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Leben wir schon längst in der Utopie?

Architektendebatte Leben wir schon längst in der Utopie?

In den Siebzigern schien fast jede Utopie realisierbar. Aber eher nicht dies: Dass 2016 eine Kanzlerin (!) aus Ostdeutschland (!) im wiederaufgebauten (!) Schloss Herrenhausen einen schwarzen (!) US-Präsidenten empfangen würde. Bei einer Architekturdiskussion gab es spontan Lacher für den Vergleich.

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Was ist aus den Utopien geworden? Stadtbahnplaner Prof. Klaus Scheelhaase (li.) und Kröpcke-Architektekt Prof. Ekkehard Bollmann mit Moderatorin Ute Maasberg.

Quelle: Conrad von Meding

Hannover. Das war durchaus ein gekonnt gesetzter Akzent von Architekturprofessor Ekkehard Bollmann. Er hat mit Kollegen das inzwischen abgerissene Kröpcke-Center entworfen und andere Bauten, die in Hannover für das großstädtische Denken der Sechziger- und Siebzigerjahre stehen. "Wir waren fortschrittsgläubig", sagte er am Donnerstagabend bei einer Diskussion in der Architektenkammer: "Hätte uns jemand gesagt, dass im Jahr 2000 der Mond besiedelt ist - wir hätten das für glaubhaft gehalten." Aber alles schien dann doch nicht denkbar. "Wir hätten uns nicht vorstellen können, dass 2016 eine Bundeskanzlerin aus Ostdeutschland im wiederaufgebauten Schloss Herrenhausen einen farbigen US-Präsidenten begrüßen würde", sagte Bollmann: "Da hätten wir wohl geantwortet, dass man es mit Satire nicht übertreiben darf."

Die Diskussionsveranstaltung war Teil des Begleitprogramms zur Ausstellung "Echoräume", die noch bis Anfang September in den Gebäuden der Architektenkammer gegenüber vom Neuen Rathaus zu sehen ist. Dort werden zahlreiche nie realisierte Architekturentwürfe für Hannover gezeigt: fulminante Konzeptionen für Stadterweiterungen, großzügige Pläne für ein Regierungsviertel für alle norddeutschen Länder, urbanistische Großbauten für die Verkehrsknoten der Stadt. Die Ausstellung läuft bis zum 2. September (montags bis donnerstags von 10-16 Uhr, freitags bis 12 Uhr. Sonderführungen können telefonisch vereinbart werden: 0511-2809664, ute.maasberg@aknds.de).

An diesem Abend hat Ausstellungskuratorin Ute Maasberg außer Bollmann noch den langjährigen Leiter des U-Bahn-Bauamts geladen, Prof. Klaus Scheelhaase. Den Ingenieur hatte Hannovers visionärer Stadtbaurat Rudolph Hillebrecht 1967 aus Berlin abgeworben. "Er kam einfach so zu mir ins Büro", erinnerte Scheelhaase sich: "Ich habe mich gewundert - Hillebrecht galt als Verfechter des Automobilverkehrs, aber er sagte, das Konzept des Straßenbaus in Hannover gehe nicht auf, man wolle eine öffentliche Nahverkehrsinfrastruktur." Die Aufgabe sei reizvoll erschienen, auch wenn sich bald herausstellte, dass Hannover für ein echtes U-Bahnsystem zu klein war. So entstand der Kompromiss einer Stadtbahn, die in der Innenstadt unterirdisch und an den Rändern als Straßenbahn fährt und bis heute für Streit sorgte. Immerhin: Bei der Diskussion am Donnerstagabend dauerte es handgestoppte 62 Minuten, bis ein Besucher Scheelhaase nach seiner Meinung zum umstrittenen D-Linienbau fragte. Der lehnte ab - das sei hier nicht Thema.

Dass man damals aber groß plante, sei richtig gewesen, sagte Scheelhaase: "Wir haben utopisch gedacht, wir hatten Visionen, wie die Stadt auszusehen hat - das war der Zeit geschuldet." Er ist sich sicher: Gäbe es heute ein starkes Bündnis an der Stadtspitze wie in den Sechzigern und Siebzigern mit Stadtdirektor Martin Neuffer, Baurat Hillebrecht und den Planern Hanns Adrian und Peter Dellemann, "dann würde es eine Lösung für den Raschplatz geben". Dort fehle "der große Wurf", was bis heute ein Manko sei.

"So viel Anfang war nie", zitierte Bollmann aus einem zeitgenössischen "Spiegel"-Heft.  Erst die Ölkrise 1973 habe zu einer neuen Ängstlichkeit geführt. Der Pillenknick habe zudem die aus heutiger Sicht völlig überzogen erscheinenden Bevölkerungsprognosen zunichte gemacht. "In den Sechzigern und Siebzigern gab es quasi keine Grenzen für uns", sagte Bollmann: "Die Gesellschaft hat sich gewandelt, heute wird viel vernünftiger geplant und gedacht." Wie ein Kompliment klang das nicht aus seinem Mund.

Warum die großzügige, utopische Architektur der Zeit heute wohl nicht geliebt werde, fragte Moderatorin Maasberg. "Hillebrecht hat die Stuckarchitektur der Gründerzeit gehasst, seine Enkel finden die Architektur der Hillebrecht-Ära unerträglich", sagte Scheelhaase: "Aber die Enkel der heutigen Architekten beginnen, die Qualitäten der Sechzigerjahrearchitektur zu entdecken. Alles muss wohl erst Patina ansetzen. Man muss nur Geduld haben."

Besucher Michael Krische, der als Redakteur unter anderem für die HAZ lange Jahre die Baupolitik in Hannover begleitet hat, warnte vor Verklärung: "Gebäudekomplexe wie das Ihme-Zentrum sind echte Problemimmobilien - es war eben nicht alles gut konzipiert, was damals gebaut wurde." Und Heiko Maaß, langjähriger Denkmalpfleger in Hannover, ergänzte: "Die Siebziger waren eben auch eine Zeit der unglaublichen Arroganz. Gebaut wurde von der Neuen Heimat, bestimmt von der SPD - in Hannover sowieso. Gegen den Fortschrittsglauben musste es irgendwann Widerstände geben."

Am Donnerstag, 25. August, gibt es eine weitere Veranstaltung zur jüngeren Architekturgeschichte. Uta Boockhoff-Gries, 14 Jahre lang Stadtbaurätin in Hannover unter anderem zur Expo-Zeit, wird im Gespräch mit HAZ-Redakteur Conrad von Meding über Planen und Bauen in den Achtziger- und Neunzigerjahren sprechen. Beginn ist um 19 Uhr in den Räumen der Architektenkammer, der Eintritt ist frei.

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