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Aus der Stadt Bagger reißt Gräber am Nikolaifriedhof auf
Hannover Aus der Stadt Bagger reißt Gräber am Nikolaifriedhof auf
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06:15 21.11.2012
Von Conrad von Meding
„Rabiates Vorgehen“ am ältesten Gebäude der Stadt: Bagger graben an der Friedhofskapelle in der Goseriede und legen dabei Skelettteile und Gruften frei. Quelle: Bernd Schwabe
Hannover

Der von Bürgern am Wochenende alarmierte Vorsitzende der hannoverschen Baudenkmal-Stiftung, Sid Auffarth, bestätigt den Eindruck: „Es sieht aus, als seien die Arbeiter sehr rabiat vorgegangen und die Denkmalpfleger vorher nicht eingeschaltet worden.“ Noch ist unklar, ob es sich um Pannen beim Bauablauf oder genehmigte Arbeiten handelt.

An der Goseriede lässt die Stadt neben dem ältesten erhaltenen Bauwerk Hannovers, der Nikolaikapelle von 1325, einen steinernen Platz anlegen. Die Flächen, die durch den Umbau des Straßenraums frei geworden sind, sollen einem neuen Gestaltkonzept folgend besser genutzt werden. Der Umbau ist Teil des Ergebnisses vom Stadtdialog City2020, der die Innenstadt wieder lebenswerter machen soll.

Dass der Umbau an Klagesmarkt und Goseriede auf den Fundamenten des ältesten Friedhofs der Stadt vorgenommen wird, ist auch den Mitarbeitern in der Bauverwaltung klar. Lange hatte es Diskussionen darüber gegeben, wie mit den historisch teilweise wertvollen Grabmälern auf dem Nikolaifriedhof umzugehen ist. Das geweihte Areal war in der Nachkriegszeit bereits für großflächige Straßenanlagen bebaut worden, damals wurde auch die Ruine der Nikolaikapelle rücksichtslos zerschnitten. Mit diesem geschichtsvergessenen Umgang hätte nun Schluss sein sollen. Dem Ort hätte dem städtischen Konzept zufolge seine Würde zurückgegeben werden sollen - ob das derzeit gelingt, steht zumindest infrage.

Beim Umbau der Goseriede in der Innenstadt hat ein Baggerfahrer zahlreiche historische Gräber geöffnet.

Am Wochenende haben zahlreiche Passanten an der Baustelle über die Knochenreste diskutiert, die dort aus dem Boden lugen. Hobbyhistoriker Bernd Schwabe, der am Sonntag als Erster die HAZ über den Vorgang informierte, war entsetzt: „Schwimmbadweise“ habe der Baggerfahrer das Erdreich mit Knochenteilen ausgehoben und keinerlei Rücksicht gezeigt. „Als ich ihn ansprach, ist er sauer geworden und hat mich des Platzes verwiesen.“ Schwabe wundert sich: „Normalerweise dürfte man an solch einem Ort doch erwarten, dass schon ab dem ersten Fund vorsichtig mit Pinsel und Spatel gearbeitet wird.“

Auch Bauhistoriker Sid Auffarth schwant Böses. „Ich fürchte, dass auch an den anderen Stellen rund um den alten Klagesmarktkreisel ähnlich rücksichtslos vorgegangen wurde.“ Schließlich liefen die Straßenbauarbeiten dort bereits seit Monaten. Er hat gemeinsam mit Ehefrau Hella am Sonntag die Ausgrabungsstelle besucht. „Wir haben herumliegende Knochenreste und ganze Schädeldecken vorsichtig auf einer Stelle zusammengelegt“, sagt er: „Vielleicht wird den Bauarbeitern so klar, dass sie sich auf einem Friedhof bewegen, der etwas mehr Sensibilität verdient hat.“

Der Friedhof ist seit dem 19. Jahrhundert nur noch ein Park, dort gibt es seitdem keine Begräbnisse mehr. Mit seinen Grabmälern ist er aber ein wichtiges Zeugnis der Stadtgeschichte. Als eines der schönsten gilt das Denkmal für den Dichter Ludwig Christoph Heinrich Hölty mit der Bronzestatue eines trauernden Jünglings. Hölty soll auf dem Friedhof begraben sein, die genaue Lage der Grabstelle ist unbekannt. Weitere Grabanlagen gehören zu den hannoverschen Familien Wedekind, Maschmeyer, Andreae, Hinüber oder von Anderten. Auch Jean Joseph la Croix ist dort beerdigt. Der französische Fontänenmeister hat die Wasserspiele in den Herrenhäuser Gärten mitentwickelt. Ein Team der Universität hatte sich 2004 unter der Leitung von Juniorprofessor Paul Zalewski darangemacht, die historischen Grabsteine zu katalogisieren. Jetzt sind viele von ihnen in einer Ecke des Friedhofparks zwischengelagert, zum Teil zerbrochen.

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