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735 Flüchtlinge aus 33 Ländern unter einem Dach

Wohnheim im Oststadtklinikum 735 Flüchtlinge aus 33 Ländern unter einem Dach

735 Flüchtlinge wohnen derzeit in der ehemaligen Oststadtklinik. 620 Männer, 115 Frauen, darunter 72 Kinder. Obwohl im Bettenhaus Flüchtlinge aus 33 Ländern unter einem Dach leben, habe die Polizei wenig zu tun, sagt Marion Misfeld von der Polizei.

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Noch im Dezember waren gerade einmal 100 Flüchtlinge im ehemaligen Oststadtklinikum untergebracht.

Quelle: Julian Stratenschulte

Hannover. Die Grünpflanze im Foyer hat schon einmal bessere Tage gesehen. Etwas schlapp hängen die Blätter herab. Fast hätte man die kleinen Schilder übersehen, die die Mitarbeiter des Hauses oder unbekannte gute Geister in die Topferde gesteckt haben.

Welcome! Bienvenida! Schmatzend schließt sich hinter einer Gruppe junger schwarzer Männer die Fahrstuhltür. Ein Jugendlicher mit Kopfhörern im Ohr rollt auf seinen Rollerblades am Glaskasten vorbei, in dem eine Frau vom Wachpersonal das Foyer fest im Blick hat. Ein Krankenhaus? War einmal.

Aus Dankbarkeit gegenüber der deutschen Bundeskanzlerin hat eine ghanaische Asylbewerberin ihrem Kind den Vornamen Angela Merkel gegeben. Das Mädchen wurde in Hannover geboren.

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735 Flüchtlinge wohnen derzeit im ehemaligen Bettenhaus. 620 Männer, 115 Frauen, darunter 72 Kinder. Im Dezember waren es gerade einmal 100. Monat für Monat musste eine weitere der sieben Etagen ausbaut werden. Seit kurzem wurden auch die ehemaligen Operationsräume in Vierer- oder Dreibettzimmer umgewidmet, in denen nun vor allem alleinreisende Männer wohnen. Die Kantine kam hinzu. „Das Gute ist, dass nicht viel Geld in den Umbau gesteckt werden musste“, sagt DRK-Leiter Guram Alibegashvili, Toiletten, Duschen - alles war bereits vorhanden. Feldbetten? „Nein, so etwas gibt es bei uns nicht.“

Flüchtlingsbaby

Eine Flüchtlingsmutter hat ihr Kind nach der Bundeskanzlerin benannt: Die kleine Angela Merkel Adé.

Tatsächlich wirkt das Haus bei einem kurzen Rundgang wie eine große Jugendherberge. Im Spielzimmer sucht eine Sozialarbeiterin mit der kleinen Josephine das Apfelbild im Kartenquartett. In der Gemeinschaftsküche auf der vierten Etage löffelt ein junger Schwarzer mit Baseballkappe Kartoffelbrei aus einem Topf. 320 Euro bekommt jeder Flüchtling im Monat, in bar, zusätzlich zur „Sachleistung“ Unterkunft. Die Sparkasse richtet jedem Flüchtling zum Start ein eigenes Konto ein.

Gibt es mehr Kriminalität? „Es ist ein Wunder“, erzählt Marion Misfeld von der Polizeiinspektion Ost. Obwohl im Bettenhaus Flüchtlinge aus 33 Ländern unter einem Dach leben, habe die Polizei wenig zu tun. Einzig die Zahl der Schwarzfahrten und kleiner Ladendiebstähle sei leicht gestiegen, sagt Misfeld. Ab und an werde man zu Streitereien gerufen, aber das hielte sich in Grenzen.

An einer Pinnwand im Foyer sucht der Hauschor mit einer bunten Zeichnung noch Sänger. Pensionierte Lehrer bieten Deutschunterricht an. „Die Kurse sind sehr gut besucht“, sagt Alibegashvili. Es gibt Trommelkurse oder Theatergruppen. Das größte Problem der Flüchtlinge sei nun mal das monatelange Warten auf den Asylbescheid. Was tun? Die jüngste Idee von Stadt und DRK-Sozialarbeit: Ein Pflege-Praktikum in einem Altersheim. Vier Bewohner, so heißt es, haben sich bereits gemeldet.

