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Ein Tag mit einem Azubi in der MHH

Ausbildung zum Krankenpfleger Ein Tag mit einem Azubi in der MHH

Viel Arbeit, wenig Zeit, konfrontiert mit Krankheit und Tod – es gibt wahrlich gemütlichere Berufe als den des Krankenpflegers. Steffen Hornhof lernt ihn trotzdem. Ein Besuch auf Station 78 der Medizinischen Hochschule Hannover. 

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Steffen Hornof (rechts) wird zum Krankenpfleger ausgebildet. Rifki Sassi (links) betreut ihn.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Manchmal würde Steffen Hornof gerne in seine Patienten hineinschauen: „Um zu sehen, wie es ihnen wirklich geht.“ Es der erste Tag des Pflegeschülers auf Station 78 der Medizinischen Hochschule Hannover. Hier, in der zweiten Hochhausetage, liegen hinter 14 weihnachtlich geschmückten Zimmertüren Patienten mit Infektionskrankheiten wie Tuberkulose oder HIV. Dass Menschen sterben, gehört zum Alltag.

Den 41-jährigen Dennis* hat Hornof gerade kennengelernt. Ausgemergelt, mit einem dünnen Nachthemd bekleidet, liegt er in Zimmer 1. Das Sauerstoffgerät an seiner Nase sprudelt laut, aus einem Infusionsbeutel tropft eine klare Flüssigkeit. Es ist nur wenige Wochen her, da bekam der Ostfriese die Diagnose HIV. Es ist ein schwerer Job, den Steffen Hornof da lernt.

Gemeinsame Patientenbesuche

Ob die Kissen schon frisch bezogen wurden, fragt Krankenpfleger Rifki Sassi, der Schüler Hornof auf der Station als Praxisanleiter zur Verfügung steht und heute wie ein helfender Schatten nicht von seiner Seite weicht. In den ersten Tagen absolvieren die beiden Pfleger die Patientenbesuche gemeinsam. Auch später wird der erfahrene Sassi ständiger Ansprechpartner und Berater des 23-Jährigen sein.

Mit vier Händen sind die Kissen schnell geschüttelt, dann ist das Bett wieder bezogen. Jetzt geht es ans Waschen und Zähneputzen: „Nach einer kurzen Zeit macht es einem nichts mehr aus, völlig Fremden die Zähne zu putzen“, erzählt Hornof, der seit April 2014 an der Pflegeschule lernt. Beim Wechseln des Verbandes schaut er Sassi dann doch lieber aufmerksam über die Schulter, während dieser routiniert Mullbinden faltet. Ein kurzes aufmunterndes Wort, und dann ist Dennis wieder allein mit dem dudelnden Fernseher.

„Sterben wird Dennis nicht“

Mittlerweile ist es 10.30 Uhr. „Sterben wird Dennis nicht“, versichert der Praxisanleiter bei einer kurzen Kaffeepause im Aufenthaltsraum. Die Lage sei aber ernst. Gerne würde er seinem Schüler eine Einführung über die Symptome und Behandlung des gefährlichen Virus geben. Doch die Patientenklingel piepst. Es geht weiter. In Zimmer 8 gibt es ein Problem mit der Infusion.

An den Schichtbetrieb hat sich Hornof schon gewöhnt. Um 6 Uhr stülpt er sich die blaue Arbeitskleidung und die grünen Gummischuhe über, wenig später klopft er an die erste Zimmertür. Im Akkord werden die Patienten geweckt, Verbände gewechselt und Infusionen gelegt. „Bei 20 Patienten und drei Pflegern auf der Station kann es auch mal stressig werden“, erzählt Sassi. Doch auch nach 19 Jahren hält er eisern an seinem Grundsatz fest: „Das Menschliche darf nicht untergehen.“

So sieht der berufliche Alltag eines Krankenpflegers aus: Wir haben Ausbilder Rifki Sassi und seinen Schüler Steffen Hornof auf Station 78 der MHH begleitet. 

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Und so wird gescherzt, während Schüler Hornof mit nervös zitternden Fingern ein eckiges Pflaster auf Werner Wielands* Bauch platziert. „Solange keine Schnabeltasse fliegt, hast du alles richtig gemacht“, sagt der Patient, den eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse seit fünf Monaten an das Bett fesselt. Ziept es irgendwo?

Lagebesprechung am Mittag

Es ist 12 Uhr. Während auf den Metallwagen im Flur das Mittagessen dampft, ziehen sich die beiden Pfleger zur Lagebesprechung zurück. Praxisanleiter Sassi lobt und weist auf kleine Fehler hin. „So viel Zeit wie heute habe ich selten für meine Patienten“, gibt Hornof zu. Am ersten Tag auf einer neuen Station gehe alles einen langsameren Gang. Doch er kennt die Realität, gegen die gerade unweit der Station mehr als 100 MHH-Mitarbeiter protestieren: den Druck, unter dem selbst für die Grundpflege wie Waschen oder Hilfe beim Essen manchmal die Zeit fehlt. Und trotzdem gibt es für Hornof gerade keinen schöneren Beruf. Er kann beredt erzählen über die Vielfalt seiner Arbeit. Steffen Hornof ist jung, und er ist von seinem Beruf begeistert.

Sicher, für ein nettes Wort zwischendurch würde er oft gerne länger am Patientenbett stehen bleiben. Doch im Zimmer nebenan wartet der nächste Verband, der gewechselt werden muss.

Von Linda Tonn

*Name geändert     

Pflegeausbildung an der MHH

3 Jahre ... dauert die Pflegeausbildung.
34 Männer ... lassen sich derzeit an der MHH zum Pfleger ausbilden.
85 Prozent ... aller Krankenpfleger in Deutschland sind weiblich.
13.924 Krankenpfleger ... arbeiten derzeit in Hannover und der Region.
9,40 Euro brutto ... beträgt der Mindestlohn für Pflegeberufe.
7,5 Tage ... bleibt ein Patient im Schnitt im Krankenhaus.     

Interview: „Anzahl qualifizierter Pfleger nicht herabsetzen“

Nachgefragt bei Kerstin Bugow, Leiterin der MHH-Pflegeschule:

Frau Bugow, was muss ein guter Pflegeschüler mitbringen?
Freude an der Arbeit im Team und mit anderen Berufsgruppen, Organisationstalent und die Fähigkeit, psychisch belastende Situationen als positive Herausforderung anzunehmen.

Was sind das für Situationen?
Strukturelle Gegebenheiten wie Personalknappheit oder die kurze Verweildauer der Patienten. Aber auch der Umgang mit unheilbaren Krankheiten, Sterben und Tod. Diese Themen werden in der Ausbildung thematisiert, und wir helfen den Schülern, einen guten Umgang damit zu finden.

Wie alt sind die Schüler?
Bei uns an der MHH liegt die Altersspanne zwischen 17 und 52 Jahren. Die Hälfte unserer Schüler hat Abitur. Dazu kommen Quereinsteiger, die sich nach einem Studienabbruch oder dem Bundesfreiwilligendienst für den Pflegebereich entscheiden.

Macht Ihnen die aktuelle Lage der Krankenpflege Kopfzerbrechen?
Ja und nein. Die Arbeitsdichte hat zwar deutlich zugenommen, Pflegende leisten viel, übernehmen aber auch eine hohe Verantwortung und erledigen ihre Aufgaben professionell. Um Pflege auf diesem hohen Niveau zu halten, darf die Anzahl der qualifizierten Pflegekräfte nicht noch weiter herabgesetzt werden.

Warum ist der Beruf des Krankenpflegers trotz allem attraktiv?
Es ist ein sehr anspruchsvoller und abwechslungsreicher Beruf, nah am Menschen und mit vielen Entwicklungsmöglichkeiten.

Interview: Linda Tonn     

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