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Aus der Stadt Basilika bekommt jetzt ihre Strickmütze
Hannover Aus der Stadt Basilika bekommt jetzt ihre Strickmütze
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07:09 09.10.2014
Die ersten Teile des Strickgraffitis werden entrollt. Quelle: Thomas
Hannover

Rechtzeitig vor den kalten Herbsttagen hat die Strickkünstlerin Mansha Friedrich der Kuppel der Basilika St. Clemens eine Mütze aufgesetzt. In den Farben des Bistums Hildesheim in Gelb, Pink, Rot und Weinrot hebt sich die Strickinstallation von der kupfergrünen Kuppel ab. Wirklich wärmen dürfte das eher grobmaschige Wollnetz aus fünf farbigen Ringen allerdings kaum. Den ganzen Tag hatte ein Team von drei Industriekletterern am Mittwoch mit der Installation der Wollbahnen zu tun.

Rund 130 freiwillige Strickerinnen und eine Handvoll Stricker hatten seit Ende März in ihrer Freizeit Masche um Masche aufgezogen: „Man wundert sich, wie lange man für einen Meter stricken muss“, sagt die 75-jährige Ragnhild Faber, die außerdem das Sticken des Schriftzugs „1200 Jahre“ übernommen hat. „Bistum Hildesheim hab ich dann weggelassen – das wurde mir zu lang!“, sagt sie augenzwinkernd.

Nach und nach werden die über 350 Strickteile für die Kuppel der Basilika St. Clemens in der Calenberger Neustadt entrollt. Voraussichtlich um 17 Uhr soll das Haupt der Kirche dann komplett umschlossen sein.

Das Wollnetz wiegt 200 Kilogramm, nass ist es um das Dreifache schwerer. Ein Teil des Materials ist von den Strickerinnen gespendet worden, viele hatten noch Reste zu Hause. 100 Kilogramm sind so zusammengekommen, die andere Hälfte hat die katholische Kirche übernommen. Für Iris Wesely hat die Berichterstattung in der HAZ den Impuls gegeben, bei dem Projekt mitzumachen: „Ich bin ja gar nicht katholisch, sondern eher ökumenisch. Aber ich kenne Christos Verpackungskunst und wollte bei sowas einfach mal mitmachen“, erzählt die 58-jährige Radiologin. Auch die Künstlerin Mansha Friedrich ist nicht katholisch, sieht in dem Projekt vor allem eine „Werbung für die Gemeinschaft“. Zudem zeige sich die Kirche damit „jünger und moderner“. Allerdings ärgert sie sich darüber, dass sie als Strickkünstlerin immer wieder für den Materialverbrauch kritisiert wird – auch bei diesem Projekt.

Knapp 100 Frauen - und eine Handvoll Männer - wollen der St. Clemens Basilika eine neue Haube aufsetzen. 400 Quadratmeter müssen dafür gestrickt werden.

Das gehe anderen Künstlern, die mit Farbe oder Holz arbeiten, auch nicht so, sagt sie. Bei dem Kuppelprojekt gebe es allerdings nichts zu meckern, findet sie: Nachdem das Netz aus Wollteilen einen Monat die Kuppel ziert, wird es weiter verwendet. Dafür sollen die Strickbahnen zunächst gründlich gewaschen werden. Dann bessern die Strickerinnen etwaige durch Witterung entstandene Schäden aus und nähen die Teile wieder zu Decken zusammen. Am 13. Dezember werden diese zugunsten der Ökumenischen Essensausgabe in Hannover versteigert. Auch die übrigen Wollreste sollen als Strümpfe, Mützen und Schals auf dem Kirchenbasar zu finden sein. Die Idee zu dem Projekt hatte Annedore Beelte-Altwig, ehemalige Sprecherin der katholischen Kirche in Hannover, aus dem Motto „Ein heiliges Experiment“ entwickelt, das die Jubiläen zum 1200-jährigen Bestehen des Bistums Hildesheim und 300-jährigen Bestehen der Basilika St. Clemens begleitet. „Die Kirche entwickelt sich wie die Gesellschaft und ihre Werte weiter, neue Zugänge müssen gefunden werden und neue Formen“, sagt Pastoralreferentin Ewa Kardoczak. So sei die Strickinstallation symbolisch zu sehen.

Katharina Derlin

Die Kuppel ist erst 65 Jahre alt

Die Basilika St. Clemens ist historisch die erste katholische Kirche Hannovers, die nach der Reformation gebaut wurde. Die Katholiken durften sie außerhalb der Altstadt in der Calenberger Neustadt errichten. Sie ist heute aber schöner, als sie ursprünglich war - die Kuppel, bereits in den ersten Plänen zu erkennen, ist erst in der Nachkriegszeit auf das Gebäude gesetzt worden. Grundsteinlegung war 1712, Weihung 1718. Baumeister war der berühmte venezianische Komponist, Diplomat und Baumeister Agostino Steffani, der als Hofkapellmeister in Hannover angestellt war und der die Detailplanung 1711 seinem Landsmann Thomaso Giusti übertrug. Giusti plante einen venezianischen Kuppelbau mit zwei flankierenden Türmen. Auf beides aber musste beim Bau verzichtet werden, weil das Geld trotz eines päpstlichen Zuschusses nicht reichte. Nachdem die Kirche im Krieg einen Bombentreffer erhalten hatte, wurde sie bis 1949 neu aufgebaut - und diesmal auch mit der Kuppel. Heute ist die Basilika St. Clemens die katholische Hauptkirche von Hannover und das Zentrum des Regionaldekanats. Sie gehört zur Pfarrgemeinde St. Heinrich im Dekanat Hannover des Bistums Hildesheim.

med

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