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Aus der Stadt Wie die Grundschule Ahlem für Integration kämpft
Hannover Aus der Stadt Wie die Grundschule Ahlem für Integration kämpft
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20:17 06.06.2018
Grundschule Ahlem: Die Künstlerin Marion Pusch hat mit den Viertklässlern über Werte gearbeitet. Entstanden ist ein Baum mit gestalteten Kulturbeuteln, in die jedes Kind seine individuellen Werte stecken konnte. v.l.n.r. Gabriele, 10, Rainer Göbel (Bezirksbürgermeister Ahlem), Paula, 9, Marion Pusch (Künstlerin), Nhung, 10, Henrike Straka (Lehrerin). Quelle: Foto: Katrin Kutter
Hannover

Die Grundschule Ahlem sieht sich auf Weg zur Brennpunktschule, der Anteil der Kinder mit Deutschproblemen und Förderbedarf wächst von Jahr zu Jahr, trotzdem bekommt die Schule seit sechs Jahren nicht die Genehmigung, auf Ganztagsbetrieb umzustellen, obwohl im Stadtteil nicht nur Kita-Plätze, sondern auch Hortplätze Mangelware sind. Berufstätige Eltern wandern mit ihren Kindern. Die Schulleiterin Christiane Grimpe fühlt sich aufs Abstellgleis geschoben, versucht aber das Beste daraus zu machen – mit Kulturprojekten und Vorlesewettbewerben, die alle Schüler mitnehmen, auch die sprachlosen.

Nicht Zahnbürste, Waschlappen und Creme, sondern auf Pappen notierte Grundwerte wie Familie, Liebe und Weltfrieden haben die Viertklässler der Grundschule Ahlem in ihren „Kulturbeutel“ gepackt. Jetzt hängen die selbst gestalteten Plastikbeutel an bunten Bäumen, die umgedreht mit den Wurzeln nach oben, in der Aula stehen. Sie regen zum Nachdenken und Diskutieren an. Von Januar bis Juni haben sich die Grundschüler damit beschäftigt.

Viele Kinder mit Sprach- und Lernproblemen

„Schulen mit besonderen Herausforderungen“ nennt die Stadt Brennpunktstandorte. Gemeint sind Schulen, die von vielen Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf besucht werden. Viele Kinder stammen aus Familien, die auf Sozialleistungen angewiesen, es viele Flüchtlinge oder Migranten sowie Jugendliche, die oft jahrelang überhaupt nicht zur Schule gegangen sind. Durch Schulsozialarbeiter, Berufsberater, aber Anti-Gewalt-Programmen hilft die Stadt hier. Seit diesem Schuljahr läuft das Projekt „Deutsch natürlich“, das den Erwerb der deutschen Sprache mit naturpädagogischen Erlebnissen im Schulbiologiezentrum verbindet. Gedacht ist es für Dritt- und Viertklässler. Acht Schulen sollen zunächst besonders gefördert werden. Welche das sind, soll in den nächsten Monaten beraten werden. dö

„Mir hat das Basteln viel Spaß gemacht“, sagt Gabriele (11). Der Junge, der sich selbst eher nicht so viel zutraut, ist in dem Projekt der Künstlerin Professorin Marion Pusch über sich hinaus gewachsen. Kreativität war genauso gefragt wie Philosophie.

Die Schüler kommen aus ganz unterschiedlichen Kulturen, viele haben Unterstützungsbedarf. Die Grundschule Ahlem macht Projekte, bei denen jeder mitmachen kann.

