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Bei Leinehertz 106.5
 darf jeder mitmachen
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Bürgerradio Bei Leinehertz 106.5
 darf jeder mitmachen

Seit dreieinhalb 
Jahren ist das 
Bürgerradio  Leinehertz 106.5
 auf Sendung.
 Puristen meinen, 
es orientiere sich
zu sehr am 
Mainstream. Den
 Machern macht
 das nichts.

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Deutsch-türkische Sprachmelange: Ayse Sagir behandelt in ihrer Sendung alles, was ihr am Herzen liegt.

Quelle: Emine Akbaba

Hannover. Es ist 19.48 Uhr. Ayse Sagir atmet tief durch. „Kurz vor der Sendung bin ich doch jedes Mal wieder aufgeregt“, sagt sie. Sagir steht in einem der drei Studios von Radio Leinehertz, das Fenster hat sie geöffnet, unten rauscht leise der Verkehr der Hildesheimer Straße vorbei. Ihre Schuhe mit den Keilabsätzen hat die 36-Jährige ausgezogen, sie tänzelt auf Socken vor dem Mikrofon auf und ab und nimmt einen Schluck Bananensaft. Es kann losgehen.

Seit drei Jahren geht Sagir jeden Dienstag um 20 Uhr live auf Sendung. Sie belegt einen von 70 offenen Sendeplätzen bei dem Bürgerradio. Sagirs deutsch-türkisches Programm heißt „Selam“, was so viel heißt wie „Friede sei mit euch“. Ihr Programmentwurf ist einfach: Sie behandelt alle Themen, die ihr am Herzen liegen.

Heute stellt Sagir die Initiative „One Billion Rising“ vor, eine weltweite Kampagne gegen den Missbrauch von Frauen. „Erhebt auch ihr eure Stimme gegen Gewalt“, fordert Sagir ihre Hörer auf und informiert, fröhlich zwischen Deutsch und Türkisch wechselnd, über das, was in Hannover geplant ist. „Am Valentinstag, 14. Februar, gibt es einen Sternmarsch zum Schillerdenkmal. Ich poste euch die Details auf unserer Facebook-Seite. So, und jetzt ein Lied, das toll dazu passt. Es ist von einer wunderbar emanzipierten Sängerin. Sie heißt Nil Karaibrahimgil oder kurz einfach Nil.“

Das war’s. Sagir streift die Kopfhörer ab, Zeit für eine Verschnaufpause. Angesprochen auf ihre deutsch-türkische Sprachmelange, lacht Sagir: „Ja, so machen wir Deutschtürken das eben, wir wechseln sogar mitten im Satz.“

Authentizität, nah dran sein an den höchst unterschiedlichen Zielgruppen, sich Nischenthemen jenseits des Massengeschmacks und der großen Schlagzeilen annehmen – das hat sich das Bürgerradio Leinehertz 106.5 vorgenommen. Und dieses Ziel versuchen die Radiomacher seit dem 17. Juni 2009 mit Leidenschaft und Liebe zum Detail umzusetzen.

Seit dem Sommer vor dreieinhalb Jahren hat sich viel getan. Heute arbeiten in den beiden übereinanderliegenden Wohnungen in der Hildesheimer Straße 29 zwischen dem Supermarkt Rewe und dem Traditionsgeschäft Käse Schaub elf feste Mitarbeiter, ein Dutzend Praktikanten sowie 200 Freiwillige, die den Bereich der offenen Sendeplätze betreuen. Von 6 bis 18 Uhr sendet Leinhertz 106.5 sein normales Programm. Das zeichnet sich zwar durch einen starken Regionalbezug, einen verhältnismäßig hohen Anteil von Wortbeiträgen und auch immer mal wieder ungewöhnliche Ideen aus, fügt sich aber ansonsten relativ glatt in die herkömmliche Radiolandschaft ein: Es gibt Hits aus allen Jahrzehnten, zur halben und vollen Stunde Nachrichten und Blitzermeldungen. Nach 18 Uhr gehört der Sender jedoch den Bürgern. Und so spiegelt der Bereich der offenen Sendeplätze, also der Teil des Senders, in dem Hannoveraner ihre individuellen Inhalte vermitteln und eigene Sendungen produzieren, eine beeindruckende Vielfalt. Allein 40 Musikmagazine gibt es. Die Palette reicht von der Sendung „Operette sich wer kann“, die von Opernsängern gestaltet wird, über „Engelberts Schlagerperlen“ bis hin zu Country, Gospel, Metal und Gothic.

