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Aus der Stadt Aufgerissene Gräber: Stadt gibt Bauarbeitern die Schuld
Hannover Aus der Stadt Aufgerissene Gräber: Stadt gibt Bauarbeitern die Schuld
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06:15 22.11.2012
Von Conrad von Meding
Von Bürgern gesichert: Die Gebeine Verstorbener, die bei den Arbeiten an der Kapelle freigelegt wurden. Am Montag gab es Besprechungen zum weiteren Vorgehen auf der Baustelle. Quelle: Philipp von Ditfurth
Hannover

Etliche Hannoveraner hat es am Montag zur Goseriede gezogen. Dort waren bei Baggerarbeiten am alten Friedhof Gebeine von Verstorbenen zutage gefördert und zum Wochenende achtlos im Erdreich liegengelassen worden. Historiker und Denkmalsfreunde hatten die Knochen mühsam geborgen und aufgeschichtet. Am Montag wurden die jahrhundertealten Fundstücke in eine Kiste gelegt und vorübergehend in der Nikolaikapelle gelagert.

Die Stadtverwaltung bemühte sich am Montag, dem beauftragten Bauunternehmen die Schuld zu geben. Es sei „im Prinzip nichts Anrüchiges, nichts Falsches“ passiert, sagte Sprecher Dennis Dix. Der Baggerfahrer sei bei den Grabearbeiten nur „mit großem Gerät zu nah an einen Bereich gekommen, wo Handschachtungen nötig sind“. Keinesfalls seien Gruften eingestürzt oder zum Vertuschen unsensibler Arbeiten verfüllt worden. Zwar sei tatsächlich in eine Gruft Sand gefüllt worden – aber nur, um sie zu stabilisieren. Die städtische Denkmalpflege sei stets informiert und regelmäßig vor Ort gewesen.

Bei der vorgesetzten Denkmalbehörde rief das Verhalten der Stadt allerdings Skepsis hervor. „Unsere Mitarbeiter sind vorab nicht eingeschaltet worden“, sagt Stefan Winghart, Präsident des Landesdenkmalsamts. Zwar müsse die Stadt das laut Gesetzeslage auch nicht tun, sie hätte sich aber „des Sachverstands beim Landesamt bedienen“ können, sagt Winghart: „Wo solch alte Bodenfunde existieren, handelt es sich um ein Denkmal, da muss mit größter Sensibilität vorgegangen werden.“ Aktuell liefen noch Gespräche zwischen Stadt und Land über die Bewertung des Vorgangs.

Ein Teil des Friedhofsareals wird zum Stadtplatz umgebaut, derzeit lässt die Stadt die Fläche planieren.

Beim Umbau der Goseriede in der Innenstadt hat ein Baggerfahrer zahlreiche historische Gräber geöffnet.

Augenzeugen berichten, dass der Baggerfahrer mit seiner großen Schaufel Erdreich auch im unmittelbaren Umfeld der Kapellenruine des Friedhofs ausgehoben habe. Immer wieder habe es Hinweise von Passanten gegeben, mit dem Friedhofsboden sensibler umzugehen – die Arbeiter aber hätten das rigide zurückgewiesen. Mehrere Haufen mit Erdreich seien am Freitag abtransportiert worden, berichtet etwa Hobbyhistoriker Bernd Schade. Die Stadt allerdings beteuert, dass keinerlei Knochen darunter gewesen seien. „Offenbar wird jetzt versucht, den Vorgang herunterzuspielen“, sagt Schade: „Ich bin trotzdem entsetzt, wie hier mit Stadtgeschichte umgegangen wird.“

Unklar ist noch, was jetzt mit den Knochen passiert. Bei der Stadt heißt es, es handele sich ohnehin nur um Gebeine, die bei der Sanierung des Kapellengrunds 2006/2007 umgelagert worden seien, sie würden nach den aktuellen Arbeiten erneut vergraben. Landesdenkmalchef Winghart ist auch darüber erstaunt. „Es handelt sich um eine Stätte christlicher Begräbnisse, ich denke, dass die Gebeine auf jeden Fall mit einer Zeremonie umgebettet werden müssen.“

Scharfe Kritik kam vom kulturpolitischen Sprecher der CDU-Ratsfraktion. Bei derartig sensiblen Arbeiten müsse die Stadt stärker kontrollieren, sagte Oliver Kiaman. Das Vorgehen sei dem „würdigen Ort“ nicht angemessen sondern ein Beispiel dafür, wie rücksichtslos die Verwaltung mit historischen Zeugnissen umgehe.