So haben die Viertklässler auch die Goldene Regel kennengelernt, in der Fachwelt „Kategorischer Imperativ“ genannt. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Für Immanuel Kant ist das das grundlegende Prinzip der Ethik. Für die zehnjährige Nhung ist das Prinzip völlig klar: „Ich mache nur das, was anderen nicht wehtut, weil ich ja auch nicht will, dass jemand mir wehtut.“

„Es gibt kein Richtig oder Falsch“

„Kunst baut Brücken und verbindet, wo Worte fehlen“, sagt Pusch. Die Viertklässler haben etwas im buchstäblichen Sinne Begreifbares hergestellt. An der Ahlemer Grundschule gibt es viele Kinder, die kaum oder nur wenig Deutsch sprechen. Jeder fünfte Schüler kommt aus einem der drei Flüchtlingsheime im Viertel. Zehn Prozent der Grundschüler haben einen Förderbedarf. „Die Auseinandersetzung mit Empfindungen, Gefühlen und Werten auf eine künstlerische kreative Art und Weise erfordert zum einen wenig Vorkenntnisse und lässt zum anderen viel Spielraum für Experimentierfreude und Schaffenslust“, sagt Schulleiterin Christine Grimpe. „Es gibt kein Richtig oder Falsch, sondern vielmehr ein weites Feld an Möglichkeiten, Vorstellungen und Gedanken Ausruck zu verleihen. Für alle Kinder bedeutet das, ihr Selbstbewusstsein konkurrenzlos zu entwickeln.“ Inklusion bedeutet für sie, nicht nur Kinder mit Behinderung mit zu unterrichten, sondern jedes Kind in seiner Unterschiedlichkeit anzunehmen.

Lehrerin Henrike Straka ist von dem Kulturbeutel-Projekt begeistert. „Die Kinder sind sich ihrer selbst bewusst geworden, sie haben über sich und die Gruppe nachgedacht. Da ist ganz viel hängengeblieben.“ Paula (9) würde gern bald wieder so ein Kunstprojekt machen, ihr haben die bunten Verzierungen, das Bekleben und Anmalen besonders gefallen.

Gelebte Integration

Bezirksbürgermeister Rainer Göbel (SPD) findet die bunten Wertebäume beeindruckend und würde sie am liebsten in Ahlem so aufstellen, dass sie möglichst viele Bürger sehen und darüber sprechen können. Kinder für Kunst, aber auch für demokratische Grundwerte zu begeistern, damit könne man nicht früh genug beginnen, meint er. Dem stimmt Pusch zu, die an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Bothfeld das Kulturbeutel-Projekt mit Siebtklässlern gemacht hat und nie gedacht hätte, dass die Jüngeren „so tolle Ergebnisse erzielen“. „Kinder mit unterschiedlichem Hintergrund zusammenzubringen, das ist Integration“, sagt Göbel. Wer den Beutel des anderen erkunde und feststelle, was ihm wichtig sei, der entwickle auch Verständnis für sein Gegenüber, betont Pusch.

Die Gruppe gewinnt

Auch beim diesjährigen Vorlesewettbewerb in der Aula zählt nicht die Leseleistung des Einzelnen, sondern der Gruppe. Für Kinder, die gerade erst Deutsch lernen, ängstlich sind oder Lernprobleme haben, sei dies die viel bessere Form des Wettbewerbs, sagt Lehrerin Gyde Kaspert (27), die Fachkonferenzleiterin für Deutsch, „sonst siegen immer die gleichen zwei, drei Mädchen.“ Svenja (10), die mit Joel und Elasenanur vorgelesen hat, sagt, das gemeinsame Lesen sei ein schönes Erlebnis gewesen. „Das hat Spaß gemacht“, findet auch Elasenanur.

Die Grundschule Ahlem kämpft seit Jahren darum, Ganztagsschule zu werden, sieht sich durch den ständig wachsenden Anteil an Schüler mit Sprachproblemen, aber auch mit Förderbedarf auf dem Weg zur Brennpunktschule. Aber sie versucht gegenzusteuern – mit Gemeinschaftssinn stiftenden, verbindenden Aktionen. Wenn jetzt noch die Zusage für die Umstellung auf den Ganztagsbetrieb käme...

Von Saskia Döhner

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