während der Bauphase den Architekten: „Darum ist die Formensprache des Gebäudes innen ganz anders als außen“, sagt Orant. Vom 20. Juni an präsentiert das Museum im Bürgersaal des Rathauses eine Jubiläumsausstellung zu dessen Historie. „Wir wollen auch das zeigen, was man nicht sieht – nämlich dass über der gewaltigen Halle des Rathauses noch eine zweite, architektonisch verborgene Halle existiert“, sagt Kurator Wolf-Dieter Mechler.

Die dritte Ausstellung in der Reihe „Stadtbilder“ ist vom 11. September bis 23. Februar 2014 im Museum zu sehen. Nach der Epoche von 1870 bis 1900 und der Zeit von 1900 bis 1939 geht es diesmal nun um die Zerstörung Hannovers im Krieg – und um den Wiederaufbau unter Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht. Neben Fotos sind dabei auch Filme zu sehen: „Der Rat ließ den Wiederaufbau, der erst 1960 als abgeschlossen galt, über die Jahre von Filmteams dokumentieren“, sagt Kurator Andreas Urban.

Unter dem Motto „Wem gehört die Stadt?“ bietet das Museum gemeinsam mit der Architektenkammer in den Osterferien einen Workshop für Jugendliche zum Thema „Street art“ an. Diese sollen die Bedeutung von Straßenkunst wie den Nanas in Hannover erkunden – und selbst eine Dokumentation im Internet erstellen.

Mehr Informationen unter (05 11) 16 94 30 52 oder hier.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Eine Art maritime Mathestunde stand am Dienstag auf dem Stundenplan der KGS Sehnde. Die Sechstklässler durften mal aus dem Schulalltag abtauchen und an einem ungewöhnlichen Lernort Erfahrungen sammeln.

08.01.2013

Normalerweise treten Staatsanwälte vor Gericht als Ankläger in fremder Sache auf. Ungewöhnlich dagegen ist, dass eine Anklagevertreterin Opfer eines Überfalls wird und dem Täter in einem späteren Prozess als Nebenklägerin gegenübersitzt – wie jetzt in Hannover.

Michael Zgoll 11.01.2013

Auf Initiative der rot-grünen Ratsmehrheit soll die Stadt einen „zentralen Gedenkort für Suchtverstorbene“ ausfindig machen. Im Umweltausschuss brachte am Montag Umweltdezernent Hans Mönninghoff (Grüne) den Nikolaifriedhof als möglichen Standort für ein solches Denkmal ins Gespräch.

Andreas Schinkel 10.01.2013