Volltextsuche über das Angebot:

28°/ 12° Gewitter

Navigation:
Alles im grünen Bereich

„Life Science Lab“ Alles im grünen Bereich

Neuer Name, weniger Gentechnik: Aus „HannoverGEN“ wird „Life Science Lab“ – und Schüler dürfen wieder experimentieren.

Voriger Artikel
Wasserstadt-Pläne spalten Rot-Grün
Nächster Artikel
Müllfahnder reagieren nicht auf Hinweise

Endlich wieder Leben im Labor: An der Wilhelm-Raabe-Schule untersuchen Lehrerin Marietta Vollmer-Schöneberg und Schüler jetzt Gene von Brokkoli und Rosenkohl.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Der Sonnenschein draußen lockt die Schüler kein bisschen. Lieber hantieren sie im Labor der Wilhelm-Raabe-Schule eifrig mit Pipetten und Reagenzgläsern. In weißen Kitteln und mit blauen Handschuhen ausgestattet gehen die Jugendlichen auf die Suche nach einzelnen Bausteinen des Erbgutträgers DNA wie Zucker und Phosphat. „Dass wir hier praktisch arbeiten, vertieft das Wissen aus dem Schulbuch total“, sagt die 17-jährige Margarita Kutschmann.

Dennoch stand das biotechnologische Labor in diesem Schuljahr bisher oft leer. Lehrer und Schüler anderer Schulen können sich bisher nicht, wie vorher üblich, für einen Labortag anmelden. Nun wird der Unterricht auch für Gäste wohl bald wieder anlaufen. Landespolitik, Stadt und das Kultusministerium haben offenbar zu einem Kompromiss gefunden und nach fast einem Jahr der Unsicherheit ein Nachfolgemodell für das, begleitet von heftigem Streit, eingestellte Projekt „HannoverGEN“ gestartet. Unter dem neuen Namen „Life Science Lab Hannover“ sollen Schüler wieder an naturwissenschaftliche Themen herangeführt werden. „Viele Kollegen aus anderen Schulen fragen uns, wann es weitergeht. Wir warten noch auf den Startschuss, damit wir sie anschreiben können“, sagt Biologielehrerin Elke Köhling von der ebenfalls beteiligten Helene-Lange-Schule.

Die Leitung des Projekts liegt fortan organisatorisch beim städtischen Schulbiologiezentrum; die finanzielle Förderung kommt vom Land, das befristet für 18 Monate gut 170 000 Euro aus EU-Töpfen zur Verfügung stellt. Mit der Neukonzeption ist die Zukunft der Schul­labore zunächst gesichert, die an vier Schulen in Stadt und Umland für den praxisnahen Unterricht eingerichtet worden waren.

Dem vom Institut für Pflanzengenetik der Leibniz Universität geleiteten Projekt „HannoverGEN“ hatten Kritiker eine zu starke Nähe zur Gentechnik vorgeworfen. Die Projektverantwortlichen und auch die teilnehmenden Schulen hatten dies stets bestritten. Dennoch war im rot-grünen Koalitionsvertrag auf Initiative der Grünen das Aus für das Projekt beschlossen worden - zum Ende des vergangenen Schuljahres wurde es eingestellt. Ministerpräsident Stephan Weil hatte jedoch zugesichert, dass es einen Nachfolger für „HannoverGEN“ geben werde. Die Kritiker störten sich vor allem an einer Verbindung des „HannoverGEN“-Projekts zu Gentechnik in der Landwirtschaft und Agrarkonzernen mit Interesse an genveränderten Pflanzen. Tatsächlich waren diese in kleinerem Umfang an der Anfangsfinanzierung beteiligt.

Diese „grüne Gentechnik“ soll - so die Maßgabe der Politik - künftig außen vor bleiben. Die wissenschaftliche Leitung und Überarbeitung der Versuche liegt jetzt bei einer Lehrerin der Helene-Lange-Schule, selbst promovierte Biologin. Birgit Krausse-Opatz ist dafür mit rund 15 Zeitstunden pro Woche freigestellt. Ihre Vorgängerin vom Institut für Pflanzengenetik konnte sich auf einer vollen Arbeitsstelle dem Projekt widmen. Unterstützt wird Krausse-Opatz von einer medizinisch-technischen Assistentin, die auch die Versuche der Schüler vorbereitet, und dem Arbeitskreis der Lehrer an den vier Projektschulen. Die Lehrer, die bisher schon bei „HannoverGEN“ mitgearbeitet haben, werden zeitlich freigestellt, um an einem Tag pro Woche die Gastgruppen aus anderen Schulen zu betreuen.

