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Aus der Stadt Bäcker Gaues aus Hannover wird zur tragischen Figur
Hannover Aus der Stadt Bäcker Gaues aus Hannover wird zur tragischen Figur
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20:41 11.03.2011
Von Simon Benne
„In meinen Adern fließt Mehl“: Bäckermeister Jochen Gaues. Quelle: Kris Finn

Der Mann ist ständig unter Strom. Nie steht er still. Ein Energiebündel. Ständig hievt er dicke Mehlsäcke hoch, wirft Teiglinge durch die Backstube und schiebt Brote in den Ofen: „Da brauchste kein Fitnessstudio hier“, ruft er laut und lacht. Laut ist er eigentlich immer. Bollerig. Aber mit etwas gutem Willen kann man in ihm auch den bodenständigen, ehrlichen Arbeiter sehen. Er sagt öfter mal „Scheiße“, „Kotze“ oder „geil“, aber irgendwie ist dieser hemdsärmlige, wuchtige Kerl doch auch die Inkarnation ehrlichen, echten Bäckerhandwerks. Zwar einer, mit dem man abends in der Kneipe keinen Streit bekommen möchte. Aber eben auch einer, der zupackt und in jeder Fußballmannschaft schnell den Ton angibt.

So inszenierte sich Jochen Gaues noch am Freitag auf seiner Homepage. Als Bäcker aus Leidenschaft. Man tritt ihm nicht zu nahe, wenn man sagt, dass er ganz schön auf dicke Hose macht. Aber vielleicht inszeniert er sich gar nicht. Wahrscheinlich ist Jochen Gaues sein ganzes Leben lang Jochen Gaues, nicht nur, wenn die Kameras laufen. NDR, RTL, WDR – auf die schick gestaltete Internetseite von „Brot-erbe Gaues“ stellte er etliche Beiträge über den „besten Bäcker Deutschlands“, den „Bäcker der Reichen und Schönen“, der für Leonardo DiCaprio, Jack Nicholson oder den Bundespräsidenten backt. Für den Lafer. Für den Mälzer. Für die Wiener. Für das Adlon. „Was macht Gaues anders als andere Bäcker?“, fragt eine Reporterstimme in einem Film atemlos.

Das Amtsgericht Hannover hat darauf jetzt seine eigene Antwort gegeben. Es verurteilte Gaues’ Frau Elisabeth zu einer Geldstrafe von 14.000 Euro. In der Verhandlung ging es um Schimmel und Schmutz, um Ungeziefer und Fliegenfänger in der Backstube. Elisabeth Gaues ist die Inhaberin des Betriebes. Als sie in der Verhandlung sagte, ihr Mann sei ihr Angestellter und verdiene brutto 1700 Euro, lachte der Saal. Jochen Gaues, ein Akademikersohn aus Sande bei Wilhelmshaven, der von der Realschule abgegangen war, um Bäcker zu werden, war mit seiner eigenen Firma in die Insolvenz gegangen. Seit 2004 führt seine Frau das Geschäft. Der Ferrari, den der 44-Jährige fährt, sei ein Geschenk von ihr, sagt sie. „Und der Wagen ist nur geleast“, sagt Heinz Schulte.

Schulte ist seit dem Gerichtsurteil vom Donnerstag „Berater der Familie“; persönlich mochten die Gaues am Freitag nicht mit der HAZ sprechen: „Das Urteil hat sie hart getroffen, das müssen sie erst mal verdauen“, sagt Schulte. Er betont, dass Elisabeth Gaues nicht vorbestraft sei. Dass die Backstube nicht geschlossen wurde. Und dass die Gaues ihre Lehren ziehen würden: „Mehr Reinigungskräfte einsetzen, strikte Einhaltung der Putzpläne.“ Was dran sei, dass die Backstube in eine Halle am Tönniesberg ziehen soll? „Ist möglich. Das sagt man schon mal schnell. Genauso, wie man schnell mal sagt, dass man die Stadt verlässt“, sagt Schulte.

Das ist vielleicht das größte Problem von Jochen Gaues. In einem Film, der am Freitag noch auf seiner Homepage stand, springt er mit einem T-Shirt durch die Backstube: „Öfter mal die Fresse halten“ steht darauf. Aber er selbst redet sich um Kopf und Kragen. Sprüche wie „In meinen Adern fließt Mehl“ haut er im Minutentakt raus. Er gibt sich als Macher, dem die Theoretiker im Zweifel auf den Geist gehen. Als einer, der auf alte Rezepte statt neumodisches Gedöns setzt. „Unser Backmittel ist die Zeit. Wir lassen die Teige blubbern und bearbeiten sie von Hand“, hat er einmal gesagt. Und damit auch suggeriert, dass in anderen Backstuben eher hektische Maschinisten am Werke sind.

Obwohl mancher Bäcker beklagt, dass das Gaues-Urteil der ganzen Branche schade, überwiegt folglich doch die Genugtuung: „Der Name Gaues steht in meinen Augen nicht für Qualität, Hygiene und ein Betriebsklima, wie sie in einer vorbildlichen Bäckerei herrschen“, sagt Gerhard Bosselmann, Geschäftsführer der „Landbäckerei“-Kette. „Ich wundere mich, dass das überhaupt so lange gut ging“, sagt eine andere Konkurrentin. Schließlich hätten sich Kunden und Vertreter über die Gaues schon lange das Maul zerrissen. Unter Hannovers Bäckern ist jetzt viel die Rede davon, dass Hochmut vor dem Fall kommt und jeder seines eigenen Unglückes Schmied ist.

„Die Promis wissen doch gar nicht, von wem das Brot auf ihrem Teller ist“, sagt ein Bäckermeister. „Zum ,Promi-Bäcker‘ wurde Gaues doch nur von den Medien hochgejazzt – und er hat ihnen Futter gegeben.“ Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie der Ruhm den Gaues über den Kopf gewachsen ist. Wie Jochen Gaues irgendwann so sehr auf die Kameras blickte, dass er den Schmutz in der Backstube nicht mehr sah. Wer an die Öffentlichkeit drängt, wird geliebt, beneidet – und besonders kritisch beäugt. Und er kann in aller Öffentlichkeit scheitern. Man könnte vom Guttenberg-Effekt sprechen. „Nur, dass bei uns nie einer behauptet hat, einen Doktortitel zu haben“, sagt Heinz Schulte, der Berater der Gaues.

Viele Promi-Kunden haben der Bäckerei inzwischen den Rücken gekehrt. Andere möchten nicht mehr mit Gaues in einem Atemzug genannt werden. „Sie müssen das verstehen, die stehen in der Öffentlichkeit“, sagt Schulte. Die Gaues wollten sich jetzt auf das konzentrieren, was sie am besten können, sagt er: „Wir werden daran arbeiten, das beste Brot der Republik zu backen.“

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