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Aus Hannover wegzugehen: "Der Fehler meines Lebens"

Klaus Töpfer im HAZ-Gespräch Aus Hannover wegzugehen: "Der Fehler meines Lebens"

Im Mai 1987 wurde Klaus Töpfer der erste wirkliche Umweltminister der Bundesrepublik. Ende der Siebzigerjahre war er zwei Jahre lang Institutsleiter an der Leibniz-Universität Hannover. Töpfers Entscheidung, die Stadt zu verlassen, bezeichnet seine Frau als den Fehler seines Lebens.

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Freundlich und zugewandt: Der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer in Hannover.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Ein Hexenschuss hat Klaus Töpfer erwischt. Die Attacke kam hinterhältig nach der morgendlichen Dusche, doch Stunden später zieht er nun trotzdem seinen kleinen Rollkoffer übers Pflaster vorm Alten Rathaus. Der Rücken schmerzt, aber die Einladung nach Hannover absagen? Kam nicht in Frage. „Hinter so was soll man sich nicht verstecken“, sagt er tapfer. In zwei Stunden beginnt sein Vortrag, Zeit also, ein paar Runden zu drehen, ein paar Schritte tun gut. Am Standesamt ist gerade schwer was los. Luftballons, Flitter, und vor dem schweren Tor warten etliche Kinder auf das Brautpaar. Heiratet da eine Kindergärtnerin? Töpfer geht hin, er will seine Frage gleich beantwortet haben. Und ja, so ist es, sagt eine junge Frau. Er ist zufrieden, „na, das wollte ich doch wissen“.

Ein paar Minuten mit dem früheren Bundesumweltminister, und man ist mittendrin im Gespräch. Klaus Töpfer, 78, ist ein freundlicher, zugewandter Mensch, keiner, der die Welt um sich herum vergisst vor lauter Selbstbezogenheit. Mit Hannover verbindet ihn einiges. Ende der Siebzigerjahre leitete er an der Leibniz-Universität das Institut für Raumforschung und Landesplanung, ehe es zwei Jahre später zurück nach Mainz ging. „Meine Frau sagt, es sei der Fehler meines Lebens gewesen, aus Hannover wegzugehen.“ Gerade war ein Kind in der Schule, ein Baby wurde geboren, und nun sollte es wieder woanders hingehen, statt sich niederzulassen. Später verlieh ihm die Universität die Ehrendoktorwürde. Seine Tochter lebt und arbeitet in Hannover.

Im Mai 1987 wurde Klaus Töpfer der erste wirkliche Umweltminister der Bundesrepublik. Mit Hannover verbindet ihn einiges, wie er HAZ-Redakteur Gunner Menkens im Gespräch erzählt.

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Ortswechsel blieben Teil seines Lebens, doch das Thema seines Lebens fand der gebürtige Schlesier in Bonn. Vor 30 Jahren, im Mai 1987, wurde Töpfer der erste wirkliche Bundesumweltminister. Kanzler Kohl holte den Christdemokraten ins Amt, dessen Gründung eine Reaktion war auf den explodierten Atomreaktor in Tschernobyl. Umweltthemen hatten schon länger Konjunktur. Die Grünen saßen in Parlamenten, Zehntausende protestierten gegen Atomkraftwerke, die ARD sendete Nachdenk-Spots („Die Natur braucht uns nicht. Aber wir brauchen die Natur.“) Und Töpfer nahm seine Aufgabe ernst. Bald forderte er „eine Zukunft ohne Kernenergie, aber auch mit immer weniger fossilen Brennstoffen“. Aber die Zeit war nicht reif für solche Szenarien. Wer so dachte, galt als entrückter Exot, auch in der CDU. Töpfer erreichte andere Dinge im Amt, im Kopf blieb jedoch sein Sprung in den Rhein, mit Schwimmflossen und Neoprenanzug. Eine Wette, beteuert er heute. Damals hieß es, Töpfer mache Werbung für den angeblich guten Zustand des Flusses.

Von solcher Symbolik ist Klaus Töpfer inzwischen weit entfernt. Er war als Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen acht Jahre lang in Nairobi, lange Jahre Direktor des Instituts für Klimawandel und Nachhaltigkeit. Man könnte etliches aufzählen. Aktuell gehört er dem „nationalen Begleitgremium“ an, das bei der Suche nach einem atomaren Endlager helfen soll. Töpfer hat sich einen Ruf erworben, der ihn regelmäßig ins Gespräch bringt, wenn etwa ein neuer Bundespräsident gesucht wird.

Aber ist es nicht irgendwann genug mit der Arbeit? Töpfer dreht die Frage um. „Ich bin ja keiner, der ein Schild ins Fenster stellt mit der Aufschrift, Töpfer sucht Arbeit.“ Die Leute fragen eben. Wer seine Veranstaltung zu Themen wie Umwelt und Klima hochkarätig besetzen will, für den ist Töpfer erste Wahl. Nein zu sagen allerdings falle ihm schwer. „Das ist vielleicht auch die Eitelkeit des Alters. Vielleicht lehnt man irgend etwas ab, und wird dann nie wieder gefragt.“ So aber, sagt er, sind die vielen Vorträge, Veranstaltungen, Interviews und Gremien, in denen er mitarbeitet, „meine Verbundenheit zur Realität, eigentlich meine Lebensversicherung“. Der stoffliche Beweis eines solchen Lebens ohne Rast ist sein Verbrauch an Rollkoffern. Alle zwei Jahre braucht er einen neuen, der Griff geht meist zuerst kaputt.

Im Alten Rathaus soll Töpfer für die Klimaschutzagentur der Region Hannover etwas über Sektorenkopplung erzählen. Ein fürchterliches Wort, er weiß es selbst. Verkürzt gesagt wird Töpfer empfehlen, erneuerbare Energien weiter auszubauen, um sie auch bei Wärmeproduktion und im Verkehr nutzen zu können. Und was sagt er Leuten wie Donald Trump, die glauben, der von Menschen verursachte Klimawandel sei eine Erfindung der Chinesen? Töpfer sagt: „Wenn ich glaube, gehe ich in die Kirche. Es ist immer besser, ökonomisch zu argumentieren, dann kommt man vom Glauben ab.“ Also: Es sei sinnvoll, für neun Milliarden Menschen auf dem Planeten eine wirtschaftliche Klimatechnik zu entwickeln. Atomkraft sei zu teuer, Wind und Sonne zum Beispiel aber kostengünstig und auf Dauer verfügbar. Eine Zukunft also ohne Kernenergie und mit immer weniger fossilen Brennstoffen. Es ist seine Forderung von 1988.

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