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Aus der Stadt „Haut ab, das ist unsere Stadt“
Hannover Aus der Stadt „Haut ab, das ist unsere Stadt“
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00:15 18.11.2014
Nach den Kundgebungen am Steintor und der Goseriede setzte sich der Zug der Gegendemonstranten zu einem Marsch durch die Stadt in Bewegung. Quelle: HAZ
Hannover

Die Hotels am Raschplatz hatten ihre Glasscheiben verbarrikadiert, Kaufland schloss aus Sicherheitsgründen schon gegen Mittag, und das Cinemaxx und das Kino am Raschplatz ließen alle Nachmittagsvorstellungen ausfallen: Hannover hatte sich bei der Demonstration der Hooligans auf das Schlimmste eingestellt.

Doch die Veranstaltung der HogeSa (Hooligans gegen Salafisten) kommt am Sonnabend nur langsam in Schwung. Das mag auch an den hohen Sicherheitsauflagen der Polizei gelegen haben: Die Teilnehmer werden einzeln durchsucht, die Ordner müssen sich einem Alkoholtest unterziehen. Wer mehr als 0,3 Promille hat, darf diese Funktion nicht ausüben. Aus Sicherheitsgründen sind auch diverse Straßen in der Innenstadt gesperrt, die Hamburger Allee ist nur eine davon. Auch im öffentlichen Nahverkehr gibt es Änderungen: Schnell bitten Polizei und Üstra, dass am Sonnabendvormittag niemand mehr am Hauptbahnhof aussteigt, sondern auf andere Haltestellen ausweicht.

Den Live-Ticker zum Nachlesen finden Sie hier.

Der ZOB ist mit Gittern umstellt, ein dichter Polizeikordon ist drumherum platziert. Die Hooligans kommen in Gruppen. Einige skandieren "Hooligans, Deutschland, Hooligans, Deutschland". Andere recken die Fäuste in die Luft, tragen T-Shirts mit Aufdrucken wie "Hoolizei" und "Anti-Sharia-Team" und skandieren "Hurensöhne". Hannes Ostendorf, Sänger der Band "Kategorie C" trifft in einem dunklen Van ein. Die Band darf nicht spielen, das gehört zu den Auflagen. Und auf der Bühne, einem umfunktionierten Lastwagen, darf er auch nicht reden. Das macht ihm die Polizei schnell klar. 

Noch am Freitag war die Hooligan-Demo von 12 auf 11 Uhr vorverlegt worden, doch dieser Zeitplan erweist sich als illusorisch. Bis schlussendlich alle 3200 HogeSa-Demonstranten eingetroffen sind, ist es viel später. Erst gegen 12.40 Uhr beginnt die Demo mit dem Verlesen der Auflagen. Das alles begleitet von einem massiven Polizeiaufgebot, die von der ersten Minute an Stärke demonstriert. Das erkennen auch die Mitglieder der Hooligan-Gruppe "Beserker Pforzheim", die in Köln noch so viel Ärger bereitet haben. Eine Situation wie dort, wo die Polizei regelrecht überrannt wurde, wird es am Sonnabend in Hannover aber nicht geben.

Während sich die Hooligans in Hannover zu ihrem Aufmarsch rüsten, haben Gegendemonstrationen begonnen. Klicken Sie sich hier durch die Eindrücke. 

Derweil haben sich am Steintor und an der Goseriede bei den beiden größten Gegenveranstaltungen annähernd 6000 Menschen versammelt, die Flagge zeigen gegen die Hooligans am ZOB. Unter ihnen sind Grünen-Chef Anton Hofreiter und auch Claudia Roth. Oberbürgermeister Stefan Schostok redet, der ehemalige Fury-in-the-Slaughterhouse-Musiker Rainer Schumann spielt auf der Bühne. IG-Metall-Bezirkschef Hartmut Meine bringt die Stimmunng auf den Punkt, als er ins Mikro ruft: "Haut ab, das ist unsere Stadt".

Gegen 13 Uhr beginnen die Gegendemonstranten mit ihrem Zug durch die Stadt, der Andreas-Hermes-Platz ist das Ziel. War es bis dahin vollkommen friedlich gewesen, ändert sich die Stimmung nun langsam. Einige Autonome im Zug vermummen sich, sind offensichtlich auf Krawall aus.