Baggerführer haben Anzeigepflicht

Wer bei Grabungsarbeiten ungewöhnliche Bodenfunde macht – seien es Knochen oder auch etwa besondere Scherben oder auffällige Bodenverfärbungen – hat eine sofortige Anzeigepflicht. Wenn der Verdacht besteht, dass die Knochen zu einem Verbrechen gehören, muss die Polizei informiert werden. Bei vermuteten historischen Funden hingegen ist das zuständige Bauamt zu benachrichtigen. Ihm ist in der Regel die Untere Denkmalbehörde angeschlossen. Dass die Mitarbeiter der Firma Strabag sich an diese Vorschrift gehalten haben, ist unbestritten. „Wir haben am Donnerstag die Ämter informiert, die haben uns die weiteren Arbeiten erlaubt“, sagte ein Mitarbeiter gestern gegenüber der HAZ. 

Knochen halten Jahrhunderte: Für das Skelett von Säugetieren und Menschen gibt es quasi kein Verfallsdatum. Ihre Haltbarkeit hängt vor allem davon ab, wie gut sie von Luft abgeschlossen sind. In morastigen Böden etwa, wo Wasser Fundstücke umschließt, könne Knochen durchaus mehr als 1000 Jahre unbeschadet liegen. Eine weitere Rolle für die Haltbarkeit spielt der pH-Wert der Umgebung. Je saurer, desto schneller lösen die calciumhaltigen Knochen sich auf.

So läuft der Umbau

Durch die Zusammenlegung von Straßenspuren in der Goseriede und dem Umbau des ehemaligen Kreisels (roter Kreis) zu einer Kreuzung ist jetzt ein Freiraum entstanden, den die Stadt zur Anlage eines steinernen Platzes rund um die Kapelle nutzt. Ein Radboulevard kommt vom Klagesmarkt Richtung Steintor. Neben der Kapelle soll ein rechteckiger Platz mit alten Grabmalplatten geziert werden. Auf der Fläche zwischen Kapelle und Gräberfeld sind jetzt von Bürgern die Gebeine gefunden worden, die bei groben Grabearbeiten freigelegt und liegenlassen wurden.

In Hildesheim dauerte Bergung sechs Monate

Bauarbeiten auf Friedhöfen beinhalten stets das Risiko, dass alte Knochen gefunden werden. Als in Hildesheim jüngst Kanalisationsrohre auf dem Areal des mittelalterlichen Friedhofs an der Andreaskirche vergraben werden mussten, legten Knochenfunde die Baustelle für rund sechs Monate still. So lange kümmerten sich Fachleute um die Bergung der menschlichen Überreste.

„Etwa 200 Skelette haben wir gefunden, vorsichtig geborgen und für die Umbettung vorbereitet“, sagt Tobias Poremba von der Firma Archaeofirm, die auch die aktuellen archäologischen Grabungen bei Gehrden begleitet. Zum Teil hätten die Knochen verschiedener Leichen nur zentimeterweise übereinander gelegen. „Wir mussten sehr feine Kratzer und Spachtel benutzen, um in dem lehmigen Boden mit den sensiblen Funden zu arbeiten.“ Dabei handelte es sich nur um einen kleinen Bereich – die Grabung für die Rohre war nur etwa 1,50 Meter breit.

In Hildesheim haben sie die Überreste der Verstorbenen aus acht Jahrhunderten später neu bestattet. „Das ist eigentlich das übliche Vorgehen“, hieß es dort am Montag nur dazu.

Lesen Sie zu diesem Thema auch den Kommentar von HAZ-Redakteur Conrad von Meding.

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