Chefkoch Nico hofft auf einen Job

Guram Alibegashvili vom DRK spricht mit Flüchtling Nico (r) in dessen Zimmer - einem früheren OP-Saal  (Foto: Stratenschulte) 

Nico kommt aus Georgiens Hauptstadt Tiflis. Seit zwei Monaten ist der 40-Jährige in Hannover. Ein wenig schüchtern zeigt er sein Zimmer im Oststadtkrankenhaus, das er sich mit einem weiteren Flüchtling teilt und das sie mit gestifteten Möbeln eingerichtet haben. Helle Vorhänge, eine Couch, ein Bett, ein Tisch haben das ehemalige Krankenzimmer in eine spartanische, aber dennoch gemütliche Wohnstube verwandelt. Fragt man Nico, warum er seine Heimat verlassen hat und in Deutschland Asyl sucht, ist die Antwort kurz und knapp: „Ich möchte in Deutschland arbeiten.“ Die Chancen, so heißt es, stünden für ihn nicht schlecht. Nico hat eine Ausbildung als Koch und hat viele Jahre als Chefkoch in Restaurants gearbeitet. „Köche werden gesucht“, sagt Guram Alibegashvili, Leiter aller vom DRK betreuten Flüchtlingswohnheime in Hannover. Nico will erst einmal Deutsch lernen; sollte er dann ein georgisches Lokal finden, dass ihn offiziell als Koch anfordert, könnte es mit der Zukunft in Deutschland klappen. 

Alis Traum vom Medizinstudium

Vater Abdelsalam Ali (l) kam aus Syrien übers Mittelmeer, Sohn Ali konnte mit dem Flugzeug folgen. (Foto: Stratenschulte) 

Ali Ali ist 19 Jahre alt und hat einen Traum: Er möchte in Hannover Medizin studieren. Ganz selbstverständlich ist das nicht.
Ali stammt aus Syrien. Dass er heute regelmäßig zum Deutschunterricht im Oststadtkrankenhaus gehen kann, hat er seinem Vater zu verdanken, der eine Odyssee übers Mittelmeer hinter sich hat. Seit November ist Vater Abdelsalam in Hannover; im November hat er seinen Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingereicht. Seitdem wartet er auf eine Antwort; bislang vergeblich.

Dafür ist es ihm gelungen, seinen Sohn ins Land zu holen. Im Rahmen des Familiennachzugs bekam Ali in der Türkei ein Visum für die Einreise nach Deutschland. Seine Reise war allerdings weit ungefährlicher als die des Vaters. Er kam als Passagier an Bord eines Flugzeugs über Belgien nach Hannover.

Gemeinsam wohnen sie nun im sechsten Stock des früheren Oststadtkrankenhauses. Alis zweiter großer Traum: Ein Wiedersehen mit dem Rest der Familie; seine Mutter und die Geschwister sind noch im Bürgerkriegsland Syrien und hoffen auf die Ausreise. gst

22 Sozialarbeiter kümmern sich um die Flüchtlinge

735 Flüchtlinge wohnen aktuell im Oststadtkrankenhaus, darunter 72 Kinder. 405 Bewohner warten auf den Abschluss ihres Asylverfahrens. 38 haben bereits einen positiven Bescheid und stehen vor dem Umzug in eine eigene Wohnung. 238 Bewohner werden derzeit geduldet. Das bedeutet, dass sie vorerst nicht abgeschoben werden. Der Grund: Zumeist sind sie über Griechenland oder Bulgarien nach Deutschland gekommen; die Rücküberweisung in diese Länder ist ausgesetzt, weil die dortigen Verhältnisse für Flüchtlinge als menschenunwürdig gelten.
Im Oststadtkrankenhaus kümmern sich 22 Sozialarbeiter mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen und eine Erzieherin an sechs Tagen in der Woche um das Alltagsgeschäft.

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