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Was war vor 60 Jahren auf dem Faust-Gelände los?

Ein Blick in die Industriegeschichte Was war vor 60 Jahren auf dem Faust-Gelände los?

Wolfgang Filthuth schaut sich auf dem Faust-Gelände in Hannover um: Vor fast 60 Jahren hat er hier bei der Bettfedernfabrik Werner & Ehlers seine Ausbildung gemacht. Auf seinem Spaziergang findet der 75-Jährige einige Relikte alter Zeiten. Das Gelände erzählt aus der hannoverschen Industriegeschichte.

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„Hier wurden Federn in die Betten gestopft“: Wolfgang Filthuth ist Zeitzeuge eines Stücks hannoverscher Industriegeschichte.

Quelle: Benne

Hannover. Die alte Uhr dort oben gab es damals schon“, sagt Wolfgang Filthuth. Ein melancholisches Wiedererkennen spiegelt sich auf seinem Gesicht. Sein Spazierstock zeigt in die Luft – und hinein in eine Vergangenheit, die man hinter den bunten Graffitiwänden, den Halim-Dener-Solidaritätsplakaten und den Anti-Atomkraft-Aufklebern, die das Gesicht des Faust-Geländes heute prägen, erst wieder entdecken muss. Manchmal findet Wolfgang Filthuth ein Relikt von damals, wie jene alte Uhr, die über dem großen Tor des Geländes prangt – und die irgendwann stehen geblieben ist.

Seit vielen Jahren ist er nicht mehr hier gewesen; für Wolfgang Filthuth ist dieser Gang über das Faust-Gelände auch ein Gang zurück in die eigene Jugend. Im Jahr 1957 begann er hier seine kaufmännische Ausbildung. Seit 1991 hat das Kulturzentrum Faust auf dem alten Lindener Industrieareal seinen Platz. Doch für Wolfgang Filthuth wird dies immer der Ort sein, an dem er Lehrling war, bei der Bettfedernfabrik Werner & Ehlers. „Damals kauften sich viele Leute neue Betten, der Laden boomte“, sagt der 75-Jährige: „Wir hatten 150 Mitarbeiter, jeder kannte hier jeden.“

Kesselhaus öffnet regelmäßig die Türen

Ein Denkmal zieht Besucher an: Sein hoher Schornstein erhebt sich wie ein Wahrzeichen über dem Faust-Gelände. Dabei war das Kesselhaus für Besucher lange verschlossen. Das hat sich jetzt geändert. Etwa drei Jahre lang hat ein Dutzend Enthusiasten dafür gekämpft, das Stück Industriegeschichte wieder erlebbar zu machen.

Die Kesselhaus-Initiative hat unermüdlich für die Sanierung geworben, Förderer gesucht und an Nutzungskonzepten gebastelt. Inzwischen ist das Denkmal saniert – und entwickelt sich zum Publikumsmagneten. „Wegen der großen Nachfrage öffnen wir es zunächst bis Ende Oktober zweimal wöchentlich“, sagt Hans-Michael Krüger von der Kesselhaus-Initiative. Jeweils dienstags von 16 bis 18 Uhr sowie sonntags von 12 bis 15 Uhr ist es zugänglich. Infos: (05 11) 45 50 01.

Der Traditionsbetrieb war einer der größten seiner Art in Deutschland. Werner & Ehlers importierte Enten- und Gänsefedern aus der halben Welt: „Laster mit gewaltigen Schnauzen transportierten dicke Ballen vom Fischerhof hierher“, sagt Filthuth. Er zeigt auf die vom Architekten Dieter Oesterlen gebaute Halle: „Auf drei Etagen wurden dort Federn in Betten gestopft“, sagt er. Teils kamen Mitarbeiter von Bettengeschäften persönlich hierher, um selbst zuzusehen, wie die Inlets für ihre Betten gestopft wurden: „Halbweiße Halbdaune – das war eine gängige Mischung.“

Vor fast 60 Jahren kam Filthuth jeden Tag mit dem Fahrrad aus Limmer hierher. „In der Kantine gab es dreimal die Woche Kohl – die Köchin ließ uns Lehrlingen schon mal eine Extraportion zukommen.“ Die Kantine muss dort drüben gewesen sein. Sein Blick schweift über das Faust-Gelände. Viel hat sich rund um das Areal verändert in den vergangenen Jahrzehnten.

Die Gebäude der Verarbeitung erkennt Filthuth sofort wieder: „Hier wurden die Ballen aufgemacht und gewaschen“, sagt er. „Dafür brauchte man Unmengen von Wasser.“ Heute sind in dem Gewerbehof 30 Betriebe ansässig, rund 200 Menschen arbeiten hier. Ökologische und soziale Projekte haben die alte Industrie- und Arbeiterkultur beerbt. Vielleicht lässt sich der Strukturwandel Lindens nirgends so gut besichtigen wie an diesem Ort.

Filthuth, der viele Jahre als Verkaufsleiter bei Coca-Cola gearbeitet hat, zeigt dorthin, wo früher die Kläranlage war. Er erzählt vom Stempeln am Pförtnerhaus und davon, wie er im dritten Lehrjahr den erkrankten Lohnbuchhalter vertrat: „Jeden Freitag wurde Abschlag in bar bezahlt.“ Er weiß, dass Firmenchef Werner Frucht einem Mitarbeiter, der in Not geraten war, schon mal einen Schein extra zusteckte. Und dass im Tresor des Verwaltungsgebäudes angeblich handverlesene Eiderdaunen aufbewahrt wurden, von denen im Jahr nur wenige Hundert Gramm produziert wurden. Die Bettfedernfabrik hat 1990 Konkurs gemacht, nach 129 Jahren. Doch in Filthuth weckt jedes Gebäude hier bis heute eine andere Erinnerung.

Es ist immer riskant, an die Schauplätze der eigenen Jugend zurückzukehren. Manche Menschen nehmen jede Veränderung persönlich und wünschen sich, dass die Zeit an den Orten stehen geblieben sein müsste, an denen sie selbst ihre besten Jahre verbrachten. Filthuth gehört nicht dazu. Auch wenn ihn gelegentlich ein Hauch von Wehmut anweht, ist er vor allem froh darüber, dass dieses Gelände mit Leben erfüllt ist.

Er zückt die Kamera und macht ein paar Fotos für seine Frau: „Sie soll mal sehen, wie’s hier jetzt aussieht“, sagt der Mann, der heute in Bothfeld wohnt. „Als Schülerin hat auch sie hier gearbeitet.“ Klick: die Sechzigerjahre-Halle. „Die war damals erst in Planung, wie der Name schon sagt“, sagt er. Klick: das Kesselhaus am Biergarten Gretchen. „Das war damals tabu für uns.“

Schon in der Nachkriegszeit war das Gebäude mit dem imposanten Schornstein stillgelegt. „Aus Sicherheitsgründen durften wir es nicht betreten. Wir hätten gerne mal hineingeschaut – doch wir trauten uns nicht“, sagt Filthuth. Dank des Engagements einiger Enthusiasten ist der Bau, in dem einst gewaltige Öfen und Kessel den Wasserdampf für die Reinigung der Federn erzeugten, jetzt restauriert worden. „Gut, dass es erhalten bleibt“, sagt Filthuth zufrieden. „Schließlich erzählt das Gebäude ein Stück hannoversche Geschichte.“
In diesem Fall ist es auch seine eigene.

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