Birgit Krausse-Opatz und ihre Mitstreiter überarbeiten nun Versuchsabläufe und Skripte für die Labortage. Für das Thema „DNA entdecken“ dienen jetzt, auch aus praktischen Gründen, Bohnen oder andere Hülsenfrüchte als Ausgangsmaterial. Pflanzen, die es auch in genveränderter Form gibt, sollen in den Arbeitsblättern nicht mehr auftauchen. „Dabei haben wir nie gentechnisch veränderte Pflanzen untersucht. Das dürfen wir gar nicht“, sagt Krausse-Opatz. Dafür konnten die Schüler mehrfach Spuren von gentechnisch verändertem Mais in Chips aus den USA nachweisen - und fanden das besonders spannend.

Zum Thementag „Evolution“ werden die Schüler nun die DNA verschiedener Kohlsorten vergleichen. „Wir nehmen, was wir im Gemüseregal finden, und die Schüler können dann die Verwandtschaftsbeziehungen von Brokkoli, Blumen- oder Rosenkohl nachvollziehen“, sagt Krausse-Opatz. Ein dritter Thementag wird sich mit dem Elisa-Testverfahren beschäftigen, das zum Beispiel beim Nachweis von Schwangerschaft oder HIV zum Einsatz kommt. Die Laborarbeit bleibt dann aber rein modellhaft: Die Schüler spielen den Versuch als Trockenübung durch, denn mit Blut und anderen Körperflüssigkeiten darf im Schullabor nicht hantiert werden.

Auch wenn die Labore weiterlaufen, beim Gedanken an die zurückliegende Debatte fühlen die Lehrer sich weiter in ihrer Berufsehre gekränkt. „Diese Unterstellungen fand ich fürchterlich. Niemand hat die Schüler beeinflusst“, sagt Krausse-Opatz. Sie sieht nun auch praktische Probleme, denn Gentechnik in der Landwirtschaft und ihre ethische Bewertung gehört weiter zum Lehrplan. Lehrer anderer Schulen fragen das Thema weiter an, wenn sie sich nach Labortagen erkundigen. „Die Schüler müssen doch wissen, was da passiert. Wir bringen Schülern ja auch andere Dinge bei, ohne dass wir sie indoktrinieren“, sagt Marietta Vollmer-Schöneberg, Biologielehrerin und Konrektorin der Wilhelm-Raabe-Schule. Wie sie damit umgehen, wissen die Laborlehrer noch nicht. Das Spektrum der praxisnahen Experimente soll um Themen wie Zellbiologie, Arzneimittelherstellung, Immunologie oder Forensik erweitert werden, sagt Regine Leo, Leiterin des Schulbiologiezentrums.

Die Elftklässler der Wilhelm-Raabe-Schule, die jetzt im Labor experimentiert haben, sind jedenfalls froh, dass das wieder möglich ist. „Es ist gut, mal auszuprobieren, wie Biologen arbeiten. Das hilft bei der Berufsentscheidung“, sagt Alec Beutter. Seine Mitschülerin Marva Pirweyssian betont, der anschauliche Umgang mit genetisch verändertem Material wecke Interesse an der Sache, auch wenn sie selbst später andere Ziele hat. „Ich habe das Gefühl, die Gegner der Labore wussten nicht, wie wir hier arbeiten und was uns nahegebracht wird.“

Von Juliane Kaune und Bärbel Hilbig

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Schulpolitik

Schüler und Lehrer kämpfen weiter für das Schulprojekt „HannoverGEN“, das die Landesregierung nicht weiter finanzieren will.

  • Kommentare
mehr
Mehr Aus der Stadt

US-Präsident Barack Obama hat am 24. und 25. April 2016 die Landeshauptstadt besucht, um die Hannover Messe gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zu eröffnen. Es war das erste Mal, dass ein Präsident der USA die Stadt besuchte. Außer der Eröffnung stand ein Besuch in den Herrenhäuser Gärten auf dem Programm. mehr

So stylt sich Hannover

Wie stylisch kleiden sich die Hannoveraner? Die Modebloggerinnen von GGSisters schauen sich jede Woche für die HAZ in der City und auf Events in der Stadt um.

Sie wollen auch einen kleinen Beitrag leisten, um Flüchtlingen in der Region zu helfen? Dann sind Sie hier genau richtig. Das HAZ-Portal "Hannover hilft" bringt freiwillige Helfer aus der Bevölkerung und die professionellen Hilfsorganisationen zusammen – damit die Hilfe dort ankommt, wo sie benötigt wird. mehr

Anzeige
Kindermusikfest beim NDR

Ausprobieren war ausdrücklich erwünscht beim Kindermusikfest des NDR im Landesfunkhaus am Maschsee. "Discover Music!" lautete dementsprechend der Titel: Es ist eine dreistündige Entdeckungsreise durch die Welt der Musik und der Instrumente.