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Aus der Stadt Gutachter: Mutter ist voll schuldfähig
Hannover Aus der Stadt Gutachter: Mutter ist voll schuldfähig
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00:15 26.02.2017
Von Michael Zgoll
Angeklagte Laura S. mit ihren Verteidigern Pascal Ackermann und Matthias Waldraff. Quelle: Kutter
Hannover

Das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen wird mit Spannung erwartet im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Hannover. Die Kernfrage, die Tobias Bellin beantworten soll, lautet: Ist Laura S. schuldfähig? Inwieweit ist die 22-Jährige aus ärztlicher Sicht dafür verantwortlich, dass sie ihre neugeborene Tochter unmittelbar nach der Geburt in einen Badvorleger wickelte und in einen Koffer packte, der mit allerlei Utensilien gefüllt war – und den Knochen eines Anfang 2015 verstorbenen Säuglings? Das Urteil von Bellin fällt eindeutig aus: Laura S. ist im juristischen Sinne voll schuldfähig. Doch wirklich erklären kann der Experte die schreckliche Tat auch nicht.

Die junge Mutter steht wegen versuchten Totschlags, Aussetzung eines Kindes und Verletzung der Fürsorgepflicht vor Gericht. Eine Verurteilung würde sie viele Jahre ins Gefängnis bringen – oder ist sie doch eher ein Fall für die Psychiatrie? Gutachter Bellin erklärt, was bei Laura S. alles nicht vorliegt: ein hirnorganischer Schaden, eine Intelligenzminderung und eine psychische Erkrankung, auch eine bipolare Störung, eine Wochenbettdepression oder eine Suchterkrankung sei nicht zu erkennen. Nur das Bindungsverhalten der Angeklagten sei „etwas auffällig“, sagt der Psychiater. In all ihren Beziehungen zu Männern habe die junge Frau sehr defensiv agiert, immer schnell eingelenkt und ihre Wünsche kaum einmal artikuliert: „Sie kann keine Konflikte austragen.“ So sollte ihr Freund den Säugling nicht sehen, aber weggeben mochte sie ihn auch nicht.

Laura S. steht wegen versuchten Totschlags vor Gericht, weil sie laut Staatsanwaltschaft den Tod des Babys billigend in Kauf nahm. Ihr Freund hatte Ende September in der Abstellkammer der gemeinsamen Wohnung den Koffer entdeckt. Darin befanden sich ein wenige Tage altes lebendes Mädchen und eine skelettierte Babyleiche. 

Möglicherweise gebe es einen Zusammenhang mit der frühen Trennung ihrer Eltern und den mehrfachen schweren Erkrankungen ihrer Mutter, die starke Verlustängste verursacht hätten, sagt Bellin. Andersherum heißt das aber auch: Laura S. war imstande, das Unrecht ihrer Tat einzusehen, sie hätte Optionen gehabt, anders zu handeln als ihr Kind in einem Koffer verwahrlosen zu lassen.

„Das Kind roch ganz fürchterlich“

Am zweiten Verhandlungstag sagen auch weitere Ärzte aus, äußern sich zum Zustand des Neugeborenen, nachdem dieses am 29. September 2016 vom erst 19 Jahre alten, offenkundig ahnungslosen Vater in einer Vahrenwalder Wohnung gefunden worden war. „Das Kind roch bei der Einlieferung ganz fürchterlich“, sagt Professorin Bettina Bohnhorst aus der Kinderklinik der MHH. Tagelang hatte das Baby neben seiner verwesenden Plazenta gelegen, mit Fäkalien verschmiert. „Sein Zustand war aber nicht akut lebensbedrohlich“, erklärt Professor Constantin von Kaisenberg von der MHH-Frauenklinik, auch wenn das Kind ein Flüssigkeitsdefizit aufgewiesen habe. Das Neugeborene wog bei der Aufnahme in der Klinik 2620 Gramm und war 49 Zentimeter groß.

Wie Bettina Bohnhorst erläutert, können Säuglinge nach ihrer Geburt zwei bis drei Tage ohne Nahrung und Flüssigkeit überleben. Ob das Koffer-Kind ab dem dritten Tag gestillt wurde, wie von der Mutter behauptet, ließe sich aber nicht mehr feststellen. Die Ärztin registrierte am Körper nur Kindspech, keinen Übergangsstuhl. Die Schürfwunden an mehreren Stellen der Haut stammten wahrscheinlich vom Koffer, eine Schramme am Kopf möglicherweise vom Reißverschluss.

