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Aus der Stadt Mythen in Tüten
Hannover Aus der Stadt Mythen in Tüten
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07:13 06.09.2013
Von Simon Benne
Im Appel-Gebäude – hier ein Foto von 1966 – haben heute Caritas-Werkstätten ihr Domizil. Quelle: Huttenlocher
Hannover

Auf so einen Slogan muss man erst einmal kommen. Kein Geringerer als der große Heinz Erhardt warb Anfang der Sechziger in TV-Reklamespotts bei seinen „lieben Freunden und Dinnen“ für Mayonnaise in Tüten. Und weil deren Verpackung zum Aufschneiden war, sprach der Komiker im Spott die denkwürdigen Worte: „schnippeldieschnappel - Mayonnaise von Appel“.

In jenen Jahren hing oft ein leichtes Essigaroma über der Nordstadt: Die Firma Feinkost-Appel, die ihren Sitz am Engelbosteler Damm hatte, war einer der großen Traditionsbetriebe der Stadt, ein Unternehmen wie Bahlsen, Pelikan oder Hanomag. Über Jahrzehnte war Appel Deutschlands größter Delikatessenbetrieb, zeitweise arbeiteten 1500 Menschen in dem Werk - und Lebensmittel mit dem einprägsamen Hummer-Logo wurden in mehr als 40 Länder exportiert. Man kann sagen, dass Hannovers Tütenmayonnaise Weltgeltung beanspruchen durfte.

Gegründet hatte das Unternehmen im Jahr 1879 Heinrich Wilhelm Appel. Mit fünf Mitarbeitern zog der Pastorensohn zunächst einen Zuckerhandel auf. Bald stellte er auch eigenen Senf her - und er vertrieb Lebensmittelkonserven. Hannover war eine rasant wachsende Stadt, der Bedarf an haltbaren Lebensmitteln war immens, und Appel brachte mit amerikanischen „Corned Beef“-Konserven und „Russischen Sardinen“ ein wenig Exotik auf die Speisepläne des Reiches. Anno 1903 ließ Appel in Hannover bereits „Tomato-Catsup“ herstellen - die Schreibweise „Ketchup“ setzte sich erst später durch.

Jetzt hat die Urenkelin des Firmengründers die Geschichte des Unternehmens umfassend erforscht: Auf 335 reich illustrierten Seiten beschreibt die langjährige Lehrerin Kristina Huttenlocher in dem Buch „Appel Feinkost - Ein Familienunternehmen im Wandel der Zeit“ (Zu Klampen, 24 Euro) Aufstieg und Niedergang der Firma. Monatelang hat sie in Archiven und Bibliotheken recherchiert: „Nach einem Aufruf in der HAZ meldeten sich außerdem mehr als 100 Zeitzeugen, die alte Firmendokumente oder Fotos hatten“, sagt die 66-Jährige.

Der gut lesbare Band erzählt anhand eines hannoverschen Betriebes viele Geschichten vom Essen und vom Handeln, von der Industrie und vom Vermarkten. So war es in Süddeutschland vor gut 100 Jahren noch ein zähes Geschäft, Seefisch an den Mann zu bringen: Erst das Aufkommen von Konserven und die Vernetzung per Eisenbahn hatten es ja möglich gemacht, dort Appel-Produkte wie „Heringe in Milchner Soße“ überhaupt auf den Markt zu bringen. Doch die Vorbehalte gegen Fisch von der Küste schwanden erst, als im Ersten Weltkrieg auch bayerische Soldaten in der Heeresverpflegung Fischkonserven vorgesetzt bekamen.

Um verderbliche Waren als haltbare Produkte zu vermarkten, setzte Appel auf besondere Qualitätsstandards - und auf ein professionelles Bewerben der eigenen Marke: Die Künstlerin Änne Koken designte vor dem Ersten Weltkrieg Reklameplakate für Mayonnaise oder Filet-Heringe. Für Hausfrauen bot Appel Führungen durch das Werk an; die Produktion sollte transparent sein. Tante-Emma-Läden rüstete der Betrieb mit Holzaufstellern für die Schaufenster aus. Und wenn Karneval war, schaltete Appel in Zeitungen gezielt Anzeigen für Heringskonserven: „Appels Delikatessen lassen Kater vergessen.“

Im Jahr 1923 starb der Firmengründer, sein Sohn Heinz Appel übernahm das Ruder. Er gilt heute als der Mann, der das deutsche Wort „Feinkost“ überhaupt erst erfand, indem er das französische „Delikatessen“ eindeutschte. Und mit der „Majonnäse“, die er industriell fertigte, setzte er nicht nur kulinarisch einen Meilenstein: Bis dahin hatten Hausfrauen Mayonnaise aufwendig selbst herstellen müssen. Appel lieferte jetzt allerlei Pasten in Tuben, die bei der Weltausstellung in Brüssel 1910 sogar mit diversen Goldmedaillen bedacht wurden: Appel-Krebsextrakt, Appel-Senf, Appel-Sardellenpaste. So hatte die Firma ihren Anteil daran, dass sich die Arbeit in deutschen Küchen veränderte.