45 Minuten später ist es dann soweit: Einige Vermummte aus der Gegendemonstration wollen an der Ecke Berliner Allee/Königsstraße die Polizeisperre durchbrechen, um zur Demo der Hooligans zu gelangen. Böller und Flaschen fliegen, ein Auto der Polizei wird beschädigt, doch die Sicherheitskräfte verhindern den Durchbruch.

Der Protest von 3200 Hooligans und Rechtsextremen in Hannover ist weitgehend friedlich verlaufen. Einen Polizeieinsatz dieser Größenordnung hatte es jedoch seit Jahren in Hannover nicht mehr gegeben.

Je näher der Zug an den Hooligans vorbeizieht, desto hitziger wird die Stimmung bei einigen: Die Linksextremen verhöhnen die "Hooligans gegen Salafismus" (HoGeSa): "Ihr wart auf einem Platz, auf dem Euch niemand hört. Also vergesst doch Eure "HoGeSa"-Sache", dröhnt es aus einem Lautsprecherwagen. Die Ordner der Rechten halten ihre eigenen Leute zurück, damit sie nicht näher an die Absperrgitter rücken. Die Polizei redet beruhigend auf die Demonstranten ein, fährt dann aber auch mit ihren Wasserwerfern vor und wartet ab. Der Redner bei den Hooligans hat einen schweren Stand, ihm hört kaum noch einer zu. Außerdem sind die meisten Demonstranten dort hungrig: Geschäfte in ihrer Nähe haben nicht auf.

Die ersten Hooligans verlassen ihre Demonstration, sie gehen durch ein Polizeispalier zum Bahnhof. Von der Lastwagen-Bühne schallt nun doch Musik von "Kategorie C" – allerdings nicht live, sondern vom Band. Ein Sprecher ermahnt die Hooligans, sich nicht von den Linken provozieren zu lassen. Gegen 15 Uhr wird ihre Demo aufgelöst.

Auch am Andreas-Hermes-Platz ist fast zeitgleich Schluss. Bis auf eine hitzige Phase ist es erstaunlich friedlich geblieben. Ein Redner ermahnt die Demonstrationsteilnehmer noch, nur in Gruppen nach Hause zu gehen und den Bahnhof zu meiden, weil dort noch Hooligans seien.

Nach dem Auflösen der Demonstrationen kommt es allerdings zum Unvermeidlichen: Es gibt im Verlauf des Abends überall kleinere Scharmützel. Zwischendurch sperrt die Polizei den Hauptbahnhof kurzzeitig komplett, weil es zu Rangeleien kommt. Passanten sind irritiert, aber das löst sich schnell wieder auf.

Zwei ernstere Zwischenfälle gibt es allerdings: Ein Hooligan wird in der Herschelstraße attackiert, er muss ins Krankenhaus gebracht werden. Sympathisanten teilen mit, dass er eine Rippenbruch, Nasenbeinbruch, eine Schädelfraktur und Stichverletzungen erlitten habe. Ein Polizeisprecher sagt am Sonntagmittag, dass er dazu keine Erkenntnisse habe.

In der Andreaestraße überfallen Vermummte die Kneipe "Larifari": Sie zünden bengalische Feuer, werfen Stühle ins Fenster und rufen "Nazischweine". Die Gäste in der Kneipe – anscheinende Teilnehmer der HogeSa-Demo – haben Angst und berichten, dass sie mit Zwillen beschossen worden sind.

Während die Sicherheitskräfte am Ende des Tages zufrieden sind, weil außer weiteren Rangeleien im Vergleich zu Köln nicht viel passiert ist, ziehen die Geschäftsleute in der Innenstadt lange Gesichter. Viele Hannoveraner sind aus Angst vor Ausschreitungen daheim geblieben. Umsatzeinbußen von etwa 50 Prozent hätte es gegeben, sagt ein Kaufhaus-Mitarbeiter.

Am Sonntag hat die Polizei dann Bilanz gezogen und war mit dem Verlauf der Demonstrationen und der ruhigen Nacht zufrieden: 91 Strafverfahren leitete sie ein, hauptsächlich Verstöße gegen das Versammlungsgesetz, gefährliche Körperverletzungen und Verstöße gegen das Waffengesetz. Elf Demonstranten sind vorläufig festgenommen und nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen wieder entlassen worden. Die Polizei stellte 100 Gegenstände sicher - unter anderem Schutzbekleidung, Vermummungsgegenstände und Waffen (Messer und Pfefferspray), sowie eine Drohne, die ein Versammlungsteilnehmer am Andreas-Hermes-Platz eingesetzt hatte.
Bei dem Einsatz zogen sich lediglich fünf Polizisten leichte Verletzungen zu: Zwei Beamte wurden von Flaschenwürfen, einer von einem Faustschlag, einer von einem Biss eines Diensthundes und einer vom eigenen Pfefferspray verletzt. Beamte stellten die Flaschenwerfer, bei der Festnahme des einen Täters zog sich dieser einen Schulterbruch zu. "Weitere Verletzungen auf Seiten der Versammlungsteilnehmer sind uns nicht bekannt geworden", schreibt die Polizei in ihrer Bilanz.
Polizeipräsident Volker Kluwe war mit dem restriktiven Vorgehen zufrieden: "Ich bin mit dem Einsatzverlauf und dem Ergebnis sehr zufrieden. Dies konnten wir nur mit der Unterstützung der Polizeien anderer Länder und der Bundespolizei erreichen."

sbü (mit lni)

Kommentar von Volker Goebel

Zeichen gesetzt

Am Ende dieses aufreibenden Tages war es vielen Hooligans in der Sperrzone einfach nur langweilig: Zu trist der ihnen zugewiesene Kundgebungsort, zu einschüchternd die Einzelkontrollen der Polizei - nicht einmal Alkohol durfte getrunken werden, das hielt den Spaßfaktor sehr in Grenzen. Nicht wenige drängte es zur vorzeitigen Abreise. So gesehen ist die Strategie der Polizei voll und ganz aufgegangen. Nachdem es ihr nicht gelungen war, die Veranstaltung der „Hooligans gegen Salafisten“ zu verbieten, betrieb sie größtmöglichen Aufwand, um gewalttätige Ausschreitungen, wie es sie im Oktober in Köln gegeben hatte, zu verhindern. Was hätte sie auch sonst tun sollen? Ob das Ganze am Ende nicht übertrieben war, ob die Kosten nicht jedes Maß sprengen und ob man jetzt immer Tausende Polizisten mobilisieren will und kann, um einen kleinen Haufen von potenziellen Gewalttätern im Griff zu behalten, das sind Fragen, die sich wohlfeil stellen lassen, nachdem solch eine Veranstaltung weitgehend friedlich zu Ende gegangen ist. Hätte es Straßenschlachten, Verletzte und große Schäden in Hannovers Innenstadt gegeben - dann wären die Sicherheitsbehörden die Dummen gewesen. 

Hannover hat also auf jeden Fall ein Zeichen gesetzt. Die Polizei zögerte nicht, der Versammlungsfreiheit von Hooligans und Rechtsradikalen engste Grenzen zu setzen. Gewerkschaften, Parteien und Kirchen machten mit ihrer Gegendemonstration deutlich, dass man nach wie vor wachsam ist gegenüber jenen, die unter alten oder neuen Vorzeichen Hetze und Unfrieden verbreiten wollen. Die Redner auf der „Bunt statt Braun“-Kundgebung, allen voran Oberbürgermeister Stefan Schostok, haben darauf hinwiesen, dass in dieser Stadt ein Klima der Toleranz und des friedlichen Miteinanders herrscht.  Das kommt nicht von alleine. Viele Menschen engagieren sich dafür, setzen sich etwa für Minderheiten und Flüchtlinge ein. Und alle wissen, dass es  in diesen Zeiten manchmal nicht einfach ist, den Einflüsterungen der Populisten, der Propagandisten und der Ewiggestrigen etwas entgegenzusetzen. Auch das ist in Hannover gelungen.

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