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Aus der Stadt Tiefer Blick in die Stadtgeschichte
Hannover Aus der Stadt Tiefer Blick in die Stadtgeschichte
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00:15 03.11.2013
Von Conrad von Meding
Archäologen haben am Hohen Ufer Reste der historischen Stadtmauer entdeckt. Quelle: Dröse
Hannover

Archäologen sagen: Die besten Ausgrabungen sind die, die es nicht gibt. Eingriffe in den Boden mögen sie nicht, denn sie zerstören das Original. Deshalb heißt das, was jetzt am Hohen Ufer passiert, auch Notgrabung. 3,50 Meter tief geht es in den Boden, weil zwei Wohn- und Geschäftshäuser mit Tiefgarage und Ufergastronomie entstehen. Graben im Herzen der Altstadt – kaum jemand wundert es, dass dabei historische Artefakte zutage gefördert werden.

Bei archäologischen Grabungen am Hohen Ufer haben die Bauteams Reste der historischen Stadtmauer gefunden.

Jetzt aber, zur Halbzeit der Ausgrabung, breitet sich die Pracht aus: Nicht nur die Fundamente der Stadtmauer sind freigelegt. Auch zwei Krüge aus dem 12. Jahrhundert (einer vielleicht auch etwas älter) und eine Silbermünze von 1482 sind dabei. Und ein gut erhaltenes Einmachglas mit Bohnen. Das wurde im verschütteten Keller geborgen, in dem der Bombenblindgänger gefunden wurde, dessen Entschärfung Ende August bundesweit Schlagzeilen gemacht hat. „Wahrscheinlich hat jemand das Glas kurz vor der Bombennacht in den Keller gebracht“, sagt Prof. Thomas Schwark vom Historischen Museum. Dann wäre es ziemlich genau 70 Jahre alt und auch schon ein Dokument der Zeitgeschichte.

Für die Archäologen vom Land ist die Grabung ein „einmaliger Vorgang“, wie Landesdenkmalpfleger Friedrich-Wilhelm Wulff sagt: Weil sich auf dem Baufeld der betonierte Schulhof der alten Gehörlosenschule befand, ist dort seit dem letzten Krieg nicht mehr gegraben worden. Jetzt legen die Bauteams unter Aufsicht des privaten Grabungsbüros Archaeofirm Kellerwände (viele) und Brunnen (mindestens einen), Kloaken (zwei) und allerlei Artefakte frei. Ein „unschätzbar wertvoller Blick in die Geschichte der Stadt“, sagt Prof. Thomas Schwark, Direktor des Historischen Museums. Keramiken aus dem 15. Jahrhundert sind dabei, aber auch ein Lederschuh, der wohl aus dem 20. Jahrhundert stammt. Ganz entgegen den strengen Gepflogenheiten von Archivaren und Historikern hat Schwark all diese Gegenstände nach grober Reinigung in eine Vitrine im Erdgeschoss legen lassen – „augenzwinkernd“, sagt Schwark, liegen die Jahrhunderte nebeneinander, die vom Nachbarfundort stammen.

Heute, wenn wie immer freitags freier Eintritt im Museum ist, dürfen Besucher vom Treppenhaus aus Blicke auch auf die Grabungsstelle werfen. „Die Ergebnisse der Forschung auf unserem Nachbargrundstück bereichert unser Wissen über die Stadtgeschichte“, frohlockt Schwark. Während für Laien die Steine, Münzen und Keramiken spannend sind, freuen sich die Fachleute mindestens ebenso sehr über unscheinbarere Funde. Etwa den Inhalt der Kloaken, also letztlich Plumsklos, in denen sich oft Abfälle, Knochen, Muschelschalen oder Lederwaren erhalten haben. Oder feine Bodenverfärbungen, aus denen sich Informationen über die Frühgeschichte der Stadt Hannover ablesen lassen. Landesarchäologe Henning Haßmann und der für Hannover zuständige Landesdenkmalpfleger Wulff etwa sind guter Hoffnung, mehr über die Details der Befestigung der mittelalterlichen Stadt zu erfahren.

Bisher weiß man nur, dass 1266 mit dem Bau der großen, steinernen Stadtmauer begonnen wurde. Wenn es unter dem Fundament Pfahlgründungen aus Holz gibt, könnte mithilfe der Jahresringe genauer bestimmt werden, wann in diesem Abschnitt gebaut wurde. „Dann werden wir sehen, ob die Datierungen belegt oder widerlegt werden müssen“, sagt Wulff. Schön zu erkennen sind an der Grabungsstelle außer dem Stadtmauerfundament die Altstadtkeller aus unterschiedlichen Epochen, teils mit kleinen Bruchsteinen, teils mit bossierten Quadern aus Abbruchhäusern gemauert, teils aber auch schon mit Industrieziegeln aus dem 
19. Jahrhundert.

Davor, zum Ufer hin, liegt das alte Fundament des Zeughauses im Boden, das 1886 verkleinert wurde – seine noch stehende Mauer bildet die flussseitige Außenmauer des Museums neben dem Beginenturm. Schicht für Schicht graben sich die Arbeiter durch den Boden, oft mit dem Spaten, an problematischen Fundstellen auch mit Spachtel und Pinsel. Grabungsleiter Markus Brückner von der Firma Archaeofirm hat mit weißen Plastikkarten Fundstellen und Erdschichten markiert, Firmenchef Tobias Poremba ist fast täglich auf der Baustelle und prüft die Abläufe. Weil alles eng ist auf der Baustelle, verfüllt ein Bagger im Bereich der Burgstraße Grabungsareale, durch die sich die Archäologen schon durchgearbeitet haben. U

nd wer zahlt das alles? Hannovers Denkmalpfleger Jörg Maaß hat eine klare Antwort. Das neue Denkmalgesetz bürdet alle Kosten dem sogenannten Zustandsstörer auf, der in den Boden eingreift. Das ist in diesem Fall die Firma Helma, die beide Gebäude errichten lässt. Björn Jeschina, Geschäftsführer der Helma Wohnungsbau, sagte am Mittwoch aber: „Wir haben mit Funden gerechnet.“ Mit der Stadt sei eine faire Vereinbarung darüber getroffen worden, wie lange die Baustelle stillliegen dürfe und wie viele Kosten man tragen müsse. Wenn es keine sensationellen Funde gibt, die zusätzliche Ausgrabungen nötig machen, soll im Winter der Bau der Tiefgarage beginnen.

Bis zu drei Prozent der Gesamtinvestition würden die Ausgrabungen wohl kosten, Denkmalpfleger Maaß wird später von bis zu fünf Prozent sprechen. Das wären bei einem Gesamtinvest von acht Millionen Euro rund eine Viertelmillion Euro. Aber dafür werde ein Gegenwert geschaffen, sagt Jeschina: „Wir schaffen eine Attraktion in der Altstadt.“ Doch zunächst haben die Archäologen das Sagen. Wenn sie Glück haben, könnten sie auf etwas Besonderes stoßen: Fundstücke, die auf eine ganz alte Besiedlung schließen lassen. Helmut Plath, der 1990 gestorbene Archäologe und ehemalige Direktor des Historischen Museums, war der Meinung, dass lange vor der bekannten Besiedlung des Hohen Ufers ein Lehenshof gestanden haben könnte. Noch gibt es trotz einiger Grabungen Plaths keine Belege dafür – das könnte sich jetzt ändern.

Das Historische Museum öffnet heute von 10 bis 17 Uhr mit freiem Eintritt. Wer den gelben Aufklebern auf dem Boden folgt, kommt an der Vitrine vorbei zum Aussichtspunkt im Treppenhaus, wo sich die Grabungsarbeiten durch große Scheiben besichtigen lassen.

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