Dazu kommen Sendungen für Senioren, Magazine für Migranten und Projekte wie Schülerradio. Es gibt Beiträge, die über Naturheilkunde, Sport, Bildung, den Nahverkehr oder das Handwerk in der Region informieren. Aktuelle Kinofilme werden rezensiert, die Historie der Langspielplatte beleuchtet, Chefärzte aus den Kliniken der Region informieren darüber, was Patientenverfügungen sind, woher Bauchschmerzen kommen oder wie man mit dem Rauchen aufhört, und immer sonntags liest die afrikanische Märchenerzählerin Ombeni Gutenachtgeschichten vor.

„Bei uns kann jeder klingeln und mitmachen“, sagt Programmdirektor Achim Wiese. „Solange die Sendungen nicht gegen Gesetze verstoßen, greifen wir nicht ein.“ Vorkenntnisse müssen die Laienmoderatoren nicht haben. Leinehertz bietet kostenlose Schulungen, die technischen Notwendigkeiten wie Mikrofone und Aufnahmegeräte können geliehen werden. Viele Sendungen werden vorproduziert. „Bei uns sitzt selten jemand nachts im Studio“, sagt Wiese. Für jeweils sechs Monate werden die offenen Sendeplätze ausgeschrieben. Wichtig ist Wiese und Georg May, der seit einem halben Jahr Geschäftsführer des Senders ist, die Verlässlichkeit der Hobbymoderatoren. „Das ist schon eine Verpflichtung, die man da eingeht, und das müssen wir manchmal auch deutlich machen“, sagt May, „aber in der Regel klappt das gut.“

Mit der bisher erreichten Hörerzahl von rund 30 000 sind die Senderverantwortlichen zufrieden. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt Wiese, der früher bei dem Radiosender Hitradio Antenne gearbeitet hat. Zu den Vorwürfen, Leinhertz sei im Tagesprogramm zu massenkonform und vor allem musikalisch gesehen zu wenig alternativ, sagt er: „Dem Hörer ist es egal, ob wir ein Bürgerradio sind oder nicht. Er ist vielleicht etwas toleranter, wenn die Moderation nicht ganz so professionell ist, aber er wird nur wieder einschalten, wenn ihm gefällt, was er hört.“ Wiese weiß, dass man mit Musik Hörer ködern kann, aber noch mehr kann man sie vergraulen. „Und da können wir nicht um 11 Uhr morgens Heavy Metal oder so etwas spielen“, sagt er. „Wir müssen auf die Bedürfnisse aller eingehen und ein Programm machen, das für möglichst viele als Begleiter des Tages funktioniert. Metal oder Schlager aus den Fünfzigern gibt es dann eben abends.“

Die Kritik, Leinehertz würde sich im Hauptprogramm zu wenig von dem abheben, was kommerzielle Sender spielen, kam vor allem von Anhängern des Bürgerradios Flora, dem Vorgänger von Leinehertz. Flora hatte die Lizenz 2008 verloren, weil der Sender zu viel Spartenmusik spielte und damit zu wenig Hörer erreichte. May und Wiese begegnen den Diskussionen um die „Klangfarbe“ ihres Senders mit Gelassenheit. Ihr Blick ist in die Zukunft gerichtet. An Kreativität und Visionen mangelt es ihnen nicht. Seit September bindet Leinehertz 106.5 verstärkt die regionale Musikszene in das Programm ein. Mindestens ein bis zwei Titel regionaler Bands sind pro Stunde zu hören. Jeden Nachmittag von 16 bis 16.30 Uhr sind junge hannoversche Musiker im Studio zu Gast, geben Interviews und spielen „unplugged“, also nur mit mechanischen Instrumenten. „Wir wollen den Sender und die Musikszene vor Ort stärker vernetzen“, sagt May.

Und nicht nur das. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler hat weitere Pläne. Es wird regelmäßig freitags „Art-Nights“ mit hannoverschen Künstlern geben, ihre Kunstwerke werden vorher auf Facebook gepostet. Kontakte zur Szene der Poetryslamer und Slow-Food-Anhänger sind ebenfalls geknüpft. „Wir wollen uns noch stärker mit den gesellschaftlichen Strömungen in der Region verbinden.“

Und auch sein Programmdirektor hat Visionen. Wieses Traum heißt Bürgerreporter. „Ich stelle mir vor, wir haben zum Beispiel welche in Pattensen, die uns dann auf dem Laufenden halten, was die Leute da vor Ort so bewegt.“

Julia Pennigsdorf

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