Dass bei der Einlieferung des Säuglings keine akute Lebensgefahr bestand, bestätigt auch Detlef Günther, Rechtsmediziner der MHH. Allerdings weist er darauf hin, dass es durchaus Faktoren gab, die das Leben des Mädchens bedrohten. So hätten die im Koffer gefundenen, durchnässten Tücher über die Wunden am Körper zu einer Blutvergiftung und einem Organversagen führen können. Tatsächlich diagnostizierten die Ärzte eine Infektion des Kindes, die sie mit drei Sorten Antibiotika behandelten. Die Körperkerntemperatur des Säuglings lag bei 35,5 Grad, so der Rechtsmediziner, eine „relevant erniedrigte Temperatur“.

Wie Günther ergänzt, hätte das Neugeborene auch ersticken können: aufgrund der räumlichen Enge im Koffer und eines Verschlusses der Atemwege, aufgrund mangelhafter Sauerstoffzufuhr oder durch einen Blutstau im Kopf, sollte das Mädchen – wie noch nicht endgültig geklärt – tatsächlich kopfüber im Koffer gehangen haben. Wie lange das Kind dort noch hätte überleben können, so der Sachverständige, sei nicht seriös zu beantworten. Fest stehe nur, dass das Mädchen nach dem Klinikaufenthalt ohne bleibende körperliche Schäden entlassen wurde.

War der Koffer die ganze Zeit in der Wohnung?

Eine Frage wird in der Verhandlung ebenfalls gestreift: War der Koffer tatsächlich vom Tag der Geburt am 26. bis zum Tag der Entdeckung am 29. September in der Wohnung deponiert? Der Vater, der zu dieser Zeit viel daheim war, hatte versichert, nichts von dem Kind in der Wohnung mitbekommen zu haben – bis eben zum 29. September. „Dass ein Neugeborenes über Tage keinen Laut von sich gibt, kein Wimmern und kein Schreien, kann ich mir nicht vorstellen“, kommentiert das der Sachverständige Günther. Aus diesem Grunde nahm die Polizei das renommierte hannoversche Hotel, in dem Laura S. seit dem 1. August 2016 eine Ausbildung absolvierte, denn auch genau unter die Lupe. Doch fanden die Beamten keinen Raum, in dem die Mutter den Koffer mit Kind eventuell abgestellt hatte.

Befragt wird diesen Tag auch der direkte Vorgesetzte von Laura S. Ob denn niemand etwas von ihrer Schwangerschaft mitbekommen habe, will der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch wissen. Die Kollegen hätten schon spekuliert, ob die Auszubildende wegen ihres dicken Bauchs schwanger sei, antwortet der Hotelmitarbeiter. Allerdings habe man der jungen Frau geglaubt, dass sie früher stark übergewichtig gewesen sei und deshalb schnell zu- und abnehme. Laura S. habe sich zudem nicht so verhalten, wie es verantwortungsbewusste Mütter gewöhnlich tun: Sie rauchte kräftig, prahlte mit ihrem Marihuana-Konsum und schleppte bei Bedarf auch schwere Kisten. „Insgesamt  waren wir aber sehr zufrieden mit ihr“, sagt der Ausbilder, „sie hat ihre Sache im Hotel durchaus gut gemacht.“

Nach der Randale von Fußballchaoten von Hannover 96 am Sonntag am Braunschweiger Hauptbahnhof sucht die Bundespolizei jetzt dringend Zeugen. Die Randalierer hatten Flaschen und auch einen Feuerlöscher auf die Beamten geworfen.

Tobias Morchner 23.02.2017

Das Wichtigste aus Hannover und der Region lesen Sie wieder in unserem HAZ-Morgenticker. Heute: Der Prozess um die Mutter der "Koffer-Babys" in Vahrenwald wird fortgesetzt, Flakes Corner eröffnet in der Nordstadt, Jennifer Rostock spielt in der Swiss Life Hall.

23.02.2017

Neue Details zu Bauproblemen bei der MHH:  Zu den bereits bekannten Mehrkosten in Höhe von 5 Millionen Euro für das neu gebaute und seit mehr als zwei Jahren leer stehende Laborgebäude könnten noch 1,5 Millionen Euro hinzukommen. Sechs Baufirmen verlangen noch Geld. Der Landesrechnungshof zweifelt die Finanzierung an.

Mathias Klein 26.02.2017