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„Nur starke Städte sind schöne Städte“

BDA-Treffen in Hannover „Nur starke Städte sind schöne Städte“

Erzählen unsere gebauten Städte heute noch Geschichten? Oder entsteht allerorten eine Architektur des Zweckhaften, eine phantasieloser Einheitsbrei der gebauten Umwelt? 400 Mitglieder des Berufsverbands Bunds Deutscher Architekten (BDA) haben am Wochenende ihre Jahrestagung in Hannover unter diese Frage gestellt.

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Stadtbaurat Uwe Bodemann spricht zu den Architekten.

Quelle: von Ditfurth

Hannover. Und auch wenn Bundes-Staatssekretär Gunther Adler eingangs prophezeite: „Ich vermute, dass Sie nicht mit komplett fertigen Antworten nach Hause reisen werden“, so gab es doch ein Bündel Ideen dafür, was Städte aktiv tun können, damit sie für die Bürger attraktiv und lebenswert bleiben – oder wieder werden.

Hannover war nicht grundlos als Tagungsort für diese Fragestellung gewählt worden. Denn auch, wenn der Charme des Stadtbilds im bundesweiten Vergleich als fragwürdig gilt – Stadtbaurat Uwe Bodemann sprach von einem „eher nüchternen“ Image der nach dem Krieg neu aufgebauten Stadt –, so gilt die Art von Hannovers Stadtbaudiskurs durchaus als Vorbild. Der Stadtdialog City 2020, in dem bis zu 800 interessierte Bürger zwei Jahre lang über die Entwicklung der Innenstadt debattiert hatten, war vom Bundesbauministerium als herausragendes Beispiel von Diskussionskultur gewürdigt und anderen Städten empfohlen worden. Bürgermeister Thomas Hermann, Architekt Kai Koch und Baurat Bodemann berichteten den zugereisten Gästen, wie sich der Anspruch der Stadtplanung von der Zeit des Hofbaumeisters Laves über (ein absolutistischer Herrscher bestimmt) über die Nachkriegsära (ein knorriger Stadtbaurat wie Rudolf Hillebrecht bestimmt mit seiner Verwaltung) bis heute (Politik, Verwaltung, Investoren und interessierte Bürger ringen um Lösungen) gewandelt habe. Wobei konkrete Konfliktfelder wie der aktuelle Anwohnerstreit um das neue Wohngebiet in der Wasserstadt Limmer, der schwelende Konflikt um die Bebauung von Innenstadt-Plätzen oder der heftige Konflikt um die Ansiedlung des Netrada-Logistikzentrums in Bemerode kaum gestreift wurden.

„Von welchen Träumen reden wir denn?“

Ulms Baubürgermeister Alexander Wetzig goss denn auch Wasser in den Wein. Er habe der Lokalpresse entnommen, dass in Hannover durchaus Konflikte um den Erweiterungsbau des Sprengel Museums schwelten, stichelte er: Offenbar gebe es doch „Vermittlungs- und Diskursprobleme“ bei der Architektur. Und Saarbrückens Stadtbaurätin Rena Wandel-Hoefer analysierte präzise, dass der „Traum von einer als schön empfundenen Stadt“, dessen Verwirklichung ja das Ziel der Aktivitäten sein müsse, durchaus auf verschiedenen Interessen beruhen könne. „Von welchen Träumen reden wir denn?“, fragte sie provokativ: „Von den Träumen der Investoren nach Rendite? Von denen der Planer nach reiner Architektur? Von denen der Bewohner eines Quartiers, das um Neubauten erweitert werden soll? Oder von den Träumen der Stadttouristen, die ihren Latte Macchiato vor den Fassaden bürgerlicher Prachtvergangenheit schlürfen wollen?“ Zwischen all diesen Ansprüchen einen vernünftigen Ausgleich zu erzielen, das sei die Aufgabe einer modernen Stadtentwicklungspolitik.

Eigentlich, sagte Ulms Bürgermeister Wetzig, seien heutzutage immer alle beleidigt in der Stadtentwicklungspolitik. Die Bürger, weil sie nicht zufrieden mit dem Ergebnis seien. Die Kommunalpolitiker, weil sie sich missverstanden fühlen. Und die Architekten und Stadtplaner, weil ihr Einfluss schwindet, je mehr Investoren und Bürger mitreden. Vor allem die Experten aber, also die Planer in Architekturbüros und Verwaltungen, müssten mehr Dialogbereitschaft zeigen. „Bürgerbeteiligung heißt nicht mehr wie früher, Pläne im Nachhinein zu erläutern, sondern die Bürger schon einzubinden, bevor die Pläne entstehen. Davon sind wir alle noch weit entfernt.“ Nötig sei eine völlig neue Planungs- und Dialogkultur. Allerdings müssten Bürger sich, wenn sie aktiv mitgestalten wollen, auch „weniger als Bourgeois denn vielmehr als Citoyen“ begreifen, also weniger als am Bedenkenträger gegen Veränderungen vor der Haustür denn als Teile der Stadtgesellschaft, die für die Gesamtstadt denkt.

Bürgerdialog startet am 29. September

Wie soll sich Hannover bis 2030 entwickeln? In zwei Wochen beginnt in Hannover der neue Bürgerdialog mit der Auftaktveranstaltung im Schauspielhaus. Am Montag, 29. September, stellt die Verwaltung ab 17 Uhr an Ständen vor, was sie für die zentralen Themen des Dialogs hält. Ab 19 Uhr beginnt dann eine Diskussion mit mehreren Referenten. Der Saal fasst 630 Besucher, falls mehr kommen, helfen Leinwände im Foyer aus. Beim zweiten Termin am 20. Oktober geht es darum, was die Zukunftstrends für Städte wie Hannover bedeuten. Klimaforscher, Mobilitätsexperten, Bildungswissenschaftler diskutieren. Am 21. November schließlich bietet die Stadt von 17 bis 22 Uhr eine Busrundreise für Interessierte zu neuralgischen Punkten von Hannovers Stadtentwicklung. Weitere Veranstaltungen folgen im neuen Jahr, zunehmend wird dann auch in kleineren Gruppen gearbeitet. Der Stadtspitze um Oberbürgermeister Stefan Schostok geht es nach eigener Auskunft darum, die Leitlinien für die Entwicklung der wachsenden Stadt mit den Bürgern zu diskutieren.

Bleibt das Problem mit den Renditeinteressen der Investoren. Andreas Mattner vom Handelskonzern ECE, der in vielen Städten Shoppingcenter wie die Ernst-August-Galerie baut und betreibt, hatte eingangs beklagt, dass die Städte Investoren immer neue Aufgaben aufbürdeten. Es gebe regelrechte „wünsch-Dir-was-Listen“der Kommunen: Die Investoren müssten inzwischen das Bauplanverfahren, Architektenwettbewerbe, Bürgerbeteiligung, Stadtteilparks und zusätzliche Parkplätze, mitfinanzieren – diese Zusatzwünsche machten rund ein Sechstel de Baukosten aus. Für seine Klage erntete er harsche Kritik. „Es wäre gut,wenn Investoren begriffen, dass Bürgerbeteiligungen und Architektenwettbewerbe ihre Bauwerke aufwerten“, sagte Ulms Bürgermeister Wetzig. Und Hannovers Bürgermeister Hermann erinnerte, dass der Rat ECE in Hannover zu energetischen Sondermaßnahmen gezwungen hat: „Die sparen Ihnen immerhin jetzt 35 Prozent Energiekosten.“

In Mainz, berichtete ein Teilnehmer, tue die Stadt sich aktuell schwer, einem großen Investor bei seiner Bauplanung etwas entgegenzusetzen: „Der diktiert dem Rathaus quasi die Stadtentwicklung.“ Die anwesenden Stadtbauräte waren sich einig: Stadtentwicklung und Baukultur können nur dann gut sein, wenn eine starke Bürgerschaft hinter dem Rathaus steht. „Die Politik muss die Regeln setzen und entscheiden“, sagte BDA-Geschäftsführer Thomas Welter: „Die Partizipation der verschiedenen Interessengruppen wird aber eine immer größere Rolle spielen.“

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