Appel setzte Maßstäbe: Der 1909 errichtete Fabrikneubau galt als der modernste und hygienischste seiner Zeit. Fische wurden erst vor Ort ausgenommen, die Innereien über Fallrohre entsorgt. Früher als anderswo bekamen „Appelianer“ ein gewisses Maß an Erholungsurlaub, sie durften die hauseigene Badeanstalt und die Leihbibliothek nutzen. Wer bei Appel arbeitete, hatte es schon zu was gebracht.

Buchautorin Huttenlocher klammert auch die NS-Zeit nicht aus: Um Fleischmangel zu kompensieren, brachte Appel - ganz so, wie die Ernährungspropaganda es wollte - im großen Stil Muscheln auf den Tisch („Segen der See“). Im Krieg wurde das Werk zerstört, doch nach dem Wiederaufbau bescherte die Fresswelle dem Feinkosthändler gute Geschäfte - und zufriedene Mitarbeiter: Angestellte durften Spezialitäten wie Krebsschwänze mit nach Hause nehmen, wenn diese leicht beschädigt waren: „Wir lebten wie die Made im Speck“, erinnert sich im Buch die Enkelin eines Angestellten: „Ich war die Einzige in der Klasse, die Oliven kannte.“ So spiegeln sich in der Geschichte einer hannoverschen Firma die Essgewohnheiten der Deutschen - und in den Essgewohnheiten der Deutschen die Geschicke einer ganzen Nation.

Dazu gehört freilich auch der Niedergang des Traditionsbetriebes: In den Siebzigern wurde der Wettbewerb schärfer. Große Kaufhäuser und Supermarktketten setzten auf Eigenmarken und drückten die Preise. Ein Angebot zur Zusammenarbeit mit Aldi lehnte Appel ab. Dazu machten hohe Lohnkosten der Firma zu schaffen. Nach fast 100 Jahren schloss der Betrieb 1975 seine Tore. Heute produziert die Heristo-AG in Cuxhaven wieder Feinkostprodukte unter der Marke Appel - sogar mit dem Hummer-Logo. Doch in den Werksräumen am Engelbosteler Damm betreibt jetzt die Caritas ihre Werkstätten. Selbst bei vielen Anwohnern ist Appel vergessen. Als sich die Urenkelin des Gründers dort umsah und einen jungen Mann nach dem Gebäude fragte, war dieser eher ratlos: „Hier soll mal eine Fischfabrik gewesen sein?“

Feinkost-Appel: Aufstieg und Fall einer hannoverschen Firma

1879: Der 29-jährige Heinrich Wilhelm Appel gründet die Firma im Hof des Hotels Kasten.

1887: Der Betrieb wird an den Engelbosteler Damm verlegt.

1909: Neubau der Fabrik.

1914–18: Während des Krieges verarbeitet Appel auch geräuchertes Walfischfleisch.

1923: Heinz Appel übernimmt den Laden seines Vaters und wandelt ihn in eine AG um.

1939: Im Jahr des 60-jährigen Bestehens hat Appel mehr als 1400 Mitarbeiter und führt gut 1000 Artikel.

1943-45: Die Appel-Gebäude werden bei Luftangriffen weitgehend zerstört.

1949: Die Firma nimmt die Herstellung von Mayonnaise wieder auf.

1953: Appel erweitert das Firmengelände und exportiert Produkte in mehr als 40 Länder.

1957: Heinz Appel gibt den Vorstandsvorsitz an seinen Schwiegersohn Werner Blunck ab.

1959: Erneuter Fabrik- und Verwaltungsneubau am Engelbosteler Damm. Appel unterhält Werke und Beteiligungen unter anderem in Altona und Bremerhaven.

1964: Appel stellt ausländische Arbeitskräfte ein.

1973: Die Familie verkauft die Aktienmehrheit an Südzucker.

1975: Das Werk am Engelbosteler Damm wird geschlossen, die Produktion in Hannover endet.

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