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Auf dem langen Weg aus der Spielsucht

Eine Betroffene erzählt Auf dem langen Weg aus der Spielsucht

Svenja Müller leitet bei Step eine Selbsthilfegruppe zum Thema Spielsucht. Vor vier Jahren ging sie selbst noch der krankhaften Leidenschaft nach. Seitdem ist sie in Therapie. Doch die Vergangenheit hat auch rechtliche Konsequenzen für die 55-Jährige.

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Für Spielsüchtige ist das Kasino im wahren Wortsinn eine Hölle.

Quelle: Symbolbild

Hannover. Das erste Mal? Svenja Müller (Name von der Redaktion geändert) überlegt. War sie 13 oder 14 Jahre alt? Damals, als ihr Vater sie jeden Sonntag mit in die Kneipe schleppte, wo er sich die Biere hinter die Binde kippte und mit Bekannten Skat drosch. Seine Tochter stand am Spielautomaten, während sich andere Mädchen ihres Alters im Freibad vergnügten. Sie liebte das Daddeln, das ratternde Geräusch des Automaten, das sie ablenkte von der Langeweile und dem Frust.

„Ich komme aus einer Suchtfamilie“, sagt Svenja Müller. Sie hat diesen Satz schon oft wiederholt. Erst in den Therapiestunden, dann vor Gericht - und kürzlich in der Selbsthilfegruppe, die sie leitet. Sie will anderen spielsüchtigen Frauen helfen, indem sie von ihren Erfahrungen erzählt, zuhört und Tipps gibt, wie man die innere Leere füllt und der Wut begegnet. Vier Jahre ist sie jetzt „spielfrei“. Ist sie geheilt? „Die Sucht begleitet einen das ganze Leben“, sagt sie.

Ihr bisheriges Leben erinnert an einen schlechten Film, aus dem der Zuschauer nach zehn Minuten aussteigen möchte, weil er der Klischees überdrüssig ist. Svenja Müller ist mit 16 Jahren von zu Hause ausgezogen, weil sie den saufenden und prügelnden Vater nicht mehr ertragen konnte. Ihre Habseligkeiten passten in zwei Plastiktaschen. Außerdem war sie schwanger.

Mit 17 hat sie den Vater des Kindes geheiratet. Die Ehe hielt nicht lange. Es folgte eine zweite, in der sie zwei weitere Söhne zur Welt brachte. „Ich war beziehungsunfähig“, sagt sie. „Ich hatte kein Vertrauen und keine Vertrauten.“ Auch die neue Beziehung zerbrach. Sie blieb mit drei Kindern allein zurück, da war sie 32 Jahre alt.

Der Zorn und die Einsamkeit an den Wochenenden trieb sie in Spielhallen. Die erste, in die sie sich traute, war in Vahrenheide. Der Besuch wurde zur Gewohnheit. Sie sehnte sich nach dieser Ruhe, die sich einstellte, wenn sie vor dem Automaten stand. Trotz ihrer Spielsucht fehlte es der Familie nicht am Nötigsten; die Verantwortung für die Kinder rettete sie vor dem endgültigen Absturz.

Irgendwann schien es, als ginge es bergauf. Das Jobcenter verschaffte ihr eine Stelle als Sekretärin. Alles lief gut. Doch dann verliebte sie sich in einen Kollegen. Als er über finanzielle Probleme klagte, leitete sie Geld vom Firmenkonto um und beglich seine Schulden. Niemand bemerkte es. Also wiederholte sie die Aktion, einmal, mehrmals. Plötzlich hatte sie reichlich Geld, um zu spielen. Sie lernte die Hinterzimmer im Steintorviertel kennen, wo das illegale Glücksspiel floriert und gepokert wird. „Ich konnte nicht aufhören; und dafür hasste ich mich“, sagt sie. Als eine Kollegin merkte, dass mit den Konten etwas nicht stimmte, entschied sich Svenja Müller endlich, professionelle Hilfe zu suchen.

Drei Jahre lang war sie in Therapie. Noch heute nimmt sie regelmäßig an einem Gesprächskreis an der MHH teil. „Es ist ein langer, langer Weg.“ Frauen, sagt sie, falle es besonders schwer, sich die Sucht einzugestehen. Die Schamgrenze sei hoch. Spielsüchtige Männer verspürten Machtgefühle; sie wollen beherrschen und Bestätigung finden. Frauen versuchten dagegen, dem Gefühl der Ohnmacht zu entfliehen und sich frei zu fühlen. Neurologen haben festgestellt, dass ein erhöhter Dopamin-Ausstoß im Gehirn für ein Glücks-Hoch sorgt. Das Geld, der Gewinn sei nur Mittel zum Zweck, nicht das Ziel, sagt Svenja Müller.

Mit 55 Jahren hat sie gelernt, nicht im Spiel, sondern in vielen kleinen alltäglichen Momenten das Glück zu fühlen. Sie hat sich Rituale zugelegt, die helfen, wenn der Suchtdruck steigt. So genießt sie jetzt den Geruch einer Tasse Kaffee oder macht lange Radtouren. Da ihre Psyche gelitten hat, bekommt sie eine Erwerbsminderungsrente. Es ist wenig Geld, aber mehr als früher, als sie jeden Euro, der entbehrlich war, verzockt hat. Erst heute, sagt sie, könne sie mit ihren erwachsenen Söhnen und den Enkeln „Familie leben“.

Svenja Müller hat sogar Zukunftspläne gemacht. Sie will sich zur Suchtkrankenhelferin ausbilden lassen. Einziges Handicap: 2011 ist sie aufgrund der Veruntreuung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Seit einem Jahr ist das Urteil rechtskräftig. Seitdem muss sie jeden Tag mit dem Haftbefehl rechnen. Was wird sie tun, wenn es so weit ist? Sie hofft, als Freigängerin nicht alles aufgeben zu müssen, was sie gerade mit viel Kraft erreicht hat.

Das Glücksspiel boomt

Glücksspielsucht ist eine Krankheit, und sie ist keineswegs ausgestorben. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind fast eine halbe Million Menschen betroffen. Vor allem das Glücksspiel am Spielautomaten wird seit Jahren bei jungen Männern immer beliebter. Auch „junge“ Glücksspiele wie Pokern, Euro-Jackpot, Online-Varianten und Gewinnspiele im Fernsehen und Radio boomen.

80 Prozent der Spielsüchtigen sind Männer. Jeder zweite hat ausländische Wurzeln. 14,8 Prozent verzocken jeden Monat immerhin bis zu 50 Euro und knapp jeder sechste verspielt bis zu 10 Euro. Betroffene und Angehörige finden unter anderem Hilfe bei der Suchtberatungsstelle Drobs in der Odeonstraße 14 – kostenlos und auf Wunsch anonym. Die Berater informieren über Therapien und stellen den Kontakt zu Selbsthilfegruppen her.

Der Selbsthilfeverein „Spielfrei leben“, Berkhusenstraße 7, kooperiert mit Step/Drobs und bietet  eine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsüchtige Frauen und eine Angehörigengruppe. Treffpunkt: Jeden Freitag 17.30 bis 19 Uhr bei Drobs Hannover, Odeonstraße 14. ... drei Gruppen für Betroffene, Männer und Frauen. Treffpunkt: jeweils montags, donnerstags und freitags von 17.30 bis 19 Uhr in den Räumen des Kreuzbundes, Berliner Allee 6. Kontakt: Eckhard Graf, Telefon (01?74) 6?54?04?65. Treffpunkt: jeden ersten und dritten Freitag im Monat, von 17 bis 19 Uhr den Räumen des Kreuzbundes, Berliner Allee 6. Die Step bietet auch eine russischsprachige Sprechstunde an. gst

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