Hannover. Es war reiner Zufall, dass Wilfried Bleich und seine Lebensgefährtin ausgerechnet gestern ins Reisezentrum im Hauptbahnhof gingen. Das Paar zog eine Wartenummer und wurde dann ausgerechnet an den Schalter geleitet, der von Kamera- und Radioteams mit langen Mikrofonstangen dicht umlagert wurde. Die beiden Rentner ließen sich davon nicht aus der Ruhe bringen und plauderten ausführlich mit dem älteren Herren im dunklen Anzug, der als Zweitkraft neben dem Reiseberater saß.
Dass es sich dabei um Rüdiger Grube handelt, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG, haben beide da längst bemerkt. „Wir kennen ihn doch aus dem Fernsehen. Und wir haben keine Berührungsängste“, versichert Bleichs Lebensgefährtin. Die sind auch Grube fremd. Und mit dem entspannten älteren Paar hat der Bahnchef auch noch freundliche Kunden vor sich, die gar nicht auf Kritik aus sind. Nur einen kleinen Scherz über das Thema Zugverspätungen will Wilfried Bleich sich dann doch nicht verkneifen. Das neue Wartesystem mit den Nümmerchen gefällt beiden jedenfalls gut. „Früher standen hier lange Schlangen. Jetzt geht es doch flott.“
„Nett und freundlich“ sei der Herr Grube, meint Wilfried Bleich hinterher, „so wie die anderen Mitarbeiter im Reisezentrum.“ Bleichs Begleiterin merkt aber noch an, dass der Kauf einer Fahrkarte nach Berlin sonst schneller gehe. „Sie wollten uns natürlich noch eine Bahncard aufschwatzen. Dabei fahren wir doch auch viel Auto.“
Rüdiger Grube hat gestern eine ganze Reihe von Kundengesprächen geführt – bevor die Medienleute zum Foto- und Filmtermin dazukamen. „Das System zum Aufrufen der Kunden kann ich jetzt bedienen. Mehr noch nicht. Das ist kein Job, den man eben mal mit links lernt.“ Der Bahnchef lobt die Mitarbeiter im Kundenzentrum für ihr freundliches Auftreten und die gute Beratung. „Ich habe gelernt, dass die Kunden auch bei Pannen viel Verständnis haben, wenn man es ihnen erklärt.“ Reiseberater Thomas Reykowski stand Grube bei der Beratung zur Seite – und machte nebenbei seine eigenen Beobachtungen. „Man sollte denken, der Chef eines so großen Unternehmens hätte keine Volksnähe. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Er hat jeden Kunden mit Handschlag begrüßt.“ Reykowski war vom Einsatz seines Chefs angetan. „Er hat das prima gemacht. Das muss ich ehrlich sagen.“
Mit der Stimmung der Mitarbeiter in den Reisezentren steht es aber eigentlich nicht zum besten. Von den bundesweit 2350 Jobs sollen womöglich 700 gestrichen werden, weil immer mehr Kunden ihre Fahrscheine an Automaten oder im Internet kaufen. Angedacht ist, 350 frei werdene Stellen in den nächsten fünf Jahren einzusparen und 350 Mitarbeiter umzuschulen. Das Thema wollten die Kundenberater gestern Nachmittag im Gespräch mit ihrem Chef anschneiden.
Grube betonte vor dem Mitarbeitergespräch, die bundesweit 400 Reisezentren blieben bestehen. Und der Stellenabbau sei noch nicht beschlossen. „Wir diskutieren auch, andere Arbeit wie die Rückgabe von Onlinetickets in die Reisezentren zu verlagern. Das wäre ein Schritt zu mehr Kundenzufriedenheit.“ Wie diese Frage ausgeht, steht offen. Mit seinem Besuch konnte Grube aber bei den Mitarbeiterrn punkten, schätzt Reykowski. „Er sagt nicht nur, dass er Kontakt zu den Mitarbeitern will, er macht das auch. Und das kommt bei uns Kollegen gut an.“
Dieser Artikel wurde aktualisiert.
HAZ.de Anmeldung
7