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Helfer beklagen „moderne Sklaverei“ im Baugewerbe

Arbeitskräfte aus Osteuropa Helfer beklagen „moderne Sklaverei“ im Baugewerbe

Die Zahl osteuropäischer Arbeitskräfte in der Region Hannover nimmt stetig zu, viele von ihnen arbeiten unter skandalösen Bedingungen. Immer mehr Arbeitskräfte aus Osteuropa suchen deshalb Hilfe, weil sie von Unternehmern um ihren Lohn gebracht werden

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Seit Monaten kümmert sich Beraterin Katarzyna Zentner um Seweryn Grela – er hat es schwer, zu seinem Recht zu kommen.

Quelle: Zgoll

Hannover.  „Insbesondere im Baugewerbe und vor allem im Hochbau herrschen oft kriminelle Zustände“, sagt der stellvertretende Regionalleiter Kai Schwabe von der Industriegewerkschaft (IG) Bauen-Agrar-Umwelt. Es werden Löhne weit unter Tarif oder Mindestlohn gezahlt, die Arbeiter bekommen nur einen Teil ihres versprochenen Verdienstes ausgezahlt, sie werden unwissentlich zu Teilhabern von Subunternehmen und später unverschuldet in Regress genommen, auch ihre Unterbringung ist oft elendig. Die hannoversche Beratungsstelle für mobile Beschäftigte, die an den Verein Arbeit und Leben angegliedert ist und von Land und Region gefördert wird, verzeichnet ständig steigende Anfragen von verzweifelten Arbeitnehmern, insbesondere aus Polen.

Einer von ihnen ist Seweryn Grela. Der 27-Jährige aus einem Dorf südlich von Warschau hat den Mut gefunden, der HAZ über seine Erfahrungen auf deutschen Baustellen seit 2013 zu berichten. Derzeit versucht er, vor Gericht gegenüber einem Bauunternehmer aus der Region ausstehenden Lohn einzuklagen.

Anderthalb Jahre, erzählt Grela, habe er zunächst auf Baustellen in München Metallkästen zusammengeschraubt: sieben Tage die Woche mit durchschnittlich 80 Arbeitsstunden, für einen Nettolohn von 6 Euro pro Stunde. Einen Tag fehlte er in dieser Zeit, dafür bekam er 15 Euro Krankengeld. Dann wurde er gemeinsam mit etlichen polnischen Kollegen entlassen, angeblich, weil sie zu langsam waren. Ihre Nachfolger bekamen nur noch 5 Euro pro Stunde ausgezahlt.

Im Juli 2015 heuerte der 27-Jährige bei einer Baufirma aus der Region an, die als Subunternehmer für größere Unternehmen tätig ist. Dort arbeitete Grela „nur“ 200 Stunden pro Monat, für einen Bruttolohn von 10 Euro und ohne schriftlichen Arbeitsvertrag. Doch statt der 1600 Euro, die ihm bei einem Netto von 8 Euro hätten bleiben müssen, zahlte ihm der Chef – mit polnischen Wurzeln – nur 500 bis 700 Euro pro Monat aus. Grela und mehr als ein Dutzend weiterer polnischer Arbeiter wurden ständig vertröstet. Untergebracht waren sie in einer Wohnung in Großenheidorn, mit bis zu fünf Personen in einem Zimmer für jeweils 40 bis 50 Euro Monatsmiete. Ein halbes Dutzend der Arbeiter, die kein Deutsch sprachen, machte einen zusätzlichen Fehler: Sie ließen sich vom Firmenchef beschwatzen, Teilhaber einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) zu werden.

Sie entrichteten, aus Unkenntnis, keine Beiträge in die Sozialkasse, hafteten aber plötzlich für Forderungen von Dritten – etwa vom Vermieter aus Großenheidorn, der zwei Monate keine Miete mehr überwiesen bekommen hatte und 2000 Euro geltend machte. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Unternehmer sein Gewerbe kurzfristig abgemeldet. Auch vor dem Arbeitsgericht konnten die GbR-Teilhaber später nichts besehen, gelten sie doch als (Schein-)Selbstständige. Grela zählte nicht zu ihnen.

Nach fünf Monaten schuldete das Unternehmen jedem polnischen Arbeiter einige Tausend Euro. Im Dezember endete die Zusammenarbeit. Unterstützt von der Beratungsstelle für mobile Beschäftigte ertrotzten einige eine Zahlung von 1250 Euro, dann zog Grela vor das Arbeitsgericht, um den Rest einzuklagen. Die 5. Kammer unterbreitete den Parteien jüngst einen Vergleichsvorschlag: Die Firma soll dem jungen Mann 2530 Euro nachzahlen. Doch noch hat sie nicht reagiert. Inzwischen arbeitet Grela bei einem Betrieb in Nienburg. Dort, erzählt er, laufe alles korrekt.

„Der Geschäftsführer des Subunternehmens nutzt es gnadenlos aus, dass seine polnischen Landsleute kein Deutsch verstehen“, sagt Projektleiterin Katarzyna Zentner von der Beratungsstelle für mobile Beschäftigte. Er ködere sie mit falschen Versprechungen und nutze ihre Notlage aus: „Das ist moderne Sklaverei.“ Und offenbar macht der Betrieb weiter: Zentner kennt vier neue Fälle, wo polnische Arbeiter für monatelange Arbeit kein Geld gesehen